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Was ich alles kann
Schule:
Schule am Mummelsoll
Eilenburger Straße 4
Berlin 12627
Leiterin : Marianne Just,
Telefon: 030 / 99286382
Fax : 030 / 99286383
www.mummelsoll.de

Förderschule/Sonderschule / Offener Ganztag
 
Kooperationspartner:
Malah Helman, Berlin
www.malah-helman.de

 
Beteiligte Schüler:
22
3 Klassen (zwei 3. Klassen, eine 4. Klasse)
 
Beteiligte Lehrkräfte:
3 Lehrerinnen, 3 Erzieherinnen (Grundschule)
 
Stundenvolumen:
3 Stunden pro Tag, pro Klasse 2 Tage pro Woche, insgesamt 6 Wochen. Plus Probenzeit von 3 Wochen, hier flexible Zeiteinteilung.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
“Was ich alles kann“, Theaterprojekt an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung

In dem Projekt „Was ich alles kann“ wurde mit SchülerInnen der Grundstufe einer Förderschule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ 2010 ein eigenes Theaterstück zum Thema erarbeitet. „Was ich alles kann“ wurde 2010 an der Schule am Mummelsoll in Berlin mit 22 SchülerInnen in drei Klassen der Grundstufe durchgeführt. Es wurde mit Mitteln des Senats für Bildung Wissenschaft und Forschung, des Fonds Kulturelle Bildung Berlin, der Franz-Neumann-Stiftung und der Theresia-Zander-Stiftung realisiert. Das Projekt mit einer Gesamtdauer von 9 Wochen bestand aus vier Arbeitsschritten, von denen die ersten drei Einheiten pro Klasse an zwei Wochentagen während zwei Wochen durchgeführt wurden, woran sich eine Probenphase von 3 Wochen anschloss.

Die Idee entstand 2009 während meiner ersten Arbeit an einer Förderschule. Hier habe ich festgestellt, dass jedes Kind individuelle Fähigkeiten hat, aber unser gesellschaftliches Wertesystem aus dieser Vielfalt nur wenige anerkennt. Im Sinne der Behindertenkonvention und des „sozialen Modells“, das Behinderung in erster Linie unter dem Gesichtspunkt unzulänglicher gesellschaftlicher Bedingungen betrachtet, wird die Emanzipation der Kinder selbst zum Thema gemacht. Nicht Defizite, sondern individuelle Fähigkeiten sind wichtig. Die Kinder werden in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt und ermutigt, ihre individuellen Fähigkeiten zu entdecken und zu erproben. Mein Projekt steht unter dem Motto „Ungewöhnlich(es) Lernen“. Es soll die individuelle Bewusstseinsbildung durch kreative und körperliche Prozesse im Kontext von Behinderung und gesellschaftlicher Problematik fördern.

Stück und Figuren wurde aus Ideen der SchülerInnen entwickelt, Kostüme, Plakat von ihnen selbst entworfen und gestaltet. Die Entwicklung von etwas Eigenen und das „Selbermachen“ haben eine große Kraft. Erkennen, Erfahrung sammeln und Experimentieren sind wesentliche Elemente der menschlichen Entwicklung auf dem Weg zum Selbst/Bewusstsein und zur Autonomie. Im Kontext der Theaterarbeit besteht die Möglichkeit, Figuren und Handlungen zu erfinden, die die innere Welt der Kinder zum Ausdruck bringen. Die Kinder erleben sich als Handelnde und können auf spielerische Weise reflektieren. Der Spielraum eröffnet Handlungsmöglichkeiten, Wünsche können verwirklicht werden. In der theatralen Handlung und der Pantomime wird die Essenz des Themas körperlich. Im Verlauf der Arbeit in der Kulturellen Bildung habe ich eine Methode entwickelt, die einen ganzheitlichen Ansatz hat und die die verschiedenen Ausdrucksformen der Künste vernetzt, so dass alle Sinne angesprochen werden. Die professionellen Mittel der verschiedenen künstlerischen Disziplinen, Bildnerisches Gestalten (Zeichnen, Malen, Basteln), Mittel des Theaters (Sprache, Pantomime, Körpertechniken), musikalische Elemente und Spiele so eingesetzt, dass sie den Bedürfnissen der SchülerInnen entgegenkommen. Für Kinder und insbesondere, Kinder mit Behinderungen werden die Vorgänge auf verschiedenen Ebenen erlebbar. Mit den Mitteln der Kunst wird eine ganzheitliche Plattform für individuelles Lernen geschaffen, die es den SchülerInnen ermöglicht, Dinge zu erkunden, zu hinterfragen und eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Es geht um die Schulung der Wahrnehmung, der sensomotorischen und begrifflichen Intelligenz.

Das Projekt hatte bei SchülerInnen, Publikum, Schulleitung, Kollegium, Förderern, und interessierten Eltern eine große Resonanz, auch das Stück war ein großer Erfolg. Die Kinder waren sehr kreativ, lebendig und sehr motiviert. Das große Ziel, den SchülerInnen bei der Entfaltung ihrer Fähigkeiten und in ihrem Selbstbewusstsein zu unterstützen wurde erreicht. Die SchülerInnen konnten zudem ihre Fähigkeiten (z. B. in kognitiver und motorischer Hinsicht) entwickeln. In der Arbeit mit Kindern gewinnt der künstlerische Schaffensprozess eine wichtige Funktion im Alltag. Kunst ist als Ausdrucksmöglichkeit von Erfahrung und Erkenntnis, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition ein Teil der menschlichen Entwicklung. Für mich ist es spannend zu sehen, was mit kreativer und körperlicher Energie in der Arbeit mit (behinderten) Kindern erreicht werden kann. Diese Arbeit ist sinnlich und konkret. Es gibt ein Ziel, an dem intensiv gearbeitet wird. In den verschiedenen Methoden der Körper und Figurenarbeit im Theater ist der Impuls, der die Aktion auslöst und führt, zentral. Dies kann als Basis gesehen werden, die jeder Aktion und auch Kreation zugrunde liegt. Mein spezifischer Beitrag als Künstlerin ist es, den Schülerinnen diese Energie zu vermitteln und in ihre Lebendigkeit (Aktivität) und Selbstbewegung zu führen (Selbstbewegung ist der Grundcharakter des Lebendigen (Aristoteles).

Jeder Schüler erhielt eine Mappe mit einer Foto- und Videodvd, der Hörcd, einigen Fotos und seiner Modellfigur. Mit den Porträts, Kostümen und Schatzkisten wurde in der Schule eine Ausstellung gemacht. Das Projekt ist in einer Dokumentation zusammengefasst. Ihr liegen bei: eine Interaktive CD, auf der alle Übungen und Aktionen nachvollzogen werden können. Das im Projekt entstandene Bild- und Tonmaterial zeigt die beteiligten Kinder in den einzelnen Arbeitsschritten. Außerdem gibt es noch eine DVD mit dem gesamten Bildmaterial (Fotos und Video), sowie eine Hörcd, auf der das entstandene Theaterstück als Hörspiel verarbeitet wurde.

Kommentare:
Schulleitung: Wie machen Sie das!? Es ist nicht einfach mit unseren Kindern.
Eine Lehrerin: So schöne Kostüme hatten wir noch nie.
I., Schüler: Hat mir gut gefallen, das was wir im Projekt gemacht haben.
N., Schülerin: Vielen Dank, Frau Helman.
Mutter von A.: Mir hat das Stück gut gefallen. Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn.

Bilder:
1.Plakat zum Stück, „Geschichte vom Jungen, der gut Fußball spielen konnte, seinen Ball verlor und dafür eine Schatzkiste fand“. Jedes Kind malte seine Figur.
(Scan: Malah Helman)

2. Das Intro, Lied mit Pantomimen „Schau mich an, was ich so alles kann“, das im Verlauf der Produktion zum gern gesungenen Ohrwurm der SchülerInnen wurde.

3. Die Kinderguppe mit verschiedenen Fähigkeiten versehen (im Bild der Junge, der gut Fussball spielen kann und der Junge, der gute Fotos machen kann) treffen auf der Suche nach dem Ball verschiedene Figuren, die ebenfalls bestimmte Fähigkeiten haben (hier die Prinzessin, die gut balancieren kann).
(Foto: Eva Heldmann)

4. Die Schleifenbinder verteilen Schleifen an Kinder im Publikum, die ebenfalls gut rennen können.

5. Am Ende des Stücks fordern die DarstellerInnen die ZuschauerInnen auf, sich mit ihnen hinzulegen und zu träumen.

Die „Geschichte vom Jungen, der gut Fußball spielen konnte, seinen Ball verlor und dafür eine Schatzkiste fand“ bestand aus den bisher erarbeiten Elementen und Übungen und den von den SchülerInnen eingebrachten Ideen, so das am Ende wirklich ihr eigenes Stück entstand. Über Formen und Handlungen geht es darum eine Sprache finden, die noch nicht unbedingt verbal ist, sondern im Sinne von Handlung mittels Gesten und Bewegung (Pantomime) körperlich kommuniziert werden kann. Die SchülerInnen haben auch kleine Texte entwickelt, die unterschiedlich präsentiert wurden, mit der Figurengruppe Forscher wurde ein Interview geführt, die Prinzessinnen sagten ihren Text einzeln, die Hausbauer im Chor, die Schleifenbinder abwechselnd. Das Stück ist interaktiv und bindet die Zuschauer/Zuhörer ein. Jedes Kind erfand eine Figur, die wiederum einer Fähigkeit zugeordnet war. Aus diesem Material wurde dann eine Geschichte montiert. Das Motiv des Ballspielens war ein Element, das von mehreren Kindern eingebracht wurde. Der Psychoanalytiker Jung beschreibt die kindliche Affinität zum Ballspiel. Für ihn symbolisiert der Ball das innere Selbst, das immer wieder gefunden werden muss. Zentral ist die Figur des Jungens, der gut Fußball spielen kann. Die Geschichte wird mit einem Bewegungslied eröffnet („Schau mich an, was ich so alles kann“- hier werden die im Stück erarbeiteten Pantomimen vorab musikalisch eingeführt), die Geschichte beginnt in der „Realität“ und gewinnt dann märchenhafte Elemente. Im Verlauf der Handlung, auf der Suche nach dem Ball trifft der Junge, der gut Fußball spielen kann weitere Kinder, die ebenfalls bestimmte Dinge gut können. Ähnlich wie bei den (in Teil 2 als einführende Geschichte erzählten) Bremer Stadtmusikannten gehen sie nun gemeinsam durch die Welt und begegnen weiteren, teilweise märchenhaften Personen-/Figurengruppen, die ebenfalls eine bestimmte Fähigkeit haben. Jede Figur hat in ihrem Auftritt einen kleinen Text und die Bewegungspantomime, einige Figurengruppen sprachen chorisch oder wechseln sich ab. Wichtig war auch hier, dass Text und Aktion sich ergänzten. Den SchülerInnen wurde die Möglichkeit gegeben, die Texte ihren persönlichen Bedürfnissen anzupassen, so wurde z.B. aus „ Wir bauen die Schönsten Häuser, mit Türen, Fenstern, Zimmern.“ „Wir bauen die schönsten Häuser, mit Türen, Fenstern und vielen Kinderzimmern.“ Auch die Figuren wurden ihnen fantasievoll ausgebaut, eine Prinzessin ging auf den Zehenspitzen, eine andere rückwärts. Auch die mehrfach behinderten Kinder wurden integriert, zur ersten Musiksequenz in einer stillen beinah traumartigen Szene spielt ein Junge mit den Bällen, ein sprachbehinderter Junge, brachte sich mit seiner eigenen Sprache ein. Am Ende bekommt der Junge, der seinen Ball verlor eine Schatzkiste, in der sich die Wünsche der Kinder aus dem Projekt befinden. Gemeinsam mit dem Publikum legen wir uns hin und fangen an zu träumen.

Das Projekt und auch das Theaterstück waren sehr erfolgreich. Die SchülerInnen hatten großen Spaß und waren sehr engagiert. Die Gedächtnisleistung der SchülerInnen wurde trainiert. Die SchülerInnen traten selbstständig auf und fanden ihre Position, einige SchülerInnen waren schon vor Stückbeginn auf ihren Plätzen und haben es geschafft sich bis zu ihrem Einsatz ruhig zu verhalten. Ein Junge, dem es phasenweise Schwierigkeiten bereitete, zusammenhängende Sätze zu bilden und der neben Konzentrationsschwächen auch in der Bildnerischen Gestaltung Schwierigkeiten mit Erkennen und Umsetzen hatte, hat außergewöhnliche Fotos gemacht und wurde im Theaterstück zum „Jungen, der gute Fotos machen kann“. Er bekam die Kamera mit verschiedenen Aufgaben. Diese wurden dann mit ihm zusammen ausgewertet. Ich hoffte, dass das Fotografieren ihn im Erfassen der Umwelt unterstützen konnte. Im Stück waren seine Einsätze sehr präzise (er nahm seine farblich markierten Positionen wahr) und er war durchgehend „bei der Sache“. Sprachlich gab es kleine Erfolge, so das Verstehen von Singular und Plural anhand seines Textes. Bei einigen hat sich das Verhalten in der Gruppe zumindest phasenweise verbessert, sie waren fähig, sich in der Gruppe einzuordnen und ihre Ängste und Aggressionen zu vergessen. Kinder, die eher kontaktarm sind, haben gegen Projektende einige Freundschaften schließen können.

 
Projektauslöser/Idee:
Während ich mit den Kindern arbeite, wird auch meine Kindheit gespiegelt. Aus diesem Kontext heraus entwickelte ich das Theaterprojekt an einer Förderschule zum Thema „Können“. „Du kannst das nicht“, ist ein Satz, den man als Kind des Öfteren hören muss. Der Entwicklung und Freiheit werden schnell Grenzen gesetzt. Defizite und Schwächen scheinen einen Menschen mehr zu definieren als seine Stärken. Oder anders formuliert, Begrenzungen sind in einer Gesellschaft, deren Freiheit nicht auf Gleichheit beruht, zentral. Das Argument der „Unfähigkeit“ verhindert die gleichberechtigte Entwicklung. Beeindruckt hat mich auch die Bekanntschaft mit einem Mädchen, das die anderen Kinder immer mit Satz „Du schaffst es“ anspornte. Das hat mich sehr berührt und ich hatte es im Hinterkopf als ich das „Was ich alles kann“ zu entwickeln begann. In „Was ich alles kann“ ging es um Befähigung im Sinne eines Lernens durch eine positive und bestärkende Grundhaltung. Dies entspricht dem aktuellen Ansatz in der Behindertenpolitik und ist gerade für SchülerInnen im Kontext einer Förderschule mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ ein wichtiger Ansatz. Nicht vermeintliche, gesellschaftlich formulierte Defizite, sondern die individuellen Fähigkeiten sind relevant, die natürlich erst einmal entdeckt werden wollen.
 
Projektentwicklung:
Arbeitsschritte

Zu Beginn des Projekts stelle ich eine Materialsammlung zur Verfügung. Einige Fragestellungen werden beispielhaft mit Bilderbüchern besprochen und mit einem Spiel eingeführt. Geschichten, die die Welt und ein Thema illustrieren, sind wichtig für die kindliche Entwicklung. Auch sollen die kulturelle Bildung und die Möglichkeiten künstlerischen Schaffens durch das Vorstellen und Vorlesen von Büchern erweitert und stimuliert werden. Das Spiel ermöglicht eine praktische Annäherung an das Thema.

Teil 1: Ich -; Anlegen und Vertiefen des Themas (Aussehen; Gefühle: was mag ich/nicht, Wünsche und Träume)
Das Thema „Ich, Aussehen, Wünsche und Träume“ wurde mit verschiedenen Geschichten interaktiv erzählt.
Das Kinderspiel „Ich bin in den Brunnen gefallen“: „Wer soll Dich da rausholen? Der, der am Besten… kann.“ wurde verwendet um das Thema „Können“ spielerisch einzuführen. Die daran anschließende bildnerische Gestaltung, z.B. Zeichnen, Malen und Collage, ist ein wesentlicher Teil des Arbeitsprozesses, der vor der Arbeit mit dem Körper, dem Raum, der Bewegung parallel zu der Projekteinführung beginnt. In „Was ich alles kann“ war die Umrisszeichnung der erste Arbeitsschritt. Im Verlauf der Themeneinheit entstand ein lebensgroßes Selbstporträt, das um weitere Aspekte des Selbst bereichert wurde: Lieblingskleidung entwerfen, etwas, was ich mag auf das Bild bringen, was ich gerne esse oder nicht gerne esse, meine Wünsche und Träume. Dabei sind ein vernetzter Ansatz und interessante Umsetzung wichtig. Beispielsweise wurde in der Klasse, in der schon Worte geschrieben, das Lieblingswort erfragt, auf dem Porträt angebracht und auf Tonband aufgenommen (am Ende des Projekts entstand aus allen Aufnahmen parallel zum Stück noch ein Hörspiel). Nachdem wir verschiedene Traumbilder erarbeitet hatten, haben die Kinder für jedes Kind die Elemente seines Traums (Wildnis, Schiff, Kerzen, Autos, Sportschuhe, usw.) aus Zeitschriften ausgeschnitten, die dann von dem Träumer auf sein Porträt geklebt worden sind. Hier war die gemeinschaftliche Umsetzung wichtig- ich helfe jemandem, seinen Traum darzustellen. Später wurden die Träume noch einmal gemalt. Das Spiel „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ wurde zu „Ich sehe jemanden, der hat an, sein Lieblingswort ist, er träumt von, etc.“ modifiziert und regelmäßig eingesetzt, um den Erkenntnisprozess über sich und andere zu unterstützen. Mit den jüngeren SchülerInnen wurden einige Körperteile (Mund, Hände, Füße) auf den Porträts mit Abdrücken angebracht. Zu diesen wird im zweiten Teil eine Pantomime erfunden, die mit einem Bewegungslied in das Stück eingeht. Die Schülerinnen haben intensiv an ihren Porträts gearbeitet und sich genau überlegt, welche Farben sie einsetzen, wie ihre Kleidung aussieht, was sie sich wünschen. Sehr spannend war die gemeinschaftliche Umsetzung der Träume und die Beschreibung der Mitschüler in dem Spiel „Ich sehe jemanden, der..“. Zum Schluss ist es allen gelungen, jemanden zu beschreiben und zuzuordnen. Aus einigen Porträts ergab sich eine Kontinuität und Weiterentwicklung zu Figuren des späteren Stücks: der Junge, der sich Turnschuhe und einen Fußball wünschte, wurde der Junge, der gut Fußball spielen kann; der Junge, der von der Wildnis träumte, wurde ein Forscher, das Mädchen mit dem schwarzen Kleid, legte auch ihr Kostüm so an.

Zu Beginn des Unterrichts wurden aufgrund des Bedarfs (Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität) am Morgen die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen (von den Kindern als „Gymnastik“ bezeichnet) eingesetzt. Der Projekttag schloss mit einer Entspannung mit (Ambient) Musik. Auch die Entspannung, für die am Schluss eine eigene Musik komponiert wurde, integrierte sich als gemeinsame Traumphase mit dem Publikum in das Stück. Projektentwicklung und Entwicklung des Stücks verschränken sich, eine Verfahrensweise, die Kinder mit kognitiven Schwächen im Lernprozess unterstützt

Teil 2: Ich kann - Erfahren und Erfassen der eigenen Fähigkeiten und pantomimische Umsetzung
Zu diesem Komplex gab es zwei Geschichten, erzählt wurden das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten (jedes Tier kann etwas, am Ende bekommen die Tiere ein Haus) und die Geschichte vom Pinguin, der gerne fliegen wollte und herausfindet, dass er zwar nicht fliegen, aber sehr gut schwimmen kann. Zum Thema „Ich kann“ wurde ein „Parcours der Fähigkeiten“ aufgebaut, an Spielstationen konnten Fähigkeiten spielerisch ausprobiert werden: balancieren, rennen, hören, Fußball spielen, Haus bauen, Gegenstände merken, Wattelauf (Jonglieren), fotografieren, Schleife binden. Der „Parcours“ ist durch die Beobachtung der Kinder entwickelt worden und deckte ein möglichst breites Spektrum an Entfaltungsmöglichkeiten ab, das auch die im Unterricht bereits erworbenen (besonderen) Kenntnisse integrierte. Anschließend wurden einige dieser Fähigkeiten in Pantomime umgesetzt und geübt. Das Kinderspiel „Ich bin in den Brunnen gefallen“: „Wer soll Dich da rausholen? Der, der am Besten… kann.“ wurde weiterhin verwendet um die entwickelten Bewegungspantomimen spielerisch zu üben. Die pantomimische Umsetzung hat den Schülerinnen viel Spaß bereitet und sie waren auch hier außerordentlich kreativ, so hat eine Schülerin für die Pantomime „Schwimmen“ eine schwierige Variante eingebracht. Im Verlauf der Arbeit verbesserten sich bei allen die Koordination und ein Junge, der anfangs sehr große Probleme mit der Koordination hatte, führte im Stück mühelos die schwerere Variante aus. Das Fußballspielen wurde zusätzlich noch auf dem Hof geübt und das Laufen auf einem Laufband trainiert. Die Bewegungspantomimen, die die Bewegung in ihrer Essenz enthalten, wurden durch die Einbindung ihrer natürlichen Bewegungsabläufe verdichtet und die Kinder zur Bewegung motiviert. Die Schülerinnen haben sich nach jeder Übungseinheit selbst zugeordnet („was hat mir heute Spaß gemacht?“, „was konnte ich heute gut?“), da es nicht darum ging die Kinder zu bewerten, sondern dass sie selbst etwas herausfinden. Um in diesem Teil auch ein bildnerisches Element zu haben, wurde mittels Schatzsuche die Schatzkiste eingeführt; jeder bekam ein Kästchen, das er bemalte und dafür eine Zeichnung anfertigte, die ihn bei einer Fähigkeit zeigt, die er gut kann.

Teil 3: Ich will werden - wie möchte ich aussehen, was will ich sein/werden, Entwerfen und Basteln der Kostüme, Figurenarbeit
Für jede Fähigkeit wurde eine Figur gefunden; diese wiederum schöpfte sich aus den Anregungen der Kinder während der gemeinsamen Arbeit. Die „Geschichte vom Jungen, der gut Fußball spielen konnte, seinen Ball verlor und dafür eine Schatzkiste fand“ bestand aus den bisher erarbeiten Elementen und Übungen (Fähigkeiten aus dem Parcours und die daraus entwickelten Bewegungspantomimen; Geräusche aus der Hörstation; Entspannungsübung; Schatzkiste; etc.). Das Motiv des Ballspielens war hier ein Element, das von mehreren Kindern eingebracht wurde. Der Psychoanalytiker Jung beschreibt die kindliche Affinität zum Ballspiel. Für ihn symbolisiert der Ball das innere Selbst, das immer wieder gefunden werden muss. Im Stück gibt es eine Kindergruppe, die sich mit verschiedenen Fähigkeiten versehen, auf der Suche nach dem Ball macht (vergleichbar der Struktur des erzählten Märchens von den Bremer Stadtmusikanten in Teil 2) und auf verschiedene, teilweise märchenhafte Figurengruppen trifft. Jede Figur hat in ihrem Auftritt einen kleinen Text und die Bewegungspantomime, einige Figurengruppen sprachen chorisch oder wechseln sich ab. Wichtig war auch hier, dass Text und Aktion sich ergänzten. Den SchülerInnen wurde die Möglichkeit gegeben, die Texte ihren persönlichen Bedürfnissen anzupassen, so wurde z.B. aus „ Wir bauen die Schönsten Häuser, mit Türen, Fenstern, Zimmern.“ „Wir bauen die schönsten Häuser, mit Türen, Fenstern und vielen Kinderzimmern.“ Auch die Figuren wurden ihnen fantasievoll ausgebaut, eine Prinzessin ging auf den Zehenspitzen, eine andere rückwärts. Die Kostüme wurden von Schülerinnen mit unserer Hilfe zunächst auf der Rückseite des Porträts entworfen und dann gebastelt. Schon auf den Porträts haben wir die Materialien verwendet, die dann auch das Kostüm stellten. Metallicfolie, Krepppapier, farbige Müllbeutel, Klebeband und Glitzer liessen das Porträt schon ins Dreidimensionale gehen. Die Schülerinnen haben ihre Figur und das Kostüm mit viel Kreativität und Engagement erstellt. Immer wieder wurde bildnerisch gearbeitet und so malte jeder noch seine Figur in kleinem Format für das Plakat. In der Wiederholung und Verkleinerung wurden sich die Schülerinnen der visuellen Elemente ihrer Figur erneut bewusst und konnten diese übertragen.

Teil 4: Unser eigenes Theaterstück entsteht – Entwicklung einer Geschichte aus der in den vorigen Teilen entstandenen Ideen, Proben und Präsentation.
Die Turnhalle bildete die gesamte Spielfläche und die Zuschauer waren dazwischen platziert. Das Stück hatte eine Spielleitung und bezog die Zuschauer teilweise mit ein. Auch die schwer behinderten Schüler erhielten eine Aufgabe, die mit ihnen entstanden ist. Die Gedächtnisleistung der Schülerinnen wurde trainiert. Die Schülerinnen traten selbstständig auf und fanden ihre Position, einige Schülerinnen waren schon vor Stückbeginn auf ihre Plätzen und haben es geschafft sich bis zu ihren Einsatz ruhig zu verhalten. Bei einigen hat sich das Verhalten in der Gruppe zumindest phasenweise verbessert, sie waren fähig, sich in der Gruppe einzuordnen und ihre Ängste und Aggressionen zu vergessen. Kinder, sie eher kontaktarm sind, haben einige Freundschaften schließen können. Die Kinder waren lebendig und aufmerksam und mit viel Freude und stolz dabei. Dies war eine beachtliche Leistung, da einige Kinder Konzentrationsschwierigkeiten hatten.

 
Besonderheiten:
Im Projekt war das Selbermachen zentral. Die Möglichkeit, früh etwas Eigenes zu entwickeln, macht selbst/bewusst, regt zum Nachdenken an und entwickelt die kreativen, körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Im Kontext der Theaterarbeit besteht die Möglichkeit, Figuren und Handlungen umzusetzen, die die innere Welt der Kinder zum Ausdruck bringen. Die Kinder erleben sich als Handelnde und können auf spielerische Weise reflektieren. Eine demokratische Gesellschaft braucht unabhängige und selbstständige Menschen, sie braucht die Vielfalt und die Teilhabe aller.
 
Probleme und Lösungen:
Im 2. Teil des Konzepts (Thema: Ich kann), konnte ich aus Zeitmangel nur auf Fähigkeiten eingehen, die real und als solche begriffen werden und der Fähigkeitsbegriff nicht ausgeweitet werden konnte, z. B. auf soziale Aspekte. Ich habe auch gemerkt, dass dieser Ansatz für die Kinder zu abstrakt gewesen wäre und dass es dafür dann wesentlich mehr Zeit gebraucht hätte. Nach der Hälfte des Projekts musste ich die Bildnerische Gestaltung umbesetzen, da ich den konzeptionellen Anteil dieser Position übernommen habe, da anders als vertraglich vereinbart diese Arbeitsanteile nicht ausgeführt und es in der Folge eher zu einer Assistenz im Projekt kam. Nachdem noch ein Fehlen durch Krankheit mit ungewisser Dauer hinzukam, habe ich nachdem ich den bisherigen Arbeitsausfall selbst kompensiert habe, den Aufgabenbereich umbesetzt. Es hat sich im Projektverlauf herausgestellt, dass eine Entspannung zu Ende des Projekttags gut ist, nachdem ich eine Weile mit verschieden Entspannungsmusiken experimentiert habe und es sich dann auch dramaturgisch ergeben hat, den Entspannungsprozess ins Stück einzubauen, habe ich mich entschlossen, hierfür eine Komposition einer Berliner Kunstschaffenden zu nehmen und keine anonyme Konserve. Die SchülerInnen haben sehr positiv auf die Musik reagiert, als ich ihnen diese vorstellte. Das war für mich interessant war, dass es dieser Komposition gelang, die Kinder in eine aufmerksame Entspannung zu bringen und eine tiefe Wirkung hatte.
 
Anekdotisches:
Da gab es eine Menge. Für die SchülerInnen war es toll, mit viel und unterschiedlichem Material umgehen zu können und künstlerisch zu arbeiten. Für das Stück konnte eine Theateratmosphäre hergestellt werden. Dies ist durchaus nicht selbstverständlich. Ausreichend Mittel zur Verfügung zu haben, die die Entfaltung der Kreativität unterstützen und anreichern, auch das ist ein Zeichen von Wertschätzung. Die Schülerinnen waren begeistert, viele Materialien auszuprobieren oder eine CD mit nachhause nehmen zu dürfen (Jetzt habe ich schon 3 CDs!, rief ein Schüler, als jeder eine Abschlussdokumentation bekam). „Jetzt macht sie das Licht an!“, rief ein Schüler, als wir ihnen zum ersten Mal die eingerichtete Spielfläche mit echten Theaterscheinwerfern präsentierten. Es geht hier nicht nur um Motivation, das Eröffnen von Möglichkeiten ist eine notwendige Förderung des Reifeprozesses. Das Pantomimelied "Schau mich an, was ich so alles kann", das Intro zu unserem Stück, entwickelte sich zum Ohrwurm und wurde von den SchülerInnen zwischendurch gesummt und gesungen. Es war toll die Kinder so stolz und selbstbewusst zu sehen. Berührt hat mich außerdem, dass sich die SchülerInnen bei mir teilsweise bedankt haben und gesagt haben, dass ihnen das Projekt wirklich gut gefallen haben. SchülerInnen anderer Klassen sprachen vor, um sich für ein nächstes Projekt anzumelden.