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Upside down and around
Schule:
Regenbogen Schule
Morustraße 32-40
12053 Berlin
030-6898 030
030-6820067 (fax)
Schulleiterin Heidrun Böhmer
www.regenbogen-grundschule.de


Grundschule
 
Kooperationspartner:
TanzZeit - Zeit für Tanz in Schulen
Projekt des Dachverbandes Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V.
Klosterstraße 68
10179 Berlin
030 - 247 49 791
www.tanzzeit-schule.de

Künstler
Ulrich Huhn
Francisco Cuervo

 
Beteiligte Schüler:
25
Klasse 5a -Klassenverband- 13M, 12J
alle Schüler mit Migrationshintergrund
2Ghana, 1Algerien, 1Iran, 1Serbien, 14Türkei, 6Libanon

Zusätzliches Unterrichtsfach, d.h. zusätzlich zur regulären Stundentafel unter dem Aspekt des sozialen Lernens und zur Gewaltprävention.

 
Beteiligte Lehrkräfte:
KünstlerUlrich HuhnFrancisco CuervoSabine Plewa Englisch,Mathematik,Sport,Schwimmen
 
Stundenvolumen:
Schuljahr 2007/08 28 wöchentliche Termine a`90 Minuten - insgesamt 56 Schulstunden

Schuljahr 2008/09 28 wöchentliche Termine a`90
Minuten - insgesamt 56 Schulstunden

 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Die Klasse 5a nimmt seit dem Schuljahr 2007/08 an dem Projekt TanzZeit teil. Zu Beginn des Projektes gab es sehr große Disziplinprobleme. Die Schüler sahen den Tanzunterricht als Freiraum an, in dem sie sich ohne jedes Einhalten von Regeln austoben konnten.
Die TanzZeit-Künstler waren in ihren Augen auch keine richtigen Lehrer. Es herrschte die Meinung vor: wir haben das Projekt bezahlt, also können wir machen, was wir wollen.
Daher entschlossen wir uns, die Gruppe zu teilen, so dass jede Gruppe nur alle zwei Wochen Tanzunterricht hatte. Selbst in den geteilten Gruppen war anfangs das Arbeiten noch recht schwer. Kurz vor der Aufführung wurden beide Gruppen wieder zusammengeführt. Am Ende des Schuljahres (Juni 2008) stand eine erfolgreiche Aufführung im Radialsystem Berlin. Titel: Taktik gemeinsam mit TickTack.
Aufgrund der spürbaren Verbesserung im sozialen Verhalten der Kinder wurde gemeinsam mit den beteiligten Künstlern beschlossen, das Projekt auch im Schuljahr 2008/09 weiterzuführen. Diesmal wurde von Beginn an mit der gesamten Klasse gearbeitet. Ende Mai findet eine öffentliche Aufführung im Radialsystem statt.

 
Projektauslöser/Idee:
Am Anfang war der Tanz und nicht das Wort. Rudolf von Laban

In der Klasse 5a gibt es seit Schuleintritt der Schüler große Disziplinprobleme. Soziale Fähigkeiten (Rücksicht, Hilfe geben oder annehmen, Regeln einhalten, Respekt vor Personen und Dingen usw.) fehlen bei den meisten Schülern. Häufig kommt es zu körperlichen und verbalen Auseinandersetzungen und Aggressionen unter den Schülern. Viele Schüler haben Entwicklungsrückstände im sprachlichen, kognitiven und insbesondere im sozialen Bereich. Weiterhin verfügen sie nur über ein kurzzeitiges Aufmerksamkeitsvermögen.
Viele der Kinder kommen aus bildungsfernen Familien und/oder solchen mit Migrations-hintergrund.

Um das Lernklima in der Klasse und das soziale Miteinander der Schüler untereinander zu fördern, ist ein Schwerpunkt im Schuljahr das soziale Lernen, was auch für andere Klassen gilt und vom gesamten Kollegium unterstützt wird.

Die Schüler verfügen über ein großes physisches Potenzial und ein enormes Bewegungs- und Gestaltungsempfinden. Sie sind Wettbewerben gegenüber aufgeschlossen, d.h. sie wollen sich untereinander und mit anderen messen.

Tanz soll ein Baustein auf dem Weg zur Verbesserung der sozialen Fähigkeiten des einzelnen Schülers und des Sozialklimas in der Klasse sein. Tanz als Ausdrucksform gibt den (sprachlich schwachen) Kindern eine Stimme und ist bei fast allen Schülern, Mädchen wie Jungen, mit positiven Gefühlen besetzt.
Tanz ist nur möglich, wenn ich mich selbst, den anderen neben mir und die Gruppe akzeptiere.
Es müssen Regeln (soziale, organisatorische Aufgabenstellungen usw.) eingehalten werden. Das Ziel ist, gemeinsam etwas zu schaffen und positive Erlebnisse zu vermitteln.
Am Ende des Prozesses steht ein sichtbares Ergebnis, das bei der öffentlichen Aufführung mit anderen Ergebnissen (hier die Aufführungen anderer Klassen/Gruppen) verglichen werden kann.


 
Projektentwicklung:
Zu Beginn sollte das ungeheure Bewegungspotential der Schüler in Bahnen gelenkt werden Die Kinder lernen, sich mit ihrem eigenen Körper auseinander zu setzen, ihre Phantasie spielen zu lassen, sich auszudrücken, sich darzustellen, ungewohnte Musik kennen zu lernen.
Es geht darum, bei sich selbst anzukommen, denn nur wer bei sich selbst ist, kann mit anderen kommunizieren. Sich selbst zu akzeptieren zeigt sich hier darin, dass bei dem Sich Zeigen vor Mitschülern alle Bewegungslösungen „richtig“ sind, d.h. dass jeder seine eigene Lösung findet.
Das Motto ist: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Das heißt, mit dem Partner das „Neue“ zu verbinden, Freude zu entwickeln und eine Bewegungsaufgabe zu gestalten.
Es wurden in den letzen Monaten Sequenzen (Einzel-, Partner- und Gruppenelemente) entwickelt, die in der Intensivphase zu einem Ganzen zusammengefügt werden.
Den Schülern wurden Bewegungsaufgaben gestellt, die sie alleine, mit dem Partner oder in der Kleingruppe lösen mussten. Antworten hieß in diesem Zusammenhang: Etwas selbst erfinden. Sie mussten sich Raum nehmen und gleichzeitig dem anderen Raum gewähren. Die Aufgaben waren so gewählt, dass die Schüler gezwungen waren, miteinander zu arbeiten und nicht gegeneinander.
Das übergeordnete Thema war: Drücken, Ziehen, Fallen, Sich Sträuben und Posen aus Videospielen nachahmen (Tekken, Kampfturnier, an dem verschiedene Charaktere teilnehmen). Die Künstler gingen davon aus, dass die Schüler zu diesen Aufgabenstellungen eine natürliche Affinität haben und sich dadurch inspirieren lassen, auch mit jemandem zu kooperieren. Die Künstler definierten die Bewegungsregeln, sie boten einen offnen Rahmen, den die Schüler mit ihren Bewegungsantworten füllten. Es ging also nicht darum, eine bestimmte Bewegung zu erlernen, sondern zu erfahren, dass Tanz ein komplexer Arbeitsprozess ist, der von ihnen ausgeht.
Die Schüler wollten immer wieder „Tricks“ von den Künstlern sehen und erklärt haben, was diese bewusst einsetzten, um sie noch stärker zu involvieren und sie zu sich selbst zu führen.

Bildung findet nicht nur auf dem Papier statt, sondern ist ein ganzheitliches Erlebnis, das Geist, Sinne und Seele erfasst und formt. Das Tanzprojekt möchte den Schülern die Möglichkeit eröffnen ein solches Bildungserlebnis zu erfahren und zwar unabhängig von Herkunft und Schulleistung.

Das übergeordnete Thema der Tanzstunden war „Freiheit und Regel“. Ohne Regeln ist keine Freiheit/Kommunikation möglich. Aufgrund ihrer sozialen Verwahrlosung war anfangs keine Kommunikation mit ihnen bzw. untereinander möglich.Tanzen als Selbstausdruck, der nicht zufällig ist, sondern der in Beziehung zu sich selbst und zu anderen steht, der wiederholbar ist.Die Bewegungsaufgaben sprachen ihre seelische und körperliche Verletzbarkeit an: Zeige ich mich, habe ich Mut zur Selbstdarstellung.

 
Besonderheiten:
Tanz ist sicherlich kein Patentrezept zum Sozialen Lernen, aber in diesem kleinen überschaubaren Raum haben die Schüler sich und andere als individuelle Persönlichkeit akzeptieren gelernt. Tanz ist Persönlichkeitsbildung. Sie konnten es im wahrsten Sinne des Wortes aushalten, den Anderen ohne Bewertung zuzuschauen. Der für sie bisher leere Begriff Respekt wird mit Leben gefüllt. Für diese Kinder, die sich sonst überwiegend mit negativen Äußerungen beurteilen, bedeutet das einen enormen Lernzuwachs. Zu einem Respekt einflößenden Ergebnis zu gelangen, kann trotz oder gerade wegen der Anstrengungen und Disziplin Spaß machen.
Sie haben gelernt, sich mit all ihrer Verletzlichkeit zu zeigen und Mut zur Selbstdarstellung zu entwickeln. Mit Hilfe des Projektes wurde ihnen ein Erlebnis- und Gestaltungsspielraum zur Verfügung gestellt, den sie so sonst nicht kennen gelernt hätten.
Die gemeinsame Aufführung kam nur zustande, weil sie miteinander und nicht gegeneinander gearbeitet haben. Durch die Aufführung im Radialsystem und in der Schule ist ihnen das bewusst geworden.
Körperlicher Kontakt war bisher nur durch Kämpfe möglich. Durch den Tanz haben sie erfahren, sich mit jemandem physisch und doch ohne Gewalt auseinander zu setzen. Mit dem Näherrücken der Aufführung wurde auch ihr Ehrgeiz geweckt.
Die Kultur ist hier zu den Schülern gekommen und nicht umgekehrt. Die Schüler sind das Publikum von morgen. Durch ihre eigenen Erfahrungen lernen sie fremde Leistungen zu beurteilen und öffnen sich der Kultur, damit findet ein pädagogisch geführter Zugang zur Kultur statt.
Veränderungen können aber nur durch verlässliche und dauerhafte Patenschaften entstehen. Gerade im zweiten Projektjahr werden die Fortschritte deutlich und zeigen Ansätze von Stabilität.
Eigene Bildungserlebnisse/Erfahrungen machen neugierig auf Bildung (hier Tanz). Dies zeigte sich beim Besuch zweier Tanzaufführungen während der Projektzeit:
Die Schüler kommen aus Lebenswelten, die für dieses Projekt sehr inspirierend sind, stehen sie und ihre Familien doch im Alltag am unteren Ende der Leistungsgesellschaft.
Das Projekt war für Künstler und Schüler von beiderseitigem Nutzen. Bei zahlreichen Gelegenheiten äußerten sich die Künstler erstaunt über die kreativen Lösungen der Bewegungsaufgaben durch die Schüler.
Erst im zweiten Projektjahr fanden alle Schüler Zugang zum Tanz. Dies zeigt wie wichtig es ist, Projekte über einen längeren Zeitraum laufen zu lassen.


 
Probleme und Lösungen:
Die Finanzierung des Projektes war das größte Problem.
Bildungsferne Familien sind es nicht gewohnt bzw. sind nicht bereit, Geld für Bildung (hier Tanz) auszugeben. Daraus resultiert ihre negative Einstellung gegenüber dem Projekt, die sich zum Teil auch in der Einstellung der Schüler widerspiegelt. Die Eltern argumentierten, dass sie kein Geld für „so etwas“ Unwichtiges wie Tanz haben. Der Bildungsauftrag der Schule ist kurz gesagt: Lesen, Rechnen und Schreiben zu vermitteln.
Im ersten Jahr wurde das Projekt finanziell zu einem Teil vom Quartiersmanagement Rollbergviertel unterstützt. Jedoch wurde immer wieder betont, dass es sich nicht um eine Dauerförderung handelt. Im ersten Projektjahr/ Schuljahr mussten die Eltern einen Eigenbetrag von 40 € leisten. Die Schlittschuhkasse und der Förderverein der Schule steuer-ten kleinere Beträge für sehr arme Familien bei. (Es muss angemerkt werden, dass fast alle Familien der Klasse Hartz IV-Empfänger sind und wirklich nicht über einen großen finanziellen Spielraum verfügen).
Im zweiten Jahr wurde das Projekt von der Vincentino e.V.– Sandra Maischberger für Kultur an Schulen mit 2750,-€ gefördert, so dass sich der Eigenanteil der Schüler auf 10 € reduzierte.

Tanz ist kein reguläres Unterrichtsfach, sondern ein zensurenfreier Raum. Für die Schüler war das anfangs gleichbedeutend mit einem regelfreien Raum. Das änderte sich und so entschieden wir, es auf dem Zeugnis unter „Bemerkungen“ positiv zu erwähnen:
Er/Sie hat aufgeschlossen und mit Spaß und Freude am TanzZeitprojekt teilgenommen.
Er/Sie verfügt über ein gutes, enormes Bewegungs- und Gestaltungsempfinden
Er/Sie hat erfolgreich an einer öffentlichen Aufführung im Radialsystem teilgenommen.

Diese Bemerkungen erfreuten Schüler und Eltern und machten sie stolz.


 
Anekdotisches:
Die Mutter eines Jungen erzählte, dass die ganze Familie zusammen gekommen ist, um sich die dvd- Aufzeichnung der Aufführung im Radialsystem anzuschauen. Plötzlich erfuhr der Junge eine neue Art von Erfolgserlebnis und Anerkennung.
Auch zuerst desinteressierten Eltern kamen zur Aufführung. Skepsis war dem Stolz gewichen.
Ein Lesepate holte einen besonders benachteiligten Jungen zur Aufführung persönlich von zuhause ab, da die Mutter angeblich keine Zeit hatte, zu kommen. Schließlich kam sie aber doch, und Mutter und Sohn waren sichtlich stolz auf die gelungene Aufführung.

Cagla: „Mein schönstes Erlebnis war, wo wir alle mit Francisco und Uli mit das Lied Umbrella von Rihanna getanzt haben.“

Nach einer (für die Tanzlehrer sehr anstrengenden) Tanzstunde erzählten Gülsen, Baker und Iman aufgeregt ihrer Lesepatin: „Wir haben uns ALLE, stellen Sie sich vor: wirklich alle, entschuldigt bei Uli, dem einen Tänzer, denn er wollte gehen und nie mehr wieder kommen, weil wir uns so schlecht benommen haben und er doch unter dieser Krankheit leidet, diesem hohen Blut! Und er hat gesagt, bevor ihm dieser Blutdruck aus dem Kopf schießt, geht er lieber. Und das konnten wir doch nicht zulassen!“