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Der Zeitsprung verbindet Generationen
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69 Teilnehmer von 8 bis 73
Zeitsprung - Paradiesische Zeiten
Schule:
Albert-Schweitzer-Schule Herford
Elsa Kappen
Schulwall 8
32052 Herford

www.albert-schweitzer-schule-hf.de

Förderschule/Sonderschule / Gebundener Ganztag

 
Kooperationspartner:
Theater Bielefeld
Kerstin Tölle (Tanzvermittlung)
Brunnenstraße 3-9
33602 Bielefeld
Fon: 0521 / 51 82 73
www.theater-bielefeld.de
 
Beteiligte Schüler:
13
Die 13 Teilnehmer der Albert-Schweitzer-Schule am Projekt "Zeitsprung - Pardiesische" Zeiten setzen sich aus drei Klassen zusammen – zum einen aus der Klasse 8b von der Lehrerin Elsa Kappen (mit insgesamt 13 Schülern) und aus einzelnen Schülern der Klassen 7b und 8a.
Viele dieser Schüler haben einen Migrationshintergrund und jeder von ihnen hat erfahren, was es heißt, gewohnte Strukturen zu verlassen und „ausgewiesen“ zur werden: Alle sind aus dem Regelschulsystem ausgegliedert worden und nun in der Förderschule. Diese Ausgliederung und Ausgrenzung hat teilweise deutliche Spuren bei ihnen hinterlassen – das Selbstvertrauen hat bei vielen erheblich gelitten.

 
Beteiligte Lehrkräfte:
Klassenlehrerin Elsa Kappen und ihr Referendar, sowie weitere Lehrkräfte, die die Schüler mit betreuen. (ca. 8 Personen) Das studierte Hauptfach der hauptverantwortlichen Lehrerin Elsa Kappen ist Kunst. An der Albert-Schweitzer-Schule unterrichtet sie als Klassenlehrerin mehrere Fächer: In diesem Schuljahr unterrichtet sie die Fächer Kunst, Biologie, Wirtschaftslehre, Mathematik und Deutsch.
 
Stundenvolumen:
In der fünfwöchigen Probenzeit beschäftigten die Schüler sich täglich mit den Ausdrucksmöglichkeiten ihres Körpers – eine Zeit voll intensiver Erfahrungen und unvergesslicher, neuer Eindrücke. Zum Erlebnis, sich selbst als Tänzer zu erfahren, kam ein Probenbesuch beim Tanztheater Bielefeld. Der Vorstellungsbesuch des zeitgenössischen Tanztheaters fördert darüber hinaus, Tanz mit anderen Augen zu sehen und besser zu verstehen.
Gearbeitet wurde zunächst in vier kleinen Gruppen unter Anleitung professioneller Choreographen(wobei die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule eine Gruppe bilden). Hier bleiben die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule zunächst unter sich, das Training fand in den Räumen der Schule am Schulwall in Herford statt.
Von Montag bis Freitag wurden täglich drei Stunden trainiert.
Dann begann die intensive Endprobenphase, in der die verschiedenen Elemente des Tanzstücks zusammen gefügt und gemeinsame choreographische Elemente mit allen 69 Teilnehmern erarbeitet werden. Nun wurde täglich, also auch an Wochenenden geprobt – das Probenpensum stieg auf vier bis fünf Stunden täglich an.
Insgesamt betrug das Probenaufkommen ca. 80 Stunden.
Am Ende der Probenzeit standen fünf Aufführungen im Theaterlabor in Bielefeld vor jeweils über 200 Zuschauern.

 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Seit 2007 finden in jeder Spielzeit unter dem Namen „Zeitsprung“ Projekte im Stadttheater Bielefeld mit Laien statt.
Das hiesige Tanztheater entwickelte damals unter der Leitung von Gregor Zöllig zusammen mit Royston Maldoom (den viele aus dem Dokumentarfilm Rhythm is it kennen) eine Konzeption, die bundesweit einmalig ist.
Im Zeitsprung begegnen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, deren Wege sich im Alltag vielleicht nie gekreuzt hätten: Landwirte, Professoren, Kinder, Gehörlose, Migranten, Beamte, Handwerker, Hausfrauen, Jugendliche…
Die Choreographen, die alle schon als Tänzer für Gregor Zöllig und seine Kompanie gearbeitet haben, vermitteln nicht nur ihre eigene Leidenschaft für Tanz und einen kreativen Umgang mit dem Körper. Sie fordern Disziplin, soziale Kompetenz und eine künstlerische Auseinandersetzung mit den eigenen körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten.
Die Teilnehmer erleben einen kompletten Probenprozess an einem professionellen Theater und arbeiten mit Tänzern und Choreographen zusammen, die sie bisher nur auf der Bühne erlebt haben. Sie entwickeln Bewegungen zu vorgegebenen Aufgaben, nehmen am kreativen Prozess einer Choreographie teil, erlernen eine Choreographie und präsentieren sie vor Publikum.

Der Zeitsprung – Paradiesische Zeiten ist inhaltlich angelehnt an die Inszenierung My Hotel Paradise des Tanztheater Bielefeld. Der Chefchoreograf Gregor Zöllig und seine Tänzer beschäftigen sich hier mit der Frage, was Menschen dazu bewegt, ihre Heimat zu verlassen und fast ohne Hab und Gut in eine ungewisse Zukunft in einem ungefähren Irgendwo aufzubrechen.
Auch die Choreographen des Zeitsprungs haben mit den Laien zu diesem Thema gearbeitet und ausgelotet, ob es Narren oder Visionäre sind, die alles stehen und liegen lassen, um andernorts ein Leben in Würde zu suchen. Bei dem Zeitsprung haben Schüler mit Migrationshintergrund und Menschen mitgewirkt, die längere Zeit im Ausland gelebt haben und zurückgekehrt sind sowie Teilnehmer, die ihr Heimatland verlassen haben, um in Deutschland ein neues Zuhause zu finden. Die Teilnehmer sind im Alter von 8 bis 73.

Das Tanztheater Bielefeld kooperiert jeweils mit Schulen, die thematisch in das Konzept des jeweiligen Zeitsprungs passen – im Fall vom Zeitsprung Paradiesische Zeiten mit der Albert-Schweitzer-Schule aus Herford.

 
Projektauslöser/Idee:
Das Tanztheater Bielefeld hat nach einem Weg gesucht, das größte Kapital des Künstlers weiterzugeben: Die Leidenschaft für seine Kunst. 2007 wurde der erste Zeitsprung ins Leben gerufen. Anders als andere Community Dance Projekte, wollte man nicht nur einfach mit Laien tanzen. Vielmehr ging es dem Chefchoreographen des Theater Bielefeld Gregor Zöllig und seiner Kompanie darum, die Laien professionel anzuleiten und sie für den Probenzeitraum wie Tänzer zu behandeln - losgelöst von sozialem Hintergrund und Alter. Außerdem möchte man die künstlerischen Ideale des Tanztheater Bielefeld auf diese Weise nachhaltig vermitteln.

Der "Nebeneffekt" ist eine integrative und generationenübergreifende Wirkung über soziale Schranken hinweg.

 
Projektentwicklung:
Seit dem ersten Zeitsprung 2007 sind der Chefchoroegraph Gregor Zöllig und seine Tänzer damit beschäftigt, den Zeitsprung beständig weiterzuentwickeln. Immer wieder werden neue Themen, Formen der künstlerischen Umsetzung und Schauplätze gefunden
Nachdem anfänglich ein Projekt pro Spielzeit realisiert wurde, stehen inzwischen drei Zeitsprünge pro Spielzeit auf dem Spielplan. Seit dem Beginn der Spielzeit 2010/2011 gibt es sogar eine eigens geschaffene Stelle einer Projektmanagerin, die sich ebenfalls um die Tanzvermittlung kümmert.

1. Zeitsprung(Spielzeit 06/07)
Vier Generationen tanzen vier Jahreszeiten
Beteiligte Schulen:
Steinhagener Gesamtschule
Gymnasium am Waldhof

2. Zeitsprung (Spielzeit 07/08)
Der Stuwwelpeter tanzt
Beteiligte Schulen:
Gesamtschule Stieghorst
Bosse Realschule


3. Zeitsprung (Spielzeit 08/09)
Zu Brahms tanzen Beteiligte Schulen:
Gesamtschule Stieghorst
Gymnasium am Waldhof

4. Zeitsprung (Spielzeit 08/09)
Beteiligte Schulen und Vereine:
Felix Fechner Gesamtschule Leopoldhöhe
Brücke e.V.
Hauptschule Meierfeld
Laborschule Bielefeld


5. Zeitsprung (Spielzeit 09/10)
einfach.ich
Beteiligte Schulen:
Grundschule Pavenstädt Gütersloh
Hauptschule Ost Gütersloh

6. Zeitsprung (Spielzeit 09/10)
Der Blick zurück
Beteiligte Schulen und Vereine:
Gesamtschule Rosenhöhe
Bielefelder Blinden- und Sehbehinderten Verein e.V. / Pro Retina Bielefeld


7. Zeitsprung (Spielzeit 09/10)
Minimal-Maximal
Beteiligte Schulen:
Kuhlo Realschule


8. Zeitsprung (Spielzeit 10/11)
Paradiesische Zeiten
Beteiligte Schulen:
Albert-Schweitzer Schule, Herford
Gesamtschule Stieghort, Bielefeld

 
Besonderheiten:
Mit der Zielsetzung, die ausgewählten Themen mit verschiedenen, aber wiederum spezifisch ausgewählten Laien, in einem künstlerisch professionellen Rahmen tanztheatralisch aufzugreifen, bildet Zeitsprung eine ideale Plattform für eine intergenerative, interkulturelle und integrative Theaterarbeit. Aufgrund dieses zukunftsweisenden Modellcharakters werden die Zeitsprungprojekte vom Land NRW gefördert.

Wichtig ist dem Tanztheater Bielefeld vor allem der intergenerative Aspekt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene begegnen sich nicht als Eltern, Verwandte, Lehrer und Kinder, sondern sie stehen gemeinsam als gleichberechtigte Tänzer auf der Bühne. Von den Choreographen werden sie auch als solche behandelt und soziale Kompetenz wird genauso vorausgesetzt wie Disziplin und Verantwortung.

 
Probleme und Lösungen:
Im Vorfeld des Projekts hat die Lehrerin Elsa Kappen zunächst den Schülern den Zeitsprung vorgestellt. Dann hat sie die Lehrerschaft und die Schulleitung ausführlich informiert – denn alle müssen das Projekt mittragen (Unterricht muss verschoben werden, Begleitungen für Fahrten zu Proben organisiert werden etc.). Die Lehrerschaft stand dem Projekt aber nach der ausführlichen Information positiv gegenüber.
Auf einem extra einberufenen Elternsprechtag wurde der Zeitsprung den Eltern vorgestellt – alle hatten vorab bereits Informationsmaterial erhalten – und offene Fragen wurden erörtert. Nach Einschätzung aller Eltern ist das Tanzprojekt eine gute Möglichkeit für die Jugendlichen, um Schlüsselkompetenzen zu erwerben. Die Kosten für die Fahrten zu den Proben nach Bielefeld mussten aufgebracht werden (u.a. durch den Förderverein der Schule) und auch die Eltern konnten für die Abholung der Jugendlichen am Bahnhof in Herford (im Anschluss an die Proben) gewonnen werden und haben abwechselnd Fahrdienste übernommen.
Die Projektmanagerin Kerstin Tölle vom Theater Bielefeld unterstütze Elsa Kappen bei der Projektvorstellung im Rahmen einer Lehrerkonferenz und eines Elternabends.

Das Projekt hat den Teilnehmern vieles abverlangt. Vor allem am Anfang musste die Lehrerin oft vermittelnd einschreiten, weil die Jugendlichen kein Verständnis für das Bedürfnis der Erwachsenen nach einer ruhigen Arbeitsatmosphäre hatten und die Erwachsenen kein Verständnis für den kommunikativen Bedarf der Heranwachsenden. Im Laufe der Probenphase haben sich die Teilnehmer allerdings angenähert und eine gute Basis gefunden. Die Teilnehmer treffen sich in Kürze, um sich gemeinsam die Aufzeichnung der Premiere anzuschauen.

 
Anekdotisches:
Der Nachhall der Probenphase und der Vorstellungen ist immens. Nicht nur bei den Akteuren, denen es oft gelingt, Bilder von berührender Intensität auf die Bühne zu zaubern, die mit jugendlicher Spritzigkeit oder erwachsener Reife ihrem Pulikum jenen Zauber vermittelt, der im Tanz liegt. Manch einen lässt das Thema Tanz vielleicht nie mehr ganz los.
Oftmals ist es für Schüler das erste Mal, das sie den Klassenverband und die Gemeinschaft positiv und losgelöst vom Alltag erleben. Gemeinsam schaffen sie etwas Großes und Beeindruckendes und sind stolz, gemeinsam mit Menschen aller Altersgruppen auf der Bühne zu stehen.

Als die letzte Vorstellung gespielt war, gab es in einer Feedbackrunde von allen Beteiligten Aussprüche wie "wie schade, dass das Projekt schon vorbei ist" und "ich werde Euch alle so vermissen".

Kurz vor einer Aufführung hatte eine Schülerin einen Kreislaufkollaps und wurde vom Notarzt abgeholt. Ihre beiden Freundinnen waren in Tränen aufgelöst, machten sich große Sorgen und wollten zunächst nicht mit auftreten. Aber die Gruppe hat sie wunderbar aufgefangen, ihnen Mut zugesprochen und als dann das Saallicht ausging, haben sie sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt und sind auf die Bühne gegangen: Denn im Tanztheater ist man ein Team und seine Kollegen lässt man nicht hängen!
Das Mädchen mit dem Kreislaufkollaps wollte übrigens am nächsten Tag, nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, direkt ins Theater gebracht werden und die nächste Vorstellung spielen....