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Dornröschen
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Wahrnehmungserfahrungen mit der Farbe rot
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Die 5 Feen mit ihrem Gefolge
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Vorbereitungen einer Tanzchoreographie
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Tanzchoreographie Desiré und Dornröschen
Dornröschen - schwerstbehinderte Kinder erleben und gestalten die Ballettmusik von Peter Tschaikowski
Schule:
Oberlinschule
Evangelische Stiftung Volmarstein
Hartmannstr. 18
58300 Wetter
Tel: (0 23 35) 6 39 33 00
Fax: (0 23 35) 6 39 33 09

www.esv.de


Förderschule/Sonderschule

 
Kooperationspartner:
Stefanie Josefine Katzer war als Tanzpädagogin und Tänzerin aktiv in das Projekt eingebunden, brachte choreographische Ideen ein und leitete gemeinsame Tänze an.

Eva Ulrike Bosch wirkte als Sprecherin am Film „Dornröschen“, dem Unterrichtsprodukt des Projektes, mit.

 
Beteiligte Schüler:
25 Schülerinnen und Schüler
Dieses Projekt wurde im Rahmen der Basisförderung durchgeführt. Die Basisförderung ist ein Angebot für schwerstbehinderte Schülerinnen und Schüler der Unterstufe unserer Schule.
Insgesamt nahmen 25 Schüler aus den Klassenstufen 1-4 im Alter von 7 bis 13 Jahren teil:

Alle diese Schülerinnen und Schüler sind in unterschiedlicher Form von ihrer Behinderung betroffen. Alle sind schwer körperlich und geistig behindert, einige davon zusätzlich blind oder sehbehindert, sprechen nicht oder nur eingeschränkt, sind hörbeeinträchtigt und/oder verhaltensauffällig. Einige Schülerinnen und Schüler sitzen im Rollstuhl, mit dem sie sich überwiegend nicht alleine fortbewegen können, andere sind stark gehbehindert. Auch in anderen lebenspraktischen und handlungsorientierten Bereichen haben alle teilnehmenden Kinder einen hohen Unterstützungsbedarf.

 
Beteiligte Lehrkräfte:
4 Lehrkräfte durchgehend (davon 3 für Planung und Durchführung verantwortlich) 3 sich abwechselnde Lehrkräfte Davon sind 4 Sonderpädagogen (Deutsch, Religion, Sport) 1 Lehrer (Musik) 1 Fachlehrerin 1 pädagogische Unterrichtshilfe Dazu kamen zeitweise bis zu 7 Integrationshilfen, die als Betreuerinnen/Betreuer bzw. Krankenschwester für einzelne Kinder verantwortlich waren.
 
Stundenvolumen:
Einmal wöchentlich 2 Schulstunden während des gesamten Schuljahres 2011/12
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Die Projektidee:
Wir wollten in diesem Projekt unseren schwerstbehinderten Schülerinnen und Schülern die Ballettmusik „Dornröschen“ von P. Tschaikowski nahe bringen. Es steht in einer Tradition von Vorgängerprojekten an unserer Schule, in denen wir versucht haben, kulturelle Teilhabe für diese Kinder zu ermöglichen. Dies ist uns ein sehr grundsätzliches Anliegen, da insbesondere dieser Teil der Schülerschaft aus kulturellen Zusammenhängen herausfällt: Sie erleben nur sehr vereinzelt Theater- oder Konzertveranstaltungen, es gibt kaum Angebote von Vereinen und öffentlichen Kulturträgern für diese Klientel und auch schulische Unterrichtsangebote leiten ihre Zielstellungen eher aus therapeutischen oder fachdidaktischen Blickwinkeln als aus kultureller Sicht ab. Aus diesem Grund haben wir in der Vergangenheit mit ihnen bekannte Stücke unserer Musikkultur (z.B. Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“) behandelt und uns mit der darin enthaltenen Thematik beschäftigt. Dabei steht nicht nur das reine Musikhören oder die Vermittlung des Inhalts im Mittelpunkt. Vielmehr sollen sich die Schülerinnen und Schüler mit der Musik in ihrer unterschiedlichen Erlebnisqualität und mit den verschiedenen Stimmungen und Themen auf basale Art und Weise auseinandersetzen, indem sie die Musik mit allen Sinnen erfahren und letztlich mit Unterstützung mitgestalten. So finden die Schülerinnen und Schüler Zugang zur Musik. Und trotz ihrer ganz anderen Art und Weise, diese wahrzunehmen, verbindet sie diese Erfahrung mit unserer kulturellen Welt und es entsteht ein Stück weit ein gemeinsamer Erlebnisraum.

Inhalte und Ziele:
• Die Musik in ihrer Stimmung und ihrem emotionalem Gehalt erleben
Die Musik Tschaikowskis spiegelt den Inhalt der Geschichte von Dornröschen wider, indem sie die Stimmung klanglich hörbar macht und die auftretenden Personen musikalisch charakterisiert. Diesen emotionalen Gehalt erfuhren die Schülerinnen und Schüler über das reine Hören hinaus durch vielfältige unterstützende basale Wahrnehmungsangebote, die sie zu einem intensiveren Musikerlebnis führten. So lernten die Kinder beispielsweise die guten Feen als zärtliche Wesen kennen, die sie mit feinen Tüchern behutsam streichelten, die in schönen Farben auftraten und interessante wohlriechende und gut schmeckende Geschenke mitbrachten. Sie erlebten die Farbigkeit durch bunte Tücher und Seifenblasen im Farblicht, während sie die sanfte Musik hörten. Die aggressive Hexe Carabosse trat dagegen im Dunkeln auf, sie breitete schwarze Tücher aus und deckte die Kinder damit zu. Zudem stach und piesackte sie mit Bürsten und machte mit Becken und Trommeln unangenehm lauten Krach. Die Wirkung der Musik wurde durch solche Angebote verstärkt und somit für die Schülerinnen und Schüler deutlicher greifbar. Das Spielen mit dem Ausdrucksgehalt der Musik, das Hineingehen und auch Aushalten der emotionalen Spannung führte so zu einer lebendigen und basalen Kommunikation mit den Kindern. Sie bezogen Stellung: Manchen gefiel das freche Auftreten der Hexe durchaus, andere reagierten zurückhaltend und konnten dafür eher die leisen und sanften Stellen der Musik genießen.

• Bewegen, Bewegt werden, Tanzen – Raum-, Körper- und Sozialerfahrungen im Musikerleben
Die Ballettmusik Tschaikowskis war in unserem Projekt ein natürlicher Ausgangspunkt für vielfältige Bewegungserfahrungen, die das Erleben der Musik vertiefen sollten. Das Wiegen des kleinen Kindes oder der Drehschwindel Dornröschens, als sie sich gerade an der Spindel gestochen hat, ist bei Tschaikowski deutlich hörbar verklanglicht. Solche einfachen Bewegungen vollzogen die Schülerinnen und Schüler leicht und lustvoll mit. Auch das festliche Einziehen des Königspaares, das Abschreiten eines Spaliers, eine Geburtstagspromenade oder das Stehen im Mittelpunkt eines Kreises waren Elemente von Tanzchoreographien, die die Kinder mitgestalteten. Dies ließ sie die Musik in ihrem Tempo, ihrem Rhythmus und ihrer Form erleben und führte sie zu vielgestaltigen interessanten Raum- und Gruppenerfahrungen.

Dem Tanz kam auf diese Weise im Zusammenklang mit der Musik eine Bedeutung als ordnendes Element zu. Wenn choreographierte Raumwege abgefahren wurden (beispielsweise in Zweierreihen nebeneinander, im Kreis oder als Diagonale), wurde der Raum in seiner Dreidimensionalität erfahren. In der Wiederholung erkannten die Schülerinnen und Schüler in den festgelegten Wegen schon einmal Erlebtes wieder. Diese Erinnerung schuf eine weitere innere Verbindung zur Musik.

Das wichtigste Element des Tanzes besteht im Erspüren der eigenen Leiblichkeit. Trotz aller körperlichen Einschränkungen und Begrenzungen erhielten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, ihren Körper durch vielfältige motorische und sensorische Eindrücke als etwas Lebendiges zu erfahren. Die Rollstuhlfahrerinnen und –fahrer vollzogen auf differenzierte Weise ganz verschiedene Bewegungsformen mit: das sanfte Hin und Her der Wellenbewegung des Flusses, das Drehen um sich selbst im Tanz, das schnelle Drehen dagegen im Augenblick der Vergiftung Dornröschens (Schwindel), schnelles und langsames Tempo je nach musikalischem Charakter der Musik, geordnete und vorhersehbare Laufwege bei den festlichen Tänzen am Hof und chaotische und überraschende Richtungswechsel beim Auftritt der Carabosse oder bei den ausgelassenen Spielen der Jagdgesellschaft des Prinzen Desiré.

Nicht zuletzt waren für die in der Mehrzahl nichtsprechenden Kinder zudem die kommunikativen Aspekte im Tanz wichtig. So erlebten sie beispielsweise das spannende Blindekuhspiel der Jagdgesellschaft des Prinzen Desiré und äußerten dies unmittelbar in ihrer erregten Mimik und Gestik. Auch die ruhigeren Tänze am Hof enthielten viele Möglichkeiten der Begegnung: das paarweise Tanzen, das Gratulieren bei der Hochzeit u.v.m..

• Verkleiden und Spielen im basalen Rollenspiel
Ein weiteres wesentliches Element des Projektes bildeten die Verkleidungen und die damit verbundenen Rollen. Die Schülerinnen und Schüler erhielten so die Gelegenheit, sich einmal als König, Prinz, Prinzessin, Fee oder Hexe zu fühlen bzw. auch gefeiert zu werden. Dies geschah durch vielfältige kleine Spielgelegenheiten. So brachten die kecken Prinzen zum Beispiel eine „Kanone“ mit, die Plastikbällchen verschießen konnte. König und Königin thronten hoch über allen. Vor ihnen mussten sich alle verneigen. Dornröschen bekam an ihrem 16. Geburtstag von jedem Blumen geschenkt, alle halfen die Geburtstagskerzen auszublasen, aßen Geburtstagskuchen und feierten ausgelassene Geburtstagsspiele mit ihr. Solche kleinen Spiele ermöglichten eine Vielzahl von Interaktionen mit und zwischen den Schülerinnen und Schülern. Die Musik Tschaikowskis stiftete auf diese Weise zahlreiche Anlässe zur Begegnung und zum Selbsterleben in der Gruppe.

• Szenische Darstellung
Aus den vorangegangenen Elementen wurden dann stark vereinfachte Spiel- und Tanzszenen passend zur Musik entwickelt und dargestellt. Jede Schülerin und jeder Schüler bekam eine feste Rolle. Dann setzten sie mit Unterstützung die Musik um und erlebten dadurch den engen Zusammenhang der dargestellten Inhalte mit der Musik und konnten so eigene Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Wahrnehmungen und Erlebnissen herstellen.

• Film als Unterrichtsprodukt
Während der Fördereinheiten wurden Fotos gemacht und kurze Filmszenen gedreht. Am Ende des Projektes entstand dann daraus ein knapp einstündiger Film, in dem die Geschichte Dornröschens erzählt und mit der Musik Tschaikowskis (Musikaufnahme s.u.) unterlegt wurde. Zu sehen sind Ausschnitte aus vielen Unterrichtssituationen und Spielszenen, die eindrücklich zeigen, wie intensiv die Kinder die Geschichte und die Musik erleben und darstellen. Dieses Unterrichtsprodukt war ein wesentlicher Bestandteil des Projektes, da es zum einen für viele Schülerinnen und Schüler eine bedeutende Erfahrung ist, sich auf der großen Leinwand zu sehen. Zum anderen ist es für die Eltern, Verwandte, Freunde, aber auch für andere Schülerinnen und Schüler und Lehrende unserer Schule wichtig zu sehen, was auch schwerstbehinderte Schülerinnen und Schüler erfahren, erleben und äußern können. Der Film schafft eine gemeinsam geteilte Erfahrung zwischen diesen Gruppen, er zeigt gemeinsame Erlebnismöglichkeiten auf und stellt so ein Stück weit den kulturellen Zusammenhang zwischen Behinderten und Nichtbehinderten her.

 
Projektauslöser/Idee:
Das Konzept unserer Musikprojekte mit schwerstbehinderten Schülerinnen und Schülern beruht auf der Grundidee, Musikerleben mit Umwelterfahrung in Verbindung zu bringen, also den Zusammenhang von musikalischer Gestaltung mit Lebenswirklichkeiten deutlich zu machen. Musikalische und außermusikalische Unterrichtsinhalte befruchten sich hier gegenseitig: Beispielsweise sind unsere Schülerinnen und Schüler viel stärker motiviert, sich mit Unterrichtsgegenständen wie „Tiere“ oder „Jahreszeiten“ auseinanderzusetzen, wenn dies durch eine sie emotional erreichende Musik verstärkt wird. Andersherum vertieft die sinnliche Wahrnehmung außermusikalischer Inhalte (z. B. Wetterphänomene) das Musikerleben und die Erinnerung an musikalische Qualitäten (Atmosphäre, Lautstärke, Tempo, Klangfarbe …).

Nachdem wir bereits zwei Projekte erfolgreich mit unseren schwerstbehinderten Schülerinnen und Schülern durchgeführt hatten, überlegten wir, welche Musik wir ihnen als nächste nahe bringen wollten. Für diese nichtsprechenden Kinder benötigten wir ein Werk, das sinnvolle Anknüpfungspunkte für über die Musik hinausgehende Unterrichtsinhalte bot, aber dennoch nicht an Sprache gebunden war. Geeignete Musikstücke hatten wir in der Vergangenheit im Genre der Programmmusik gefunden, diesmal fiel die Wahl auf die Ballettmusik „Dornröschen“ von P. Tschaikowski. Dies geschah nicht zuletzt deshalb, weil dieses Stück im Spielplan 2011/12 des Theaters Hagen stand und wir auf eine Möglichkeit der Zusammenarbeit hofften.
Inhaltlich war uns an diesem Werk der enge Zusammenhang von Musik und Bewegung wichtig, der für die Förderung unserer Schülerklientel (Schwerpunkt Körperbehinderung) von besonderer Bedeutung ist. Die kontrastreiche und emotional bewegende Musik Tschaikowskis bot eine geeignete Grundlage, den beispielhaften klassischen Märchenstoff intensiv zu bearbeiten und vielseitige Unterrichtsaktivitäten im o.g. Sinne zu entwickeln.

 
Projektentwicklung:
Dieses Projekt wurde grundsätzlich gemeinsam geplant. So wählten wir zu Beginn eine Musikaufnahme aus ("The sleeping beauty" - Ballet Op.66 von P. Tchaikovsky, 1993 Digital Remaster, Emi Classics, Mitwirkende: Andre Previn, London Symphony Orchestra, 1974) und überlegten, welche Möglichkeiten die Musik und die Geschichte des Balletts uns boten. Um einen umfassenden Eindruck zu bekommen, sahen wir uns gemeinsam die DVD „The Sleeping Beauty“ an. Dies bestätigte uns, dass der Märchenstoff mit seinen gegensätzlichen charakteristischen Figuren für unsere Schülerinnen und Schüler gut umgesetzt werden kann. Da wir von vorneherein als Endprodukt einen Film mit einer Höchstdauer von 60 Minuten geplant hatten, wurde schnell deutlich, dass die Musik stark gekürzt werden musste. Das setzte zunächst eine intensive Analyse der Musik voraus, auf deren Grundlage eine Stückauswahl für die Grobplanung der Unterrichtseinheiten getroffen wurde. Darüber hinaus änderten wir die Geschichte leicht ab, um sie an die Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen unserer Schülerinnen und Schüler anzupassen. Dazu gehörte z. B.

- dass die Feen sind nach Farben benannt (gelb, rot, grün, blau, lila) und entsprechend gekleidet sind;
- dass ihre Geschenke den basalen Wahrnehmungsbedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler entsprechen (z. B. brachten sie Lichter und Goldfolie zum Anschauen, Erdbeeren und Wackelpudding zum Schmecken, Lavendel zum Riechen usw.);
- dass Carabosse eine Hexe ist.
So entstand eine deutlich gekürzte Fassung, in der trotzdem die für das Werk bedeutenden und aussagekräftigen Musikstücke und inhaltlichen Elemente vorhanden waren.

Darüber hinaus nahmen wir Kontakt zu der Theaterpädagogin des Stadttheaters Hagen auf und besuchten gemeinsam den Lehrertisch und die Generalprobe des dort aufgeführten Balletts „Dornröschen (reloaded)“. Die zunächst geplante Kooperation mit dem Theater Hagen klappte leider aus organisatorischen Gründen nicht. Zu diesem Zeitpunkt entstand die Idee einer Kooperation mit einer Tanzpädagogin, die sich zu einer sehr effektiven und fruchtbaren Zusammenarbeit entwickelte. Diese dauert bis heute an.

Um die Vorbereitungs- und Durchführungsphase arbeitsteilig zu optimieren, lag bei einem Kollegen der Schwerpunkt auf der Musik, eine Kollegin übernahm das Fotografieren und Filmen, eine andere besorgte die benötigten Stoffe, Kostüme und Materialien. Durch die Kooperation mit der Tanzpädagogin übernahm diese die choreografischen Anteile.

 
Besonderheiten:
• Auflösung traditioneller Unterrichtsformen
Die Förderung der schwerstbehinderten Schülerinnen und Schüler erfolgte in der Vergangenheit (und auch sonst an vielen Stellen im Schulalltag immer noch) in traditionellen Unterrichtsformen, die sich an Fächern bzw. Förderbedürfnissen orientieren: lebenspraktischer Unterricht, Wahrnehmungsförderung, Bewegungsförderung, Sprach- bzw. Kommunikationsförderung, Musik, Kunst …). Dieses Projekt steht dafür (wie auch andere Kulturprojekte an unserer Schule), zugunsten einer ganzheitlichen Förderung die vielseitigen Förderangebote unter einem übergeordneten Thema miteinander zu verknüpfen. Die Angebote werden so anders motiviert und mit Sinn und Leben erfüllt. Inhalte wie beispielsweise Materialerfahrung, Farbwahrnehmung, Bewegung, Musik hören usw. erhalten durch die Identifikation mit der basal „erzählten“ Geschichte und der Musik für die Kinder eine persönliche Bedeutung, die über ihre von der Behinderung hergeleiteten Förder- und Lernziele hinausweist.

• Kulturvermittlung steht im Zentrum
Dementsprechend ordnen sich die Lern- und Förderziele dem Leitziel unter, das Musikstück und seine Bedeutung den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln. Die Grundfragen bei der Unterrichtsgestaltung sind zunächst diese: Was wird in der Musik ausgedrückt? Wie können wir den Schülerinnen und Schülern diese Qualität nahe bringen? Daraus leiten sich dann mit den Unterrichts- und Förderzielen abgestimmte Unterrichtsinhalte ab. Die Veröffentlichung der Unterrichtsarbeit in Form eines Filmes gewährleistet, dass das gemeinsame Aufgehobensein in einem kulturellen Zusammenhang - hier: das gemeinsame Erleben der Musik Tschaikowskis – für die Schülerinnen und Schüler sowie für Angehörige, Lehrende und Mitschülerinnen und –schüler tatsächlich erlebt werden kann.

• Interdisziplinäre Teamarbeit
Dem Projekt kam zugute, dass die beteiligten Lehrkräfte in vielerlei Hinsicht unterschiedliche Qualifikationen bzw. Schwerpunkte in ihrer Berufserfahrung mitbrachten. Die vielseitigen Aufgaben, die mit so einem Projekt verbunden sind (Organisation, Musikauswahl, Entwicklung von Umsetzungsmöglichkeiten, Filmerstellung, Kontakt zu Sponsoren usw.), konnten so sinnvoll aufgeteilt werden. Aber auch das Gespräch miteinander bei der Planung, der Austausch unterschiedlicher Perspektiven (aus tänzerischer, musikalischer, sonderpädagogischer Sicht) verhalfen dem Projekt zu einer besonderen Qualität.

Blickwinkel der Tanzpädagogin:
Als Tanzpädagogin und Therapeutin hatte ich schon jede Menge Erfahrung, eine Gruppe zu leiten, auch bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen.
Neu und spannend war für mich die Zusammenarbeit mit drei Lehrern, das Einbeziehen von Integrationshelfern sowie die besonders starken körperlichen und kognitiven Einschränkungen der Schüler bei einem Tanzprojekt!

Die Herausforderung bestand für mich darin, die Rollstuhlfahrer nicht nur in einer ausgefeilten Choreographie durch den Raum schieben zu lassen oder sie mehr oder weniger passiv durch Helfer bewegen zu lassen, sondern die Stunden so zu gestalten, dass für die Schüler ein hoher Erlebniswert dabei war. So war recht schnell klar, dass es weniger um ein "sehenswertes" Endprodukt, um das Trainieren von motorischen Fähigkeiten, um Wiederholungen und längere Übungsphasen ging. Vielmehr sollte das Erleben der Schüler im Vordergrund stehen und somit auch viel Zeit zum Experimentieren bleiben. Wichtig war: Wie können die Kinder tatsächlich erreicht werden? Indikator dafür waren emotionale Äußerungen wie ein Lachen auf dem Gesicht, wache Augen, ein aufgeregtes Flattern mit den Händen. Die verbalen Anweisungen mussten sehr überlegt, in einfacher Sprache und dosiert gegeben werden, damit sie bei den Schülern ankamen (oft galten die Anweisungen jedoch mehr den Integrationshelfern).

Die tänzerischen Möglichkeiten waren aufgrund der starken körperlichen Behinderungen auf ein Minimum reduziert, das heißt, das ganze Repertoire, das sonst beim kreativen Kindertanz zur Verfügung steht, war - bis auf wenige Ausnahmen - nicht abrufbar. So musste mit Raumwegen (Kreis, Diagonale, kreuzende Wege), Tempi, unterschiedlichen sozialen Bezügen (jeder für sich, Duo, Gesamtgruppe) und musikalischem Charakter experimentiert werden. Teile mit Betonung auf der Wahrnehmung und solche, die hauptsächlich in die Bewegung gingen, wurden abwechselnd oder miteinander verbunden angeboten.

Eingebettet waren die Stunden immer in feste Rituale (Eingangs- und Schlusslied, räumliche Anordnung zu Beginn, kontinuierliche personelle Besetzung der Leitungspersonen), so dass die Schüler die einzelnen Proben durch den Wiedererkennungswert miteinander in Verbindung bringen konnten.

Erfreulich unkompliziert, wertschätzend und konstruktiv gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den drei Lehrkräften der Schule. Obwohl es nur ein Planungsgespräch im Vorfeld gab, das auch zum gegenseitigen Kennenkernen diente, verliefen die Proben absolut harmonisch und Hand in Hand; für meine Stunden erarbeitete ich das Konzept, spontane Ideen der anderen Pädagogen empfand ich auch während der Stunde als bereichernd, ein teilnehmender Lehrer – zugleich Musiktherapeut – begleitete uns zeitweise am Klavier. So war die Kooperation sicherlich für beide Seiten gewinnbringend.

Bei aller Beschränktheit durch die verschiedenen Behinderungen schien sich bei den Teilnehmern ein Gruppengefühl entwickelt zu haben. Das Wichtigste aber war, dass das übergeordnete Ziel von Tanz für jeden erlebbar wurde: Miteinander und unterstützt durch Musik entstand gemeinsam etwas Neues, bei jedem wurden unterschiedliche Gefühle angesprochen, jeder Teilnehmer war ein Teil dieses Abenteuers und fühlte sich als wichtiges Mitglied unserer Gruppe - auch wir Erwachsene!

 
Probleme und Lösungen:
Da bereits einige Kolleginnen unserer Schule mit dem Theater Hagen zusammen gearbeitet hatten und weiterhin beide Seiten Interesse zeigten, war zunächst eine Kooperation geplant (Besuch einiger Balletttänzer in der Schule, Besuch der Schülerinnen und Schüler im Probenraum der Balletttänzer). Leider waren die organisatorischen Schwierigkeiten zu hoch, so dass eine Zusammenarbeit zunächst doch nicht in Frage kam. Auf der Suche nach einer Alternative entstand der Kontakt zu einer Tanzpädagogin, die sich sehr gut auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten unserer Schülerinnen und Schüler einstellen konnte und gute choreografische Ideen entwickelte.

Geplant war zunächst die Durchführung des Projektes aufgrund der Vielfalt der Musik auf zwei Jahre. Da jedoch nach einiger Zeit absehbar war, dass im folgenden Schuljahr einige Schüler das Schulgebäude wechseln würden, haben wir nach einigen Monaten beschlossen, das Projekt doch innerhalb eines Schuljahres zu beenden.

Bei den ersten Unterrichtseinheiten merkten wir schnell, dass wir zunächst darauf bedacht waren, gute Szenen für den Film zu bekommen. Dies ging mitunter an den Bedürfnissen der schwerstbehinderten Schülerinnen und Schüler vorbei. Daher stellten wir das Filmen zunächst in den Hintergrund und verlagerten den Schwerpunkt während des Projektes auf die basalen Bedürfnisse und Fördermöglichkeiten unserer Schülerinnen und Schüler.

Wir waren in unserem „Probenraum“ (Pausenhalle – Durchgangsraum zu allen Klassen, zum Bürotrakt, zu den Toiletten, Essensausgabe) vielfältigen Störungen ausgesetzt. Dieses Problem konnte durch das Aufstellen großer Hinweisschilder etwas gemildert werden.

Blickwinkel der Tanzpädagogin:
Als Tanzpädagogin in Ballettschulen ist man verwöhnt, was die räumlichen und organisatorischen Gegebenheiten betrifft. Es gibt einen abgegrenzten Tanzraum, die Kinder sind zumeist pünktlich anwesend.
Bei diesem Projekt fanden die Proben in der Pausenhalle der Schule statt, in der es auch während der Übungszeit wie im Taubenschlag rein und raus ging - bis hin zu klappernden und duftenden Essenswagen. Die Mitarbeiter der Schule und vor allem die Kinder waren schon an diese Situation gewöhnt und konnten Störreize relativ gut ausblenden. Auch ich habe mich sehr schnell auf unser Geschehen konzentrieren können, teilweise habe ich die ablenkenden Faktoren erst auf der Film-DVD entdeckt!

Viele der teilnehmenden Kinder sind recht krankheitsanfällig, oft waren auch andere Pflege- oder Therapietermine zu unserer Zeit angesetzt, so dass im Grunde nie die "komplette Mannschaft" anwesend war. So wurden die Stunden als eher geschlossene Einheiten geplant und mit den Kindern durchgeführt, die an diesem Tag da waren.

Etwas problematisch gestaltete sich zunächst das Einbeziehen der (teilweise auch wechselnden) Integrationshelfer. Diesen war nicht immer klar, welche Aufgabe ihnen zukam. Nachdem sie durch konkretere Anweisungen intensiver in das Geschehen einbezogen wurden und sie auch eigene Ideen einbringen konnten, fühlten sie sich sichtlich wohler und waren sehr viel motivierter.

 
Anekdotisches:
Zwar konnten sich unsere Schülerinnen und Schüler behinderungsbedingt nicht zum Projekt äußern, aber uns fiel auf, dass ihnen einige Aktionen nachhaltig im Gedächtnis blieben. Dazu gehörte z.B. das Ärgern der Carabosse. Das Pieksen mit verschiedenen Gegenständen oder mit dem Finger wird von einigen immer noch gerne imitiert.

Zudem machten wir während der Durchführung des Projektes mehrere interessante Erfahrungen:
Einige Integrationshilfen, die ansonsten eher passiv am Unterrichtsgeschehen teilnahmen, bekamen nach einiger Zeit selber Spaß, sich aktiv zu beteiligen. So haben sie sich Gedanken über die Rollenverteilung gemacht: „Mamo muss der König sein“, „Esra ist das ideale Dornröschen“. So haben sie auch in anderen Situationen die Schüler ganz anders wahrgenommen. Ebenso bekamen die Integrationshilfen nach und nach Spaß an den ihnen zugewiesenen Aufgaben, selber zu schauspielern, mit den Kindern zu tanzen, sich schlafend zu stellen. So entstanden viele interessante Interaktionen.

Im Dezember 2012 haben wir unsere Schülerinnen und Schüler der Unterstufe, interessierte Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Abschlussstufe und die Eltern der teilnehmenden Kinder zu einer Vorführung unseres Films „Dornröschen“ eingeladen. Vor allem viele Schülerinnen, Schüler, Kolleginnen und Kollegen waren gekommen, aber auch einige Eltern. Alle waren gebannt von dem Film und den dazu gebotenen Zuschaueraktionen (Fühlen von Tannenzweigen, Riechen der durchgereichten Rosen, Probieren der „Hochzeitsschaumküsse, Wunderkerzen …). Zum Abschluss baten wir alle Besucher, doch ihre Eindrücke auf einem Plakat festzuhalten:

• „Dornröschen – ein Feuerwerk von sinnlichen Eindrücken, Anregungen und wundervollen Ideen, die den Schülern und allen Beteiligten sichtliche Freude und Erfüllung gegeben haben und sogar noch bei der Aufführung war etwas davon übrig für alle, die noch einmal dieses wunderschöne Ergebnis betrachten durften! Dieses Stück macht seinem musikalischen vorangegangenen Meisterwerk alle Ehre!
Vielen lieben Dank!!! (auch im Namen aller, die dies nicht äußern können!)“
• „So hätte ich gerne Musik gelernt!“
• „Das war echt Klasse. Das sollte im Kino gezeigt werden!“
• „Es war super, vielen Dank! Die fröhlichen Kindergesichter haben uns angestrahlt!“
• „Das Lachen der Kinder im Film sagt mehr als viele Worte!“
• „Gänsehautfeeling! Super! Die Idee, Musik und Kindergefühle zu vereinen war einfach wundervoll und sehr bewegend.“
• „Es hat (…) sehr viel Freude gemacht, dabei zu sein und auch das wunderschöne Ergebnis nachher anzuschauen! Und mir auch! Danke schön!“ (Anmerkung einer Integrationshelferin)
• „Einfach schön!“

Diese emotionalen Äußerungen haben uns sehr erfreut und nachhaltig beeindruckt. Sie motivieren uns, diese Arbeit fortzusetzen.

Auch das Kollegium und die anwesende Schülerschaft zeigten sich nach der Aufführung beeindruckt von den schauspielerischen Leistungen. So erfuhren unsere Schülerinnen und Schüler eine ganz neu definierte Wertschätzung im Schulleben.