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Probeneindrücke 1
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Probeneindrücke 2
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Probeneindrücke 3
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Aufführung 1
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Aufführung 2
"Strömung - Störung für Saiteninstrumente und Streichquartett" - Ein Kompositionsprojekt in einer zweiten Klasse und eine gemeinsame Realisation mit dem Vogler Quartett.
Schule:
Auefeldschule Kassel
Brückner-Kühner-Platz 1
34121 Kassel
Telefon 0561 21363
FAX 0561 92001693
http://www.auefeldschule.de/index.html

Grundschule / Gebundener Halbtag
 
Kooperationspartner:
Institut für Musik
Andreas Rubisch
Universität Kassel
34109 Kassel
Tel. (0561) 8044406
www.uni-kassel.de/fb3/musik/

QuArt@Kindermusiktage e.V.
Dr. Tamara Lehmann
Am Gutshof 9
34270 Schauenburg
Tel. (05601) 5437
www.kindermusiktage.org

 
Beteiligte Schüler:
22
Klasse 2a, Auefeldschule Kassel
 
Beteiligte Lehrkräfte:
Auefeldschule Kassel: Bettina Walk (Klassenlehrerin)Universität Kassel: Christine Weghoff (Komponistin), Andreas Rubisch (Musikpädagoge)Nordhessische Musiktage: Vogler Quartett
 
Stundenvolumen:
Das Projekt erstreckte sich über einen Zeitraum von gut sechs Monaten mit insgesamt vier Arbeitsphasen. Im Dezember 2007 konnten die Kinder in zwei Doppelstunden erste Erfahrungen mit dem Instrumentarium (Psalter, Scheithölzer, Fideln, Gamben) machen. Aufbauend auf diesen Klangerfahrungen fand die Hauptarbeitsphase im Februar 2008 an drei Tagen statt (insgesamt 10 Unterrichtsstunden). Im Mai 2008 wurden zwei Vorbereitungsproben für die Festivalwoche abgehalten (2 Unterrichtsstunden) und während der Nordhessischen Kindermusiktage (26.-29.05.2008) probten die Kinder an zwei Tagen jeweils etwa 60 Minuten mit dem Vogler Quartett. Das Stundenvolumen des gesamten Projektes beläuft sich somit auf etwa 20 Unterrichtsstunden.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Im Rahmen dieses Projektes haben die Kinder der Klasse 2a der Auefeldschule Kassel unter Anleitung ein Werk für Saiteninstrumente und Streichquartett komponiert. Die Präsentation von „Strömung – Störung für Saiteninstrumente und Streichquartett“ – so lautet der Titel der Komposition – fand im Rahmen der Nordhessischen Kindermusiktage statt. Dort trugen sie es gemeinsam mit dem Vogler Quartett vor.

Kompositionsidee
Als Ausgangspunkt für eine Komposition im Klassenverband eignen sich sowohl musikalische (Tonmaterial, Form) als auch außermusikalische (Themenbereich, Sujet) Vorgaben. Je nach Altersstufe findet eine didaktische Reduktion der gewählten Aspekte statt. Erst diese ermöglicht kreatives und weitgehend eigenständiges Arbeiten der Schüler.
Die beteiligten Lehrpersonen trafen in diesem Projekt zwei Vorgaben: Formal sollte sich die Komposition an dem 3. Satz des 1. Streichquartetts von Leos Janacek anlehnen, der durch seine Faktur des Satzes äußerst interessant ist. In dieser Komposition wird eine melodiöse Linie immer wieder durch jähe Einwürfe gestört. Dieses formale Moment erschien uns für Schüler dieses Alters besonders fasslich zu sein, es eröffnete darüber hinaus aber auch genügend Raum für vielfältige eigene Spielarten. Zudem entsprach eine Orientierung an dem Komponist Leos Janacek dem thematischen Rahmen des gesamten Festivals, in dessen Zentrum im Jahr 2008 die tschechische Musik stand. Die zweite Vorgabe betraf das Instrumentarium: Die Wahl fiel auf Saiteninstrumente. Von diesen Instrumenten ging ein hoher Aufforderungscharakter aus, der das Erkunden der Kinder beflügelte, zudem mischten sich die Klänge des Instrumentariums hervorragend mit denen des Vogler Quartetts.

Klangsensibilisierung und erste Gestaltungsversuche
Bei dem ersten Kontakt der Lehrpersonen mit den Schülern wurde gezielt an den Bereichen Klangerkundung bzw. Klangsensibilisierung und Form gearbeitet. Diese Auseinandersetzung erfolgte in spielerischer Form mit Warm up’s und ersten Gestaltungsversuchen. Bei diesen musikalischen Einstimmungen wurden Formprinzipien antizipiert, die in der Folge ausgearbeitet werden konnten (bspw. Aleatorik, Klangketten). Ein Schwerpunkt in dieser Anfangsphase war die klangliche Erkundung des besonderen Instrumentariums (Psalter, Scheithölzer, Gamben, Fideln). Bei dem Erkunden der Klangmöglichkeiten standen den Kindern verschiedene Utensilien zur Verfügung (bspw. Tischtennisbälle, Walnüsse, Stifte, Bottlenecks, Plektren, Geldstücke). Dieser Arbeitsschritt erfolgte in Kleingruppen. Die gefundenen Klänge wurden in kleinen Gestaltungsaufgaben (z. B. Gesprächsstrukturen musikalisch nachbilden, Klangquadrat, Wohlfühl- und Gruselklänge) zu ersten einminütigen Musikstücken ausgeformt. Diese stellten sich die Schüler in „Konzerten“ gegenseitig vor. Um eine nötige Distanz zum Klangmaterial zu gewährleisten, wurden diese Vorspiele aufgenommen. Im Anschluss diskutierten die Kinder über das gefundene Klangmaterial. Diese Klänge stellten den Material-Pool für die Komposition dar.

Ausarbeitung der Kompositionsstruktur
In dieser Unterrichtsphase beschäftigten wir uns mit klangästhetischen und formalen Fragestellungen. So wurde beispielsweise gemeinsam überlegt, welche Klangkombinationen sich besonders gut mischen oder aber einen möglichst großen Kontrast herstellen. Am Ende des Findungsprozesses lag eine Komposition mit vier Großteilen vor, in denen jeweils die Klangflächen der Kinder und des Streichquartetts miteinander in Beziehung treten.
Im ersten Abschnitt erzeugen die mit Tischtennisbällen gespielten Psalter eine Klangfläche, über die sich Punktklänge reihen. Das Spiel der Psalter wird dabei vom Dirigenten koordiniert. Die Reihenfolge der darüber erklingenden Punktklänge beruht auf einem aleatorischen Prinzip. Jedes Kind wählt eine Zahl von 1 bis 10 aus. Wird diese Zahl von der Dirigentin gezeigt, spielt das Kind seinen Klang. So bewegen sich diese Klänge zufällig über der Klangfläche. Es entstehen Passagen mit größerer Klangdichte und solche, bei denen lediglich vereinzelte Klänge oder auch keine zu hören sind. Dem aleatorischen Abschnitt der Kinder folgt ein ebensolcher des Streichquartetts.
Im zweiten Abschnitt der Komposition wandert ein Einzelklang durch das Ensemble. Dabei können sowohl Einzelklänge als auch Klangflächen genutzt werden. Die Kinder einigten sich darauf, dass es sich um „Wohlfühlklänge“ mit einem besonderen klanglichen Reiz handeln muss. Diese Klangkette wird durch Klangaktionen des Streichquartetts gestört und attackiert.
Der dritte Abschnitt setzt sich aus zwei Elementen zusammen: Eine Klangfläche wird durch die Scheithölzer erzeugt, die dazu Plektren und Bottlenecks einsetzen. Dieser Klang zirkuliert innerhalb der Scheithölzer. Über dieser Klangfläche erklingen Einzelklänge. Ein Dirigent wählt einzelne Spieler oder auch mehrere Instrumentalisten aus, die Klänge ihrer Wahl spielen. Die Einzelklänge der Kinder werden durch ebensolche des Streichquartetts abgelöst. Die Klanglänge und deren Reihenfolge wird im gesamten Abschnitt durch den Dirigenten bestimmt. Analog zum ersten Abschnitt ergibt sich auf diese Weise eine eher zufällige Bewegung der Klänge über der zirkulierenden Klangfläche der Scheithölzer.
Der vierte Abschnitt korrespondiert mit dem zweiten. Allerdings stören nun die Schüler die „Wohlfühlklänge“ des Streichquartetts. Hierfür haben die Kinder einen Klang gewählt, bei dem sie mit Geldstücken an den Saiten entlangstreichen, wodurch sie eine eindrucksvolle kratzende Klangfläche erzeugen. Dieses Störgeräusch wird vom Dirigent koordiniert.
Die Komposition schließt mit einer Wiederholung des ersten Abschnitts. Nun sind jedoch die beiden Gruppen – Schüler und Streichquartett – miteinander vereint. Den Kindern lag daran, dass ihre Komposition mit der an einem Windhauch erinnernden Klangfläche der Psalter endet. Die Komposition wird dadurch mit dem Klang verlassen, mit dem diese auch begann.
Während dieses Arbeitsschrittes wurden verschiedene Partituren angefertigt; die Versionen reichten von ausformulierten Fassungen bis hin zu Vorformen der letztendlich gewählten graphischen Partitur.

Probenphasen und Aufführung
Da zwischen dem Zeitpunkt der Kompositionsfertigstellung und der Aufführung recht viel Zeit lag, mussten vor der Zusammenkunft mit dem Vogler Quartett zwei Auffrischungsproben stattfinden. Als Erinnerungshilfe dienten die während eines Schulkonzertes aufgenommenen Videomitschnitte. Mithilfe dieser Aufzeichnungen und der Partitur war den Kindern ihr Musikstück schnell wieder präsent. Analog zu den vorhergehenden Phasen korrigierten sich die Kinder zumeist gegenseitig. Zudem war ihnen sehr am klanglichen Ausdifferenzieren gelegen. Die Sensibilisierung gegenüber klanglichen Finessen resultierte noch aus der Anfangsphase des Projektes, in der wir bei den ersten Gestaltungsversuchen auf diesen Aspekt großen Wert gelegt hatten.
Am 26. Mai 2008 war es endlich soweit: Die vier Musiker, die die Kinder bisher nur vom Foto, das an der Wand des Klassenraums hing, kannten, besuchten die Klasse für ein erste Probe. Da wir dem Vogler Quartett zuvor die Partitur und einen Videomitschnitt des Schülerparts zugesandt hatten, war die erste Probe bereits sehr intensiv. Die Musiker und die Schüler tauschten sich über ihre Eindrücke aus und diskutierten verschiedene klangliche Möglichkeiten einzelner Passagen und Übergänge. War die Identifikation der Kinder mit ihrer Komposition bereits zuvor schon immens, merkte man nun deutlich, wie stolz und zufrieden sie über das Resultat waren als das Vogler Quartett hinzukam. Einen nachdrücklichen Eindruck hinterließ zudem die Präsentation des 3. Satzes aus L. Janaceks 1. Streichquartett. Hierbei positionierten sich die Instrumentalisten so, dass die Kinder inmitten des Quartetts saßen. Schnell bemerkten die Schüler die Korrespondenzen, die zwischen "Strömung-Störung" und diesem Werk, das ja als Modellkomposition diente, bestehen. Nach der zweiten Probe war das Werk dann reif für seine Uraufführung. Der Höhepunkt für alle Beteiligten war die Aufführung der Komposition im Rahmen des Schülerkonzertes während des Festivals. Mit größter Intensität und Konzentration trugen sie, unterstützt vom Vogler Quartett ihre Komposition vor. Der beeindruckende Vortrag wurde von den Zuhörern mit einem lang anhaltenden Beifall honoriert.

 
Projektauslöser/Idee:
Seit einigen Jahren gibt es eine feste Kooperation zwischen Kasseler Schulen, der Universität Kassel und den Nordhessischen Kindermusiktagen. Diese Kooperation kann daher als institutionalisiert angesehen werden. Die Projektidee bzw. Kompositionsidee für dieses Projekt hatten Andreas Rubisch und Christine Weghoff. Sie überlegten sich methodische Zugänge, mit denen sie diese Kompositionsidee in dieser zweiten Klasse anstoßen konnten.
 
Projektentwicklung:
Das Projekt gliedert sich in zwei Phasen. In der Planungs- und Vorbereitungsphase entwickelten die Lehrpersonen eine Kompositionsidee. Diese diente als Rahmen, der von den Schülern gestaltet werden konnte. Übungen und Aufgabenstellungen wurden gemeinsam mit zwei Studentinnen entwickelt und didaktisch-methodisch angepasst.

Projektdurchführung
Die Projektdurchführung gliederte sich in drei Abschnitte:
* Erster Kontakt und Klangsensibilisierung:

Kontakt zu den besonderen Saiteninstrumenten herstellen, erste Gestaltungsaufgaben
* Kompositionsphase:

Anknüpfend an die bisherigen Erfahrungen wird das klangliche Material ausgearbeitet. Gestaltungsaufgaben werden ausgeweitet und zu einer Gesamtkomposition geformt.
* Probenphase und Aufführung
:
In Auffrischungsproben und gemeinsamen Proben mit dem Vogler Quartett wurde an der Präsentation der Komposition gearbeitet. Die Präsentation von "Strömung – Störung für Saiteninstrumente und Streichquartett" fand in dem Kinderkonzert der Nordhessischen Kindermusiktage statt.

 
Besonderheiten:
Die Besonderheiten und Wirkungen eines solchen Projektes sind vielfältig. Offensichtlich sind die Bereiche Produktion und Reproduktion betroffen. Die Kinder erleben sich beim Komponieren als Gestalter ihrer eigenen musikalischen Ideen. Neben der Kreativitätsförderung findet hierdurch eine Ausbildung der Klangsensibilisierung statt, ferner wird ein Formgefühl entwickelt, das mit dieser Intensität nur durch einen produktiven Umgang mit Musik erzielt werden kann. Indem die Kinder ihre Werke selber vortragen, können spezifische Fertigkeiten und Erfahrungen, die mit gemeinsamen Musikmachen verbunden sind, gemacht werden. So müssen die Kinder aufeinander hören, sie müssen sich mit ihrem Spiel dem gesamten Ensemble anpassen, können sich aber auch als Teil des Gesamtklanges erleben. Ein besonderes Erlebnis stellte bei diesem Projekt die Zusammenarbeit mit dem Vogler Quartett dar. Die professionellen Musiker und das Klassenensemble traten miteinander in eine musikalische Kommunikation, die einzigartig war und bei den Kindern Spuren hinterlassen hat. Da jedes Kind gleichermaßen am Kompositionsprozess wie auch als Instrumentalist beteiligt war, ist die Identifikation mit dem Werk sehr stark. Die Erfahrung des aktiven Musizierens mit dem wesentlichen Anteil differenzierten Hörens und Agierens hat sicherlich positive Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Schüler in Bezug auf Musik und den Umgang mit dieser in den verschiedensten Bereichen (Rezeption, Reflexion, Sprechen über Musik, Offenheit gegenüber Neuer Musik etc.).

Das Konzept des Projektes kann als modellhaft gelten und lässt sich leicht auf andere Schulen und Klassenstufen übertragen, wenn folgende Dinge berücksichtigt werden:
* Das Konzept ist so gestaltet, dass die Komposition auch geübt werden kann, ohne dass die Profimusiker ständig anwesend sind; auch die Aufgabenstellung für die externen Musiker ist klar umrissen, damit diese sich in kurzer Zeit darauf einstellen können.
* Es werden Ensembles oder auch einzelne Musiker angesprochen, die sich offen auf das gefundene Konzept einlassen.
* Die Schüler erhalten einen Freiraum für kreatives Experimentieren. Ihre gefundenen Klänge und Formprinzipien werden aufgenommen und in der nächsten Phase durch klare Aufgabenstellungen weiterentwickelt. Dabei wird großer Wert auf Klanggenauigkeit gelegt.
* Den Kindern wird zugetraut, das Stück alleine – ohne anweisende Lehrperson – auf der Bühne aufzuführen.

 
Probleme und Lösungen:
Während des Projektes kam es zu keinen größeren Unwägbarkeiten.
 
Anekdotisches:
Schüleräußerungen zum Projekt:

Ich fand es cool, dass wir die Musik erfunden haben und nicht jetzt irgend was von den Noten abgespielt haben. (Lina)

Mir hat das einen riesigen Spaß gemacht, das Musikstück zu komponieren. Da konnten wir unsere Musikfreude richtig zeigen. (Emma)

Ich fand es einfach toll, echte, berühmte Musiker zu sehen und auch mal mit denen zu musizieren und die auch mal so richtig kennen zu lernen. (Simon)

Mir hat das Spaß gemacht, Dirigent zu sein. Da konnte ich alles leiten. Besonders lustig war es, dass Tim Vogler bei meinem Zeichen für leise immer lauter geworden ist. Und ich habe meine Faust immer fester gedrückt ... (Simon)

Schade, dass wir das Stück nicht mehr spielen können. Ich könnte das noch mindestens 250mal aufführen! (Tim)