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Eine Szene aus dem Bild: WALD
Tanztheater "Helden"
Schule:
Hauptschule am Winthirplatz
Winthirplatz 6
80639 München
089/ 23 23 729 41
089/ 23 23 729 44


Hauptschule / Offener Ganztag
 
Kooperationspartner:
Johanna Richter, Choreographin, Regisseurin, München

Der gemeinnützige Verein "mitSprache e.V."
Brunhildenstr. 3
80639 München
089/172739 oder 0151/28236516
www.mitsprache-ev.de

Schauburg/Theater der Jugend
Franz-Joseph-Strasse 47
80801 München
Tel: 08923337162

 
Beteiligte Schüler:
18+1Schüler, der die Kostüme nähte
Insgesamt 18 Schülerinnen und Schüler der so genannten Deutsch-Lerngruppen und Übergangsklassen. Beides sind Klassen, in denen ausschließlich Jugendliche unterrichtet werden, die im Laufe des Jahres ohne Deutschkenntnisse nach München kommen.
Ü5: 2 Mädchen
Ü7: 5 Mädchen, 3 Jungen
Ü8: 5 Mädchen
DLG Jahrgangsstufe 9 : 1 Mädchen, 2 Jungen
 
Beteiligte Lehrkräfte:
2 Lehrerinnen mit den Fächern Deutsch, Mathematik, Kunst, Musik, Ethik
 
Stundenvolumen:
Über einen Zeitraum von 7 Monaten (von November 2009 bis Mai 2010) wurde einmal wöchentlich in einer regelmäßigen Tanz-AG von zwei Stunden gearbeitet. Abzüglich der Schulferien und zuzüglich der Endproben, in denen in zwei Wochen zwei mal wöchentlich für zwei Stunden geprobt wurde, kamen insgesamt 20 Probeneinheiten zustande.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
"Helden" ein Tanztheater in acht Bildern von Johanna Richter

Jugendliche aus Äthiopien, Kroatien, Ägypten, Bosnien, Serbien, Rumänien, Lettland, dem Kosovo, Pakistan, Sierra Leone, Honduras, der Türkei, Polen, dem Irak, Bulgarien und Afghanistan sind die Helden einer Reise durch verschiedene Orte der Fantasie. Sie tanzen durch Höhlen, Wüsten, Meere, Wälder und schliesslich in die Stadt, in der wir sie finden.

Jedes dieser Kinder kommt selbst von einer Reise, die hier in München endete. Viele vermissen ihre Familien, ihre Heimat, ihre Sprache und die eigene Kultur. Helden aber sind die, die Gefahren trotzen, sich Herausforderungen stellen und mutig ihr Leben zu meistern versuchen.

"We can be heroes - just for one day" so hieß es in einem Lied, und so denken wir für dieses Projekt, in dem die kleinen Helden des Alltags zu großen Helden werden in einer gemeinsamen Fantasie.

Das Projekt enstand in jeder Beziehung aus dem Nichts und nur aus der Idee heraus, den Verein "mitSprache e.V." in seiner integrativen Arbeit an der Winthirschule zu unterstützen. Um sofort mit der Arbeit zu beginnen, wurde auf jegliche Antragstellung für Förderungen verzichtet, in der Hoffnung trotzdem ein professionelles Projekt erschaffen zu können.
Erst die Koproduktion mit der Schauburg/ Theater der Jugend München verhalf dieser Produktion für die Endphase in Logistik und Fürsorge zu rundum besten Arbeitsbedingungen.

Für alle (ungefähr 80) Schüler/innen der Übergangsklassen der Hauptschule am Winthirplatz, die der Verein "mitSprache e.V." unterstützt, war dieses Projekt ein freiwilliges Angebot unter der Maßgabe einmal in der Woche zu proben.
Nach anfänglichem Herantasten an eine den Schüler/innen völlig fremde Arbeit, die Materie Tanztheater und die schwierige Kommunikation durch viele unterschiedliche Sprachen, entstand in insgesamt 20 Proben dieses Stück. Für die Schüler/innen, deren Lebensumstände zum Teil äußerst instabil sind, eine wahre Heldenreise.
Am Ende standen sie auf der Bühne, genossen den unglaublichen Erolg und das Gefühl im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Viele erlebten vielleicht erstmalig eine Belohnung für eine Leistung jenseits ihrer Sprachkompetenz. Die Energie, mit der sie begeistert zwei Vorstellungen tanzten (eine Schulvorstellung vormittags und eine Abendvorstellung am gleichen Tag für freies Publikum) spiegelte den Stolz darüber, mit der eigenen Durchhaltekraft etwas erreicht zu haben.

Der Begriff Theater, der sozusagen allen vor der Projektarbeit fremd gewesen war, wurde durch dieses Erlebnis zu einer neuen Entdeckung, die fortan elementar wichtig für die Jugendlichen geblieben ist.

Nie wäre dieses Stück in der Form zustande gekommen, wenn sich nicht so viele mit so großem Idealismus für das Projekt begeistert hätten. Ein afrikanisches Sprichwort sagt:"Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf".

Für dieses Stück gab es ein ganzes Dorf, großartiger, ehrenamtlicher Helfer:

Choreographie/Idee: Johanna Richter
Co-Choreographie: Volker Michl
Bühne: Bjoern Wallbaum
Kostüm: Christel und Sinn
Mitarbeit: Tim Bergmann
Film: Thomas Göbl
Flyer: Martina Baldauf
und großzügige Schenkungen:

Kostümstoffe: Roya Hamdirad
Bewirtung der Kinder: Christian Ribitzki

Koordination, Logistik: Monika Schulte- Rentrop, Vorsitzende des Vereins mitSprache e.V.

und die professionelle Unterstützung mit Team und Technik des Theaters Schauburg

 
Projektauslöser/Idee:
Im Zuge des kontinuierlichen Engagements der Lehrerin Monika Schulte-Rentrop für die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an der Winthirhauptschule, gründete sie den Verein mitSprache e.V., der die Integration junger Migrantinnen und Migranten fördert und eben für diese Kinder 1 zu 1 Patenschaften vermittelt. Durch diesen Verein entstand der Kontakt zur Münchner Choreographin Johanna Richter, die im Sinne einer künstlerischen Patenschaft für diese Jugendlichen die Erarbeitung eines Tanztheater anbot. "Rhythm is it" und andere Projekte, die in sozialen Brennpunkten von Royston Maldoom durchgeführt wurden,wiesen vor allem immer wieder darauf hin, wie die nonverbale Kommunikation durch Tanz über die sprachlichen Defizite hinweg hilft. So war auch hier die Hoffnung, mit der Erarbeitung eines gemeinsamen Tanztheaters das integrative Vermögen von Jugendlichen mit marginalen Deutschkenntnissen zu befördern und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, damit sie zuversichtlich und erfolgsmotiviert ihr Leben in die Hand nehmen.

Die Choreographin Johanna Richter konnte durch ihre langjährige Arbeit in der freien Münchner Theaterszene Kontakte zu Kollegen und Theatern einbringen, die dieses Projekt auf das Niveau einer professionellen Theatererfahrung beförderte. So wurde die Schauburg, das Theater der Jugend am Elisabethplatz zum Aufführungsort und Co-Produzenten des Projekts.

Der Verein mitSprache e.V. kommunizierte dieses Angebot für die von ihm besonders betreuten Übergangsklassen mit der Schulleitung und so gab es innerhalb kürzester Zeit (in einem Monat!) ein gemeinschaftlich getragenes Projekt zwischen Schule, Verein und Münchner Künstlern, an dem alle 80 Kinder der Übergangsklassen freiwillig teilnehmen konnten,- sofern sie bereit waren, einmal in der Woche für zwei Stunden zu proben.

 
Projektentwicklung:
Ein Angebot zu einem Tanztheaterprojekt zu kommunizieren, wenn die deutsche Sprache keine gemeinsame Voraussetzung ist, und nahezu keiner der möglichen Teilnehmer eine Vorstellung von Theater hat, machte die Startphase etwas problematisch. Wie sollte klar werden, zu was die Jugendlichen überhaupt gebeten waren? Kaum einer hatte je ein Theater von innen gesehen....

Aus diesem Grund erstellte die Lehrerin eine Liste aller Herkunftssprachen der 80 ausländischen Schülerinnen und Schüler - es waren ca. 25 verschiedene Sprachen.
Um wenigstens einem Teil gerecht zu werden und möglichst vielen Kindern die Chance zu geben, den Inhalt des gemeinsamen Angebots in ihrer Sprachen verstehen zu können, brachte die Choreographin Freunde und Kollegen aus verschiedenen Ländern zum ersten Treffen mit, die dolmetschen und helfen wollten.

Das Kennenlernen fand in der Turnhalle statt, dem Ort, an dem von nun an wöchentlich auch die Proben stattfinden sollten.

Nach einem kurzen Videoausschnitt aus einem Stück von Johanna Richter, tanzte sie mit dem Kollegen Volker Michl einen Moment life für die Kinder, wobei sie gleichzeitig erklärte, was die Bewegungen nun gerade für eine Geschichte erzählen sollten. Zum Schluss wurden "Gesprächsgruppen" gebildet, in denen das Projekt Dank der Helfer/innen in polnisch, spanisch, griechisch, bulgarisch, türkisch, farsi, englisch und französisch erklärt wurde.
Am Ende hatten wir das Gefühl die Eckdaten unseres Vorhabens so gut wie möglich kommuniziert zu haben.

In der ersten Etappe unserer Proben (November bis Januar) war die Verabredung für alle: wer kommt, kommt drei Mal und entscheidet dann, ob er ganz bleiben will oder nicht. In dieser Zeit wurde an Grundthemen wie Koordination, Spannung, Konzentration, Gruppengefühl etc. gearbeitet, um herauszufinden, welche Schwierigkeiten der Gruppe für die endgültige Choreographie zugemutet werden konnte.

Von 40 Kindern, die zu den ersten Proben kamen, kristallisierten sich schließlich 18 heraus, die sich den gemeinsamen Weg zutrauten. Die Entscheidung, wer blieb lag dabei ausschließlich bei den Schüler/innen.
In diesem Zeitraum entwickelte sich der Kontakt zur Schauburg /Theater der Jugend,und das Angebot das Stück in diesem Theater zu zeigen.

In der zweiten Etappe der Arbeit (Januar bis April) begann Johanna Richter mit ihrem Co-Choreographen Volker Michl die einzelnen Bilder des Stücks zu choreographieren. Inspiration für die Geschichte des Stücks waren die Jugendlichen selbst, da sie in so jungen Jahren schon so weite Wege hinter sich hatten, so viel unterschiedlich Schlimmes erlebt hatten, und doch in der Begegnung immer offener und präsenter wurden. So bekam das Stück den Titel "Helden" und versuchte die persönlichen Geschichten der Kinder in Fantasie zu übersetzen. Das hieß: wir machten eine Reise durch Welten, die der eine mehr, der andere weniger kannte. Diese Welten wurden die gemeinsame Fantasie und ließ die Kinder durch Wüsten, Meere, Inseln, Wälder und Städte tanzen.
Durch die intensive Arbeit mit den Kindern kamen sukzessive immer mehr ihre individuellen Geschichten an die Oberfläche. So entwickelte sich das Anliegen der Choreographin im Stück Platz für ein persönliches Statement der Kinder zu schaffen.
Am Ende dieser zweiten Etappe drehten wir einen kurzen Film, in dem jedes Kind seinen Namen und sein Heimatland auf ein Papier schrieb. Dieser Film wurde zum Bestandteil des letzten Bildes unseres Stücks.

Die letzte Etappe waren die Endproben, und damit die erste Begegnung mit dem Theater. Die Schauburg stellte ein Budget zur Verfügung, mit dem ein paar Auslagen gedeckt und vor allem die Kinder und die Bühnenelemente (5 Turnkästen) zwischen Theater und Schule mehrmals transportiert werden konnten. Gleichzeitig bekam das Projekt einen Mitarbeiter des Theaters, der die Kinder bei der Bühnenprobe betreute und in der Logistik half.

So hatten wir eine erste Bühnenprobe im April - für die Schülerinnen und Schüler die erste Begegnung mit Bühne und Theater überhaupt und im Mai kurz vor der Premiere die letzten Hauptproben.

Das gesamte Team des Theaters kümmerte sich rührend um die Kinder, die spürbar nicht kannten, im Mittelpunkt zu stehen und umsorgt zu werden. Die Techniker halfen hinter und auf der Bühne, richtete die Technik bis tief in die Nacht, weil der Zeitraum für die Endproben knapp bemessen war, und die Priorität immer den Kindern galt, die nicht zu lange und zu häufig proben sollten.

Als wir schließlich in den Endproben merkten, dass zwei der acht Bilder des Stücks nicht sicher von den Kindern allein getanzt werden konnten, erklärte sich der Co-Choreograph Volker Michl bereit diese Bilder mit den Kindern zu tanzen.
Das Gefühl, nie allein und überfordert zu sein, sondern an der Seite eines Profis tanzen zu dürfen, hat den Kindern einen unbeschreiblichen Schub gegeben und die Vorstellungen zu einem für alle beglückenden Erlebnis werden lassen.

Da Johanna Richter vorher immer nur mit Profis, nie aber mit Jugendlichen gearbeitet hatte, kannte sie nicht den Energie- und Spannungszuwachs von 200 Prozent, der bei Kindern zwischen Generalprobe und Premiere liegt.
Das, sowie die gesamte Arbeit an diesem Projekt war für alle Beteiligten eine ungeheure Erfahrung!

 
Besonderheiten:
Die Arbeit mit den Schüler/innen der sogenannten Übergangsklassen ist sicherlich nicht vergleichbar mit einer Arbeit mit "normalen Klassen". Hier finden sich Kinder, die zum Teil allein, zum Teil in extrem instabilen Lebenszusammenhängen hier in München angekommen sind, und nun versuchen müssen,sich in einer fremden Kultur, einer fremden Sprache und einem komplett fremden Umfeld zurechtzufinden. Dabei hilft natürlich der Kontext einer Schule, einer Klassengemeinschaft und hier im Besonderen die Arbeit des Vereins mitSprache, der Patenschaften für diese Kinder vermittelt und damit soziale Netzwerke außerhalb der Schule schafft.

Während der Arbeit erstaunten uns immer wieder auffällige Verhaltensweisen Einzelner : urplötzliche geistige Abwesenheit, Unkonzentriertheit, extreme Albernheit, Verweigerung, Aggression. Wie sich herausstellte hatte das u.a. mit Traumata zu tun, mit denen diese Kinder zu kämpfen haben.
Obwohl verständlich und erkärbar blieben diese Verhaltensweisen störend - die Gruppe lernte jedoch damit umzugehen.

Mit zunehmenden Proben wurde spürbar, dass sich jeder Einzelne für das Ganze verantwortlich zu fühlen begann und damit wurden Ausbrüche wie die beschriebenen seltener.
Dazu machten die Freude an der Bewegung, der Musik, der Geschichte, und das Gefühl an etwas stetig Wachsendem teil zu haben die Kinder immer offener.Ihr Umgang miteinander wurde verständnis- und rücksichtsvoller.

Da die Teilnahme an dem Projekt freiwillig und für alle offen war, gab es natürlich auch Differenzen in der Auffassungsgabe und Begabung für ein solches Projekt überhaupt. Aber auch hier galt der Grundsatz: jeder bringt das Beste ein, was er geben kann. Stärken und Schwächen sollten gesehen und akzeptiert werden. Das war nicht einfach für die Gruppe als Ganzes, aber eine Übung gegenseitige Bewertungen außen vor zu lassen.

Außerdem stand für alle als Angebot offen, etwas Besonderes, etwa eine Solobegabung beizusteuern. Es gab ein Mädchen, das alleine singen wollte, einen Jungen, der Instrumente spielte und dazu eigene Lieder sang, und es gab ein Mädchen, das gerne allein etwas tanzen wollte, und wie sich heraus stellte auch sehr gut konnte.

Man kann sagen, dass das Besondere der Arbeitsumstände und der Begegnung mit diesen Schüler/innen überhaupt dazu führte, dass das Projekt ein gegenseitiges, offenes, nie von vorn herein planbares Unternehmen war und damit auf die unterschiedlichsten Herausforderungen reagieren konnte.

 
Probleme und Lösungen:
Durch die schwierigen Lebensumstände der Kinder kam es immer wieder vor, dass einige bei den Proben fehlten. Obwohl regelmäßig vor dem Probentag beide Lehrerinnen die Kinder einzeln an den Termin erinnerten, konnte sich nur sehr schwer eine verlässliche Verabredung finden lassen, dass dieser Termin Priorität hatte. Dabei war es genauso schwierig Kinder mit Elternhaus zur Verantwortung zu rufen - nur wenige Eltern unterstützten das Projekt überhaupt - wie die Kinder ohne Familie. Man könnte sagen, dass diesen Kindern die "Mitte" fehlt, und sie daher kaum zu einer sozialen Verantwortung kommen, weil sie die Verantwortung für sich selbst schon nicht tragen können.
Unser Umgang mit diesem Problem war unterschiedlich: mal machte es Sinn Gespräche mit den einzelnen Kindern zu führen, um ihnen den Sinn und Zweck von kontinuierlicher Probenarbeit zu vermitteln, mal mussten wir es einfach akzeptieren und für den Rest der Kinder die Probe gestalten, denn wir konnten keine Zeit verlieren. Am Ende war das die einzige Möglichkeit, die Ausfälle später wieder zu integrieren. Je weniger wir es thematisierten, desto stärker wuchs die Anstrengung Versäumtes nachzuholen.

Dennoch blieb bis zuletzt ( auch bei den Vorstellungen) ein bisschen die Angst, es könnte der/die ein oder andere plötzlich fehlen - nicht aus Desinteresse, sondern aus mangelndem Selbstvertrauen einen öffentlichen Auftritt zu bewältigen.

Umso größer die Freude, dass es alle geschafft haben und sogar gleich wieder ein neues Stück machen wollten.

 
Anekdotisches:
Es gab einen Jungen von 14 Jahren in der Gruppe, der anfangs sehr auffiel, weil er ständig störte und sich über die Ernsthaftigkeit der anderen lustig machte. Um ihn herum scharten sich immer die Kandidaten, die gegen die Konzentration der anderen ihre Albernheiten setzten. Es kam der Tag, an dem er die Arbeit unmöglich machte und im Einverständnis aller anderen zusammen mit einem anderen Jungen den Raum verlassen musste. Oft genug war er ermahnt worden, oft genug hatte er alle Verabredungen gebrochen. Ihm war klar, dass seine Chance, bei diesem Projekt teilzunehmen, damit verstrichen war. Auch das nahm er mit Humor zur Kenntnis und ging.

Eine Woche später stand er flankiert von zwei sehr ernsthaften Mädchen wieder da, und bat um eine letzte Chance. Da die Mädchen auch darum baten, bekam er sie und dazu den Hinweis, dass er nun sich selbst, den Mädchen und der Gruppe gegenüber eine Verantwortung trage.
Von da an veränderte er sich stetig. Er bemühte sich Choreographien und Abläufe zu begreifen, war sogar konstruktiv in manchen Momenten, die wir gemeinsam entwickelten und probte kontinuierlich. Seine körperlichen Ausfälle - ihm war ständig schlecht - reduzierten sich. (wie sich später heraus stellte, waren diese körperlichen Schwächen psychosomatische Reaktionen auf ein schweres Kriegstrauma...)
Kurz vor der Premiere war er einer derer, die freudestrahlend und stolz erzählten, dass die ganze Familie kommen wollte.

Schließlich stand er auf der Bühne und war so gut wie noch nie. Er spielte und tanzte mit solcher Freude, hatte einen solchen Glanz, dass man nicht hätte glauben können, dies wäre der Junge vom Anfang der Proben.

Das Eindrückliche dieser Geschichte liegt aber erst im Nachtrag:

Wie sich herausstellte kam niemand aus seiner großen Familie, um den Jungen auf der Bühne zu sehen. Im Gegenteil! Sein Vater hatte ihm längst die Teilnahme an dem Projekt verboten. Monatelang, also seit er um seine letzte Chance gebeten hatte, war der Junge jeden Donnerstag zur Probe gekommen und wusste, dass er anschließend Prügel beziehen würde. Er wusste auch, dass niemand aus seiner Familie in die Vorstellung kommen würde, um seine Freude und seinen Stolz zu teilen. Und dennoch, er hatte es bis zuletzt allein geschafft und rief am Ende am lautesten nach einem neuen Stück um weiter zu machen. Dieser Junge ist der ganz besondere Held der Produktion!

An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Pate des Jungen, den ihm der Verein mitSprache vermittelt hatte, keine Kosten und Mühen gescheut hatte und extra aus einer Urlaubsreise zurück kam, um bei der Premiere dabei zu sein!