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Ausstellungsansicht Projektteil 1
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XXL Körper und Räume / Übermalungen
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Durch die Brille
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Kann man Bewegung malen?
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Farbrauschen
Deutlich Unscharf
Schule:
Grundschule Neetze
Süttorfer Weg 17-19
21398 Neetze
Telefon 05850/260
www.grundschule-neetze.de

Grundschule / Gebundener Halbtag
 
Kooperationspartner:
KUNSTRAUM TOSTERGLOPE e.V.
Im Alten Dorfe 7
21371 Tosterglope
www.kunstraum-tosterglope.de

Jutta Brüning Bildende Künstlerin / Kunstvermittlerin
Werkstatt für künstlerischen Siebdruck
Kirchring 6, 21401 Thomasburg
Telefon 05859 585
www.kunst-und-siebdruck.de

Inge Luttermann Fotografin / Kunstvermittlerin
www.ingeluttermann.de

 
Beteiligte Schüler:
54
3 Eingangsstufen Klassen (Jahrgansstufen 1 - 2), davon sind 2 Inklusionsklassen
 
Beteiligte Lehrkräfte:
3 Klassenlehrer_innen, 1 Referendarin, 2 Schulpraktikant_innen
 
Stundenvolumen:
Projektteil 1 = 2 Wochenstunden über 5 Wochen
Projektteil 2 = 2 Wochenstunden über 6 Wochen
Projektteil 3 = 2 Wochenstunden über 5 Wochen
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Deutlich Unscharf


Ein Kunstvermittlungsprojekt, in drei Teilen

Das Projekt verfolgt ein Spiel mit Wahrnehmungen bei schlechter Sicht, mit unterschiedlichen Nebel-Dichten, Verschleierungen und unscharfen Räumen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass unklare, nebelige Räume die Phantasie stark anregen. Ungenaue Sicht irritiert gewohnte Ansichten und provoziert Erklärungen und Deutungen, die sich an Vertrautem orientieren und gleichzeitig unbekannte Wege öffnen. Was kann ich bei diffuser Sicht noch erkennen, wie verändern sich die Konturen und die Farben von Gegenständen und Personen? Wie nah muss ich an etwas herantreten, um es klar sehen zu können? Diese Fragen begleiten uns während des gesamten Projektes.

1.Projektphase im Herbst 2011
Spielräume in Unschärfe

beteiligt sind 17 Schüler_innen und die Lehrerin Kirsten Bumiller

Zehn Meter Gartenvlies benutzen wir als Nebelschweif, der unterschiedlich überlagert wird und die Schüler anregt, mit der wechselnden Transparenz zu spielen und ungewöhnliche, bewegte Räume auf dem Schulhof zu entdecken. Wie klingt ein gedämpfter, nebeliger Raum?
In der Aula, auf dem Vlies liegend, nehmen die Kinder verschiedene Körperhaltungen ein und zeichnen mit Kohlestiften gegenseitig ihre Umrisse nach. Sie schichten sie zeichnerisch übereinander und verdichten sie zu einem Liniengewirr. Im nächsten Schritt füllen sie ihre Körperspuren mit Aquarellstiften, Wasser und Schwämmen malerisch aus. Dabei müssen die Kinder sehr genau hinschauen, um ihre Ausgangspositionen aus den Überlagerungen herauszufinden.

Mit Hilfe von übergroßer XXL- Kleidung verwandeln sich die Kinder mit großem Spaß in fremdartige Wesen, die eigenartige, schwammige Verformungen erleben. Allein, zu zweit oder zu mehreren in einem Kleidungsstück bewegen sie sich ungewohnt im Raum. Dies erfordert eine besonders gute Koordination und rechtzeitige Absprachen. Werden die Verwicklungen zu kompliziert, verlieren die Wesen ihr Gleichgewicht, fallen um und verharren in komischen, absurden Positionen.

Im nächsten Schritt beschäftigt uns die Frage, ob und wie es möglich ist ungenaue, nebelige Fotos von diesen Wesen herzustellen. Durch das Fotoobjektiv schauend, wählen die Kinder ihr bevorzugtes Maß an Unschärfe aus, bevor sie den Auslöser betätigen, um das „vernebelte“ Bild festzuhalten.

Es entstehen Fotos mit Luft und Nebelgestalten. In der letzten Phase unseres Nebelspiels drucken wir diese XXL- Wesen auf Papier schwarz/weiß aus. Die Kinder deuten diese unscharfen, abstrakten Erscheinungen und erfinden sie malerisch neu. Zuerst mit Pastellkreiden und dann mit Gouachefarben und Pinseln. Zu unserer aller Überraschung tauchen übergroße Backenzähne, Engel, Tiere, Baumwesen und andere kuriose Gebilde aus dem Verschwommenen auf.

2. Projektphase Herbst 2012
Brillenlinse, Fotolinse – unscharf gesichtet

beteiligt sind 19 Schüler_innen und die Lehrerin Jana Funke

Beim ersten Treffen überraschen wir die Kinder mit 19 abgelegten Brillen mit Gläsern, die geeignet sind unterschiedliche Sehfehler zu korrigieren. Beim ersten Aufsetzen der Brillen tobt das Klassenzimmer. Zu seltsam und zu komisch sehen die Kinder nun aus. Einige Brillen sind viel zu groß und entstellen die kleinen Gesichter. Hinter den Gläsern werden ihre Augen zu riesigen Ungetümen verzerrt, bei manchen wird auch nur ein Auge vergrößert, während das andere normal groß bleibt. Bei einigen Modellen verändern sich die Augen zu winzigen Sehschlitzen. Die Kinder kreischen und lachen begeistert und sind erstaunt wie fremdartig ihr Klassenraum nun ausschaut. Ihre Eindrücke beim Durchschauen beschreiben die meisten Kinder mit „verschwommen“.
In einem Schattenspiel wollen wir eine andere Variante von Verschwommen erkunden. Eine Gruppe befindet sich vor dem durchleuchteten Tuch und zeichnet mit Kohlestiften auf Transparentpapier die durchscheinenden Körperteile der Kinder hinter dem Tuch.

In der darauf folgenden Woche kommt die Fotografie ins Spiel: die Kinder können sich vorstellen, dass die Fotokamera durch die Brille schaut. Sie fotografieren durch die Gläser und machen gegenseitig voneinander Porträts in Unschärfe. Es entstehen wachsweiche puppenartige Marzipanwesen.
Kann man auch verschwommene Porträts malen? Die Schüler_innen zeichnen sich gegenseitig und zwar ohne auf das Papier und ihre Hand zu schauen! Sie betrachten dabei nur das Gesicht ihres Gegenüber. Ungewöhnlich proportionierte, skurril verzerrte Gesichter werden sichtbar. Auf dieser Grundlage malen sie mit Aquarellfarbe und viel Wasser auf saugfähigem Papier Porträts, deren Konturen stark verlaufen.

Ein neuer Tag der „Deutlichen Unschärfe“ – Szenenwechsel: In der weiß verschneiten Landschaft treten die schnellen Bewegungen der Kinder besonders deutlich hervor. Jeweils ein Kind vor und hinter der Kamera agieren gemeinsam. Vor der Kamera wird gehüpft, gesprungen, gewedelt, gedreht – hinter der Kamera wird versucht die Szenen einzufangen, den rechten Augenblick zu erhaschen. So entstehen bei langer Belichtungszeit bewegungsunscharfe Fotografien mit erstaunlich malerischer Anmutung.
Neue Fragen: Lässt sich Bewegung auch malen? Kann die Farbe auf dem Papier laufen?
Auf einer 8 Meter langen Papierbahn verharren die Kinder in unterschiedlichen Positionen. Gegenseitig zeichnen sie Teile ihre Körperumrisse nach, Arm, Po, Fuß und Rumpf.
Kittel werden verteilt, und das Farbrauschen oder nennen wir es der Farbenrausch kann beginnen. Mit den Händen bemalen die Schüler_innen mit pastoser Farbe ihrer Wahl die Umrisszeichnungen. Zu zweit ziehen sie dann vorsichtig, abschnittsweise eine Rakel über das Papier und verschieben so die Farbe. Das Ergebnis sind streifenartige Spuren und Verläufe, aus denen hier und da kleine Zeichnungsfragmente und weiße Flächen wie Schnee aufblitzen.


3. Projektphase Anfang Februar bis Mitte März
Spiegelung – Verwässerung –Raumtiefe verschwommen

beteiligt sind 18 Schüler_innen und die Lehrerin Ilka Mielmann

Mit der vergrößernden Fläche doppelseitiger Handspiegel erkunden die Kinder ihren Schulraum. Dabei entstehen durch bizarre Perspektiven extrem veränderte Raumausschnitte. Mosaikartige Raumsplitter werden fotografisch festgehalten, neu verknüpft und erzeugen einen fremden Raum.
Dieser Projektteil endet Mitte März, einige Ergebnisse sind daher noch offen.


Jede Projektphase schließen wir mit einer gemeinsamen Reflexion und einer Präsentation im Schulhaus ab. Eine große Freude ist für alle Beteiligten die Ergebnisse zusammen anzuschauen, sich an die Prozesse genau zu erinnern und zu sehen, wie facettenreich und vielfältig sich die Unschärfe verdeutlicht.

 
Projektauslöser/Idee:
Unschärfe im Herbst

Es war Herbst. Unser Vorhaben, uns mit Wahrnehmungen und ihren Veränderungen auseinanderzusetzen verknüpfte sich bei dem Blick aus dem Fenster mit der nebeligen Stille. Ein Auslöser im Alltag und geeignetes Material für den Projekt-Einstieg waren zur Hand.
Halbtransparentes Gartenvlies hatten wir bereits in anderen Projekten erprobt. Jetzt dient es als ideale Folie für Unschärfen und Vernebelungen.
Zunächst war nur der erste Teil als eigenständiges Projekt geplant, doch wie sooft in künstlerischen Prozessen und besonders in der Zusammenarbeit mit Kindern tauchten immer wieder neue Ideen und Fragen auf. Wir wollten das Thema Unschärfe weiter vertiefen, mit einem neuen Ansatz. Die Lehrer_innen des Kollegiums waren begeistert und beeindruckt von dem Projektverlauf, und wollten gerne mit uns am Thema weiter arbeiten. So sollte es einen zweiten und dritten Teil geben. Im Herbst 2012 konnte die Fortsetzung erfolgen.

 
Projektentwicklung:
Im Rahmen der AMBULANZ-Kunstvermittlung auf dem Lande 2011/12 unter dem Arbeitstitel „In Räumen denken“ entwickelten wir das Projekt „Deutlich Unscharf“.

Ausgehend von den unterschiedlichen Professionen, Jutta Brüning - Malerei,
Inge Luttermann - Fotografie, geht es uns in dieser Projektentwicklung um ein Wechselspiel von Malerei und Fotografie.
Wir beginnen unsere Vermittlungsarbeit in der Regel mit einer Aktion, die die Kinder aus ihrem Schulalltag ein Stück weit entführt. Dabei sehen wir zu diesem Zeitpunkt von einer thematischen Aufgabenstellung ab. Dies würde die Kinder in ihrem Erkundungsprozess zu sehr einengen und festlegen. Wir ziehen es vor, die Schüler_innen zu einer gemeinsamen Untersuchung einzuladen, ihr Interesse über
ein vielschichtiges Material zu wecken und sie zu ermuntern einen eigenen Zugang zu dem Thema “Deutlich Unscharf“ zu finden.

Im ersten Projektteil setzen wir 10 Meter Gartenvlies ein, um das sich die Schulklasse gruppiert und zur großen Schlange verwandelt, den Schulhof neu erkundet. Es werden bewegte Räume experimentell vermessen, neu erlebt und das Deutliche und Undeutliche mit Hilfe des Vlieses beobachtet.

Aus der eigenen kindlichen Erfahrung, durch die Brille der Großmutter zu schauen -und nichts sieht aus wie zuvor -, nutzen wir im zweiten Projektteil abgelegte Brillen für ein Wahrnehmungsspiel.

Im dritten und letzten Projektteil geben wir den Kindern doppelseitige Handspiegel, eine Seite mit Vergrößerungsfunktion, mit denen sie den Schulraum aus ungewohnter Perspektive anders erleben.

In allen drei Teilen folgt jeweils im Anschluss die Vertiefung und Weiterentwicklung der gewonnenen Eindrücke mit malerischen und fotografischen Mitteln.

 
Besonderheiten:
Brille, Spiegel und Vlies – Unsere Überraschung ist gegenseitig.

Im Vordergrund das Experiment mit ausgewählten Materialien und Ihrer ungewöhnlichen Kombination. Wir nutzen Gartenvlies, alte Brillen und Spiegel und geben Impulse, die die Schüler_innen zum Ausprobieren anregen. Zugleich eröffnen wir Spielräume für die Entwicklung eigener Formfindungen. Wir wollen sinnliche Wahrnehmungen fördern durch Irritation und Überraschung um neue Erfahrungen möglich zu machen.
Fotografie und Malerei, unsere künstlerischen Schwerpunkte, werden in einen kommunizierenden Zusammenhang gebracht, ohne die Eigenheiten der unterschiedlichen Ausdrucksformen zu vernachlässigen. Jedes Medium behält seine Sprache – aber im wechselseitigen Prozess, wird Unschärfe von der Malerei in die Fotografie übertragen und umgekehrt.

 
Probleme und Lösungen:
Die ganz große Unschärfe im schulischen Alltag.

Die schulischen Alltagsstrukturen und die räumlichen Gegebenheiten in der Schule gehören zur besonderen Herausforderung, wenn wir als Kunstvermittler_innen Gäste in der Schule sind.
Es gehört zur Projekhandhabung, die Gegebenheiten als Chance für überraschende Lösungen zu nutzen. Damit eröffnen wir als Außenstehende, als Kooperationspartner den Schülern und Schülerinnen aber auch den in der Schule regelmäßig Arbeitenden einen Perspektivenwechsel. Veränderte Sichtweisen aber vor allem neue Lösungsansätze werden ermöglicht. Das Erlebnis von Unschärfe kann als Maxime von „großzügig Überblicken“ bis „genauer Hinschauen“ gesehen werden. Wenn es also leider keinen Kunstraum gibt, wird die Aula umfunktioniert: ein Raum wird neu entdeckt. Wenn dort die Böden geschützt werden müssen vor Farbklecksen, nehmen wir plötzlich die unregelmäßig grauen Bodenfließen wahr. Darauf legen wir matt-durchsichtige Abdeck-Folie – und schon sind wir mitten im Thema!
(scharfe Farbkleckse auf unscharfen Bodenfließen)

 
Anekdotisches:
Während der ersten Projektphase begleitet starker Morgennebel die Kinder auf ihrem Schulweg. In einem lebhaften Gespräch greifen wir ihre damit verbundenen Eindrücke auf. Ein Junge gibt an, er kenne keinen Nebel, er wisse nicht wie der aussehe. Beim nächsten Mal, nach nebeligen Tagen, beschreibt er, wie seltsam und unheimlich ihn morgens die Scheinwerferlichter der entgegen kommenden Autos angeschaut hätten. Nur die gespenstischen Lichter wären zu sehen gewesen, den Rest der Autos hätte er nur erahnen können.

Bei den Verwandlungen mit übergroßen XXL - Kleidungsstücken bilden die Kinder verschiedene Positionen, die sie mit unscharf eingestelltem Objektiv fotografieren. Dabei finden sich einige Kinder in der Wüste, auf einer Oase wieder, so wie in flimmernder Hitze.

Beim Blick durch die Brillen fragen wir die Kinder:
Was siehst du? Was ist anders? Woran erinnert dich das?
An dieser Stelle nun einige Antworten: „Alles ist verschwommen, die Sachen sind so weit weg.“ „Ich kann die anderen Kinder nicht mehr sehen, kann das Gesicht nicht mehr sehen, sehe nur Haare.“ „Ich kann 3d sehen, wie im Kino.“ „Ich habe eine Lesebrille bekommen, ist das gleiche Glas wie bei meiner.“ „Es wird alles 1 cm kleiner und dunkler, ist angenehm.“ „Wie eine 3d-Brille.“ „Sehe alles größer und verschwommen.“ „Die Farben sind dunkler geworden.“ „Ich mag es nicht, wenn es verschwommen ist.“ „Mir wird schwindelig“ „Sieht nach Kreide aus.“


Bei der Aufgabe „Zeichnen was man sieht“ sollten die Schüler_innen gegenseitig durch eine Schattenwand ihre Körperumrisse abzeichnen.
Bei der gemeinsamen Betrachtung entdeckt ein Junge verwundert gezeichnete Augen. „Wie kommen die da hin, die konnte man doch gar nicht sehen“, so seine Anmerkung.


Nach unserer fotografischen und malerischen Beschäftigung mit Bewegungsunschärfe berichtet ein Schüler:
Er habe im ICE bei hoher Geschwindigkeit aus dem Fenster geschaut, dabei habe er Streifen an den Bäumen und Büschen gesehen, die hätten ihn an die Fotos in unserem Kunstprojekt erinnert.