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Heldentaten / Bild: "Meine Heldentat"
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Heldentaten / Bild:"Keine Angst vor der Dunkelheit"
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Heldentaten / Bild: "Worauf ich stolz bin"
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Heldentaten / Bild: "We can be heroes - just for one day"
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Heldentaten / Bild: "Meine mutigste Tat"
Heldentaten
Schule:
Mittelschule am Winthirplatz 6
80639 München
Tel: 089232372940 Fax: 089232372944

www.hswinth.musin.de

Hauptschule / Gebundener Ganztag

 
Kooperationspartner:
Johanna Richter, Choreographin, Regisseurin,

Der gemeinnützige Verein "mitSprache e.V."
www.mitsprache-ev.de

Schauburg/Theater der Jugend
www.schauburg.net

 
Beteiligte Schüler:
18
insgesamt 18 Schülerinnen und Schüler
6.Klasse - 1 Mädchen
7.Klasse - 5 Mädchen
9. Klasse- 1 Mädchen, 2 Jungen
Ü7 - 1 Mädchen, 2 Jungen
Ü9 - 5 Jungen, 1 Mädchen
 
Beteiligte Lehrkräfte:
2 Deutsch als Zweitsprache 1 Musik
 
Stundenvolumen:
Das Projekt wurde in einem Zeitraum von sieben Monaten (November 2011 bis Mai 2012) wöchentlich mit zwei Zeitstunden erarbeitet. Abzüglich der Schulferien, und zuzüglich zweier Zusatzproben im Theater, entstand das Tanztheater "Heldentaten" in 18 Proben.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
„Heldentaten“ versteht sich als der dritte Teil unserer „Helden-Trilogie“, die wir im November 2009 mit der Produktion „Helden“ begonnen haben.
Über nunmehr drei Jahre haben wir eine Gruppe von Jugendlichen begleitet, die mit uns das Abenteuer Tanztheater eingegangen sind, ohne vorher zu wissen, was dieser Begriff überhaupt bedeutet.

Nach unserer ersten Begegnung, die wir in „Helden“ (Preisträger beim 7. Wettbewerb Kinder-zum-Olymp 2011) als eine Reise aus fernen Ländern beschrieben haben, erzählte „Heldenträume“ (Premiere Mai 2011 und Gast beim Festival THINK BIG in München) in poetischen Bildern etwas über die Wünsche und Sehnsüchte der Jugendlichen, die - nach ihrer eigenen langen Reise - hier bei uns, in dieser Stadt ein neues Leben begonnen haben.

In „Heldentaten“ (Premiere Mai 2012) stand nun wieder ein Ensemble von 18 Schüler/innen aus aller Welt auf der Bühne. Sie kamen: aus Mazedonien, Bulgarien, der Ukraine, Bosnien Herzegowina, dem Irak, der USA, dem Kosovo, Rumänien, Lettland, Brasilien, Afghanistan, Honduras, dem Libanon und Nigeria.
Sechs von ihnen waren zum dritten Mal, sechs zum zweiten und sechs zum ersten Mal als Helden in unserem Tanztheater.

Das Stück „Heldentaten“ blickt zurück auf die gemeinsame Zeit und fragt „Wovor habt ihr Angst? Was ist eure mutigste Tat? Worauf seid ihr stolz? Wer ist für euch ein Held?" und versucht eine Geschichte zu erzählen, die den Stolz der Jugendlichen in den Mittelpunkt rückt.

Sie sind - zusammen geschweißt durch die gemeinsame Idee - zu einem starken Ensemble geworden.

 
Projektauslöser/Idee:
Auslöser für das sogenannte "Helden-Projekt", das mit "Heldentaten" nun schon die dritte gemeinsame Produktion auf die Bühne gebracht hat, ist die Begegnung der Münchner freien Choreographin Johanna Richter und dem gemeinnützigen Verein mitSprache.eV.,dessen Vorsitzende ehemalige Lehrerin an der Münchner Winthirschule ist. Der Verein mitSprache e.V. unterstützt Schüler/innen mit Migrationshintergrund in besonderer Weise.

So entstand eine künstlerische Patenschaft zwischen einem künstlerischen Team (Choreographin Johanna Richter und Choreograph Volker Michl, dazu freischaffende Tänzer und Musiker aus München), das im Netzwerk des Münchner Theaters Schauburg arbeitet, dem Verein und der Mittelschule, bzw. deren Schüler/innen der Übergangsklassen. In sogenannten Ü- Klassen werden neu zugereiste ausländische Jugendlichen ohne Deutschkenntnisse gesammelt und speziell gefördert, um sie nach einiger Zeit in das bestehende Schulsystem einzugliedern.

Aus dieser Zusammenarbeit zwischen Künstlern, die das Stück zusammen mit den Schüler/innen erarbeiteten, dem Verein mitSprache e.V., der die Logistik und Betreuung übernahm, dem Theater Schauburg, das dem Projekt professionelle Bedingungen zur Verfügung stellte und der Winthirschule, in deren geschützten und vertrauten Räumen die Proben stattfanden, konnte sich über drei Jahre ein Projekt etablieren, in dem sich Jugendliche ohne die Erfahrung eines sprachlichen Defizits tänzerisch zu ihren Themen ausdrücken konnten.

Die gemeinsame, kontinuierliche Arbeit führte bei den Schüler/innen zu einem wachsenden Selbstbewusstsein, mit dem sie nach Beendigung des ersten Projekts gleich eine neue Arbeit fortsetzen wollten.

So ist der Hauptaspekt des Projekts das Gelingen eines Impulses, der mit der Idee Tanztheater einen Raum eröffnet hat, in dem die Schüler/innen neben dem Erfolgserlebnis, ihr Erlerntes öffentlich zu präsentieren vor allem zu einem starken Ensemble werden konnten.

 
Projektentwicklung:
Zu Beginn des Projekts versuchten wir eine sogenannte "Materialsammlung", in der wir die Schüler/innen befragten: Worauf bist du stolz? Wer ist für dich ein Held? Wovor hast du Angst? Was war deine mutigste Tat?
Natürlich war diese Recherche sprachbedingt schwierig, aber es kamen doch einige sehr interessante Erlebnisse zu Tage, die als Vorlage und Inspiration für die getanzten Bilder dienen konnten.

So begann die gemeinsame Probenarbeit mit einem vom künstlerischen Team skizzierten Stückentwurf, in dem sich die unterschiedlichen Choreographien eingliederten.

In der ersten Phase unserer Arbeit begannen wir nacheinander die Choreographien einzustudieren. Dies gelang erst einmal jenseits des späteren Gesamtkontextes des Stücks, da wir aus benannten Umständen kein detailliertes Konzeptionsgespräch mit den Schüler/innen führen konnten. Man kann jedoch sagen, dass die vorhergehende Arbeit an den Produktionen "Helden" und "Heldenträume" ein Arbeitsniveau geschaffen hatte, in der die neuerliche Zusammenarbeit geradezu professionell erschien. Auch die neuen sechs Mitglieder des Ensembles passten sich sofort an die von der bestehenden Gruppe etablierte Ernsthaftigkeit an. So kamen wir extrem schnell voran und konnten insgesamt die Schwierigkeit des tänzerischen Materials erhöhen.

In der zweiten Arbeitsphase kam das Ensemble von "Intimate stranger" hinzu, (siehe unten) wodurch das Verständnis von Tanz als Ausdruck, von professioneller Haltung auf der Bühne, von Fokus für die Konzentration in der Gruppe einen entscheidenden Fortschritt machte. Dazu kam die Energie starker künstlerischer Persönlichkeiten, die auf die Jugendlichen extrem inspirierend und fördernd wirkte. Zum Abschluss dieser Phase besuchten die Schüler/innen die Vorstellung "intimate stranger" und erlebten "ihre" Profis auf der Bühne. So erkannten sie, was mit allen Hinweisen in den Proben gemeint war.

In der dritten Arbeitsphase wurde das Stück im Ablauf aller Choreographien geformt. Damit wurde auch präsent, wie unsere anfängliche Materialsammlung nun in getanzten Bildern umgesetzt ein ganzes Stückes ergab. Solange die einzelnen Choreographien für sich geprobt wurden, war es für die Jugendlichen schwer vorstellbar, wie die Choreographie in ihrer Gesamtheit aussehen würde.
Außerdem war das der Zeitpunkt, eine neue Herausforderung zu wagen: Das Ensemble bekam den Freiraum, in einem Bild "Worauf ich stolz bin" ihren ganz persönlichen Stolz zu formulieren. So also war erstmalig sprachlich (auf deutsch, oder in der Muttersprache) ein Moment geschaffen, in dem die Schüler/innen ihr eigenes Statement veröffentlichen konnten. Die Bereitschaft, bzw. der Wunsch danach war beachtlich.

In der vierten Phase, den Endproben, kam das Stück auf die Bühne. Vorgänge und Abläufe, die in der Turnhalle nur markiert werden konnten, bekamen nun die Unterstützung eines professionellen Theaters, inklusive dessen technischen Personals. Wir hatten drei Bühnenproben, in denen der Fokus natürlich auch auf alle technischen Abläufe gelegt werden musste. Das bedeutete für die Jugendlichen ein noch größeres Maß an Konzentration.
Spätestens bei der Generalprobe am Tag vor der Premiere war für alle auf der Bühne spürbar, mit welcher Professionalität sich ihre Anstrengungen während der vielen Monate zuletzt darstellte.

Mit dem Tag der Premiere und den insgesamt zwei Vorstellungen (eine am Vormittag für die eigene Schule mit sämtlichen Mitschüler/innen, eine am Abend für freies Publikum vor allem aber die Eltern und Familien) potenzierte sich die Begeisterung und das "Auf-der-Bühne-Stehen-Wollen" um ein Vielfaches. Das ganze Ensemble war nach allen Proben wirklich dort angekommen, wo auf der Bühne der Genuss des Augenblicks Raum hat, und nicht die Anstrengung, oder die Angst vor dem Versagen.

 
Besonderheiten:
Mit "Heldentaten"gelang der Schlusspunkt einer Trilogie von Tanztheaterproduktionen, mit denen wir die Jugendlichen über drei Jahre begleiten konnten. Manche von ihnen (sechs von achtzehn) standen zum dritten Mal als "Held/in" auf der Bühne.

Das "Helden-Projekt" hat ihnen in der Kontinuität der wöchentlichen Zusammenarbeit einen Eindruck gegeben, wie aus einer gemeinsamen Anstrengung etwas Wertvolles entstehen kann, für das sie mit Respekt, Wertschätzung und Freude belohnt wurden. Innerhalb ihres Alltags, in dem sie Tag täglich versuchen, in diesem Land, seiner Sprache und seiner Kultur Fuß zu fassen, konnte dieses langfristig ausgelegte Projekt helfen, das Selbstvertrauen der Schüler/innen zu stärken und die Zuversicht wecken, dass man etwas lernen kann, was am Anfang unmöglich erscheint - wenn man es denn durchhält und nicht aufgibt.

In besonderer Weise hat sich in der Produktion "Heldentaten" ein weiterer Aspekt als immense Bereicherung erwiesen:
Inspiriert durch diese dreijährige Arbeit mit Jugendlichen ohne entscheidende Deutschkenntnisse entwarf die Choreographin Johanna Richter für die Spielzeit 2011/12 ein Tanztheater in rein professionellem Rahmen, in dem genau derselbe Verlust an gemeinsamer sprachlicher Kommunikation zentrales Thema wurde. Unter dem Titel „Intimate stranger“, erzählt sie die Geschichte von sechs Einzelgängern aus fünf verschiedenen Ländern, die nebeneinander, Tür an Tür eine Hochhausetage bewohnen und im täglichen Miteinander keine sprachliche Verständigung schaffen. Jenseits der verbalen Kommunikation gelingt es ihnen schließlich durch wiederkehrende Begegnungen und vorsichtiges Herantasten an das Fremde des anderen ein versöhnliches Miteinander.

Da sich die Produktionszeit von „Intimate stranger“ und „Heldentaten“ in zwei Monaten überschnitt, gab es die außergewöhnliche Zusammenarbeit von einem künstlerischen Ensemble und einer Gruppe von Jugendlichen aus einer Mittelschule.
Die Darsteller von „Intimate stranger“, bestehend aus drei Tänzern und drei Schauspielern, konnten ihrerseits nicht alle zweisprachig kommunizieren. So war auch in dieser Begegnung die deutsche Sprache nicht allgemeingültiges Verständigungsmittel - ein Umstand, der die Jugendlichen außerordentlich befreite. Sie fühlten ihre eigene Situation in der der Künstler gespiegelt und gewannen schnell Sympathie und Nähe. Zuweilen konnten die Jugendlichen mit großer Begeisterung den Profis (sie sprachen nur englisch, spanisch oder portugiesisch) einige deutsche Worte beibringen. Dafür entwarfen die Profis in ihrer Tanzsprache Choreographien, die die Schüler/innen mit großem Ehrgeiz lernen wollten.

So begleitete das professionelle Ensemble in künstlerischer und menschlicher Hinsicht das Projekt „Heldentaten“ und konnte den Jugendlichen einen neuerlichen Einblick in die Sprache des Theaters ermöglichen. Zuletzt sahen die Schüler/innen ihre "Begleiter" auf der Bühne (der selben Bühne, auf der sie drei Monate später selbst stehen würden), sahen zum einen, wohin es führen kann, wenn man den Weg der Professionalität weiter verfolgt - sahen aber vor allem ihre Alltagswelt des „Nichtverstehens“ als Geschichte auf der Bühne und die Vision eines gemeinsamen Ziels – dem Miteinander!

Eigentlich also ihre Geschichte als Bühnenfantasie.

Mit dem Gefühl dieses Ziel erreichen zu können, kamen sie zurück in unsere Proben und formulierten ihren Stolz auf ihre ganz persönliche "Heldentat"


 
Probleme und Lösungen:
Die Erfahrung von zwei vorhergegangenen Produktionen mit den Schüler/innen der Winthirschule half enorm, den Schwierigkeiten eines weiteren Projekts frühzeitig auszuweichen. So wussten wir, welcher eigene Einsatz erforderlich ist, die Schüler/innen zu verbindlichen Terminabsprachen zu bringen (vor jeder Probe eine Erinnerung!), welche Logistik notwendig sein würde, die verschiedentlichen Schulpraktika mit unseren Probeterminen zu koordinieren und die Arbeit an den Choreographien so zu gestalten, dass es immer Möglichkeiten gab, konzentriert an verschiedenen Szenen zu gleicher Zeit im Raum zu arbeiten.
Sobald es Pausen, Wartezeiten geben würde, wussten wir um die Gefahr, die Gruppe danach nicht wieder zusammen zu bringen, bzw. mit der notwenigen Aufmerksamkeit weiter arbeiten können.
Nach wie vor blieb jedoch ein Rest Ungewissheit, wie stabil die einzelnen Teilnehmer über einen so langen Zeitraum wirklich sein würden. Das soziale Umfeld, die besonderen Lebensumstände, aus denen die Jugendlichen kommen, sind alles andere als ein Garant für eine kontinuierliche Arbeit an einem solchen Projekt.
 
Anekdotisches:
Ein ADHS verdächtiger Schüler der Ü7, der sich die Anerkennung der Gruppe hart erkämpft und sich sehr langsam zu einem konzentrierten und engagierten Tänzer entwickelt hatte, teilte uns 2 Wochen vor der Premiere mit, dass er am nächsten Tag mit seiner Mutter in ein Frauenhaus umziehen würde, das fünf Zugstunden von München entfernt war. Weder die Schule, noch der Schüler selber waren vorher über die anstehende Veränderung informiert worden, und so löste diese Neuigkeit Tränen, Entsetzen und Unverständnis aus. Aber nach dem ersten Schock war klar, dass der Schüler bei der Premiere nicht fehlen durfte.

Und als wir es nach unendlich vielen Telefonaten mit dem Frauenhaus, der Mutter und der Übersetzerin geschafft hatten, dass der Schüler nach München kommen konnte,stieg der Junge tatsächlich erstmalig alleine in den Zug und vollbrachte seine ganz persönliche Heldentat! Als er ankam wurde er von allen so freudig empfangen, geherzt und geküsst, dass er kaum die Tränen verheimlichen konnte.

Es folgten zwei großartige Vorstellungen,in denen der Schüler über sich selbst hinauswuchs.Die Gruppe war überwältigt vom Erfolg, vom Applaus und von sich selber - die Freude, das Glück und der Stolz waren atemberaubend! Um so schrecklicher war der Abschied, denn der Schüler musste noch am Abend der Premiere in den Zug steigen. Es war zutiefst berührend wie sich die Jugendlichen schluchzend in den Armen lagen, und die tiefe Verbundenheit war deutlich zu spüren. Besonders für den sich verabschiedenden Schüler war das eine extrem traurige Situation, die er auch deshalb so intensiv erlebte, weil er zuvor ein so großes Glück erlebt hatte.