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"Mange-moi" französisches Theaterstück über Bulimie, Magersucht, Anders-Sein, Konsumverhalten...
Schule:
Textorschule (Grundschule) mit bilingualem Zweig (Deutsch/Französisch)- Frankfurt/Main
Tel : 069/ 21 23 52 55 - In Kooperation mit:
● Carl-Schurz-Schule(Gymnasium) mit bil.Zweig (Deutsch/Französisch)-Ffm
● Schwanthalerschule(Hauptschule)-Ffm

Grundschule / Gebundener Halbtag
 
Kooperationspartner:
● Nathalie Papin:
Schriftstellerin des Theaterstückes "Mange-moi" (Frankreich)

● Darko Rundek:
Musiker, Komponist, Schauspieler
(Frankreich-Paris/Kroatien-Zagreb)

● Frank Leske:
Bildhauer, Statik
(Deutschland)

● Anatoli Skatchkov
Videoinstallation
(Deutschland/Russland)

● Panturio
Zauberer, Stelzeneinführung
(Deutschland)

● Internationales Theater Frankfurt (I.T.F.)
Herr Jan Mayer
069/ 49 90 980

● Amt für Wissenschaft und Kunst der Stadt Frankfurt/Main (Kulturamt)
Herr Bassermann
069/ 21 23 56 83

● Institut Français - Frankfurt/Main
Herr Peyrefitte
069/ 79 40 611

● Kerstin Bänsch
Fotographin
(Deutschland)

 
Beteiligte Schüler:
23
Theaterprojekt : Mange-moi
Compagnie : „Les Francbadours“

- 18 Schüler (Schauspieler und Requisitenhersteller) :
4.Klässler (12) – 6. Klässler (5) – 8. Klässler (1)

- 5 Hauptschüler (Herstellung mancher Requisiten)

 
Beteiligte Lehrkräfte:
- Valérie Faucher : Französisch-Lehrerin an der Textorschule (Grundschule)- Frankfurt/Main- Vlado Felgar : Handwerkslehrer an der Schwanthalerschule (Hauptschule)- Frankfurt/Main
 
Stundenvolumen:
Wöchentlich über ein Jahr exklusiv in der Schulzeit.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
"Mange-moi" ein französisches Theaterstück von Nathalie Papin
(Verlag école des loisirs,1999)
Mit der Compagnie "Les Francbadours"
Aufgeführt am 12. und 13. April 2008 im Internationalen Theater - Frankfurt


Les Francbadours:

« Les Franc-badours » : eine Namenfindung aus Frank(en) oder frei(en) Troubadours, ist eine unabhängige Theatergruppe von 18 Kindern und Jugendlichen, gegründet im Februar 2007 für ein gemeinsames frankophones Theaterprojekt - "Mange-moi" von Nathalie Papin.
Als die Gruppe von Valérie Faucher - tätig an der Textorschule - gegründet wurde, waren die 8- bis 12- jährigen Schauspieler noch teilweise Schüler der bilingualen Klassen der Textorschule (Deutsch/Französisch) in Frankfurt/Main.

Mit ihren unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen und ihrer Deutschsprachigkeit im Alltag, verkörpern die Francbadours eine Mehrsprachigkeit, die als Schritt zu einem nach Amin Maalouf „sens civique planétaire“ verstanden werden kann, als Zustand, in dem „ der Mensch nicht länger genötigt ist, seine Identität pausenlos und mit allen Mitteln in der Abgrenzung von Anderen zu finden, sondern wo der einzelne Mensch zum Ort der Begegnung vielfältiger Kulturen und er so die Möglichkeit erhält, seinen eigenen, einzigartigen Beitrag zur Welt zu leisten“.


Mange-moi:

Die Reise beginnt tatsächlich schon vor dem Text: ein Vorspiel (Regie-Zusatz) aus Schwarzlicht taucht den Zuschauer in den Kern des Themas – verschlingen, verschlungen werden, eine permanente Geschichte, organisch, scheinbar unvermeidlich…
Und dann öffnet sich der Vorhang für "Mange-moi".
Nathalie Papins Text wendet sich an ein breites Publikum, Kinder wie Erwachsene werden berührt. Die Inszenierung von Valérie Faucher ist farbenfroh, poetisch, auf das Wesentliche reduziert und getragen von der Klangatmosphäre von Darko Rundek.
Die Hauptrolle Alia wird hier von fünf unterschiedlichen Mädchen übernommen.
Alia ist ein kleines Mädchen, das unter Bulimie leidet und immer Hunger hat. Sie ist dick und wird von ihren Mitschülern gehänselt. Sie entschließt sich zu fliehen und nimmt nichts mit außer ihrem Wörterbuch. Nachdem sie schon lange gelaufen ist, eröffnet sich vor ihr eine Landschaft. Unter einem furchtbaren Kaugeräusch verschwindet plötzlich die Horizontlinie vor ihren Augen. Sie begreift das nicht, sie hat Hunger, sie hat Angst, sie schläft ein. Als sie aufwacht, steht vor ihr ein Lebewesen : ein Oger*. Es ist jedoch ein ungewöhnlicher Oger, der sich entschieden hat, keine Kinder mehr zu fressen… Und was für eine Überraschung für den Zuschauer, als auf Stelzen erhöht, dieser magersüchtige Oger fleischrot (Thomas Abu-Shagra, 12 Jahre) auf der Bühne erscheint!
Es ist der Vogel, ein zweiköpfiger Wissenschaftler, der aus dem Bauch des Ogers herauskommt und die Gefahr benennt, in der sich dieser befindet... In diesem Moment, in der Welt der « Fressenden », hofft Alia Hilfe zu finden, um ihn zu retten ... Die Fressenden, denen es allen, jedem auf seine Weise, gelingt Alia das zu geben, was sie niemals geteilt haben... :
Der Gedächtnisfresser, reglos auf seinem Sockel, der oft an den kleinen Prinzen anspielt; die Zeitschluckerin – aus Gold, alt wie die Welt über ihr Pendelfahrrad – eine zirkuläre, lineare Zeit ; das Männchen, Doppelhungriger des Sehens ; die Bücherschluckerin, wodurch das Wort Körper wird… und es gibt auch diese kleinen unerschöpflichen Lanschaftszwerge … Eine Initiationsreise, die in uns allen etwas auslösen müsste.

* ein Oger ist eine typische französische Märchenfigur, ein Riese, der Kinder frisst.

Über ein Jahr lang Woche für Woche haben die Francbadours mit der Unterstützung der Textorschule (GS), der Carl-Schurz-Schule (Gymnasium), der Schwanthalerschule (Hauptschule) an dem Stück Mange-moi gearbeitet :

Arbeit an dem Inhalt des Textes (über die Themen Bulimie-Magersucht / Konsumverhalten / Anders-sein) ; an Köperimprovisationen ; an der Entwicklung und Herstellung der Requisiten (Dank der wertvollen Hilfe einiger Hauptschüler von Vlado Felgar (Schweißen) und mit den Techniken des Schwarzlichts. Zudem gab es die Gelegenheit zur persönlichen Begegnung mit einigen Künstlern wie Darko Rundek (Musik), Anatoli Skatchkov (Video), Frank Leske (Statik), Panturio (Stelzen).


Nathalie Papin:

Nach ihrer Ausbildung im Centre des Arts et Techniques du Cirque in Frankreich, war Nathalie Papin als Schauspielerin und Regisseurin tätig, widmete sich aber zunehmend dem Schreiben. Seit mehreren Jahren arbeitet sie im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters, wo sie Theaterworkshops leitet. Für ihre „créations“ wurde sie wiederholt mit Preisen ausgezeichnet. Mange-moi (1999), ihr erstes Stück, wurde in Quimper unter der Regie von Dominique Lurcel uraufgeführt.


Valérie Faucher:

Verläßt 1998 Frankreich, um nach Deutschland zu gehen. Seit acht Jahren unterrichtet sie in den bilingualen Klassen der Textorschule in Frankfurt/Main, wo sie mehrere Theaterprojekte durchgeführt hat (Aufführung einer eigenen Produktion Salam a perdu sa L…angue im I.T.F., Mai 2004).
Während eines Praktikums mit Marcel Marceau im Jahr 1995 und später mit Amos Hetz wird sie sich der besonderen Bedeutung des Körpers in allen kommunikativen Situationen bewusst. Seitdem ist ihre Tätigkeit als Sprachvermittlerin untrennbar von Körperarbeit.

 
Projektauslöser/Idee:
Projektauslöser /Idee :


Es sind 4 wichtige Faktoren, die mich unheimlich stark motiviert und dahin gebracht haben, dieses Projekt mit Schülern, Künstlern und einem Theater zusammen zu führen :

- die Erkenntnis der Notwendigkeit die Jugendlichen mit diesen Themen zu konfrontieren und dementsprechend ihr Körperbewußtsein zu stärken

In Mange-moi geht es um Essstörungen, Magersucht, um Menschen, die „außerhalb der Norme“ stehen - um sehr aktuelle Themen.
Gerade als Lehrer wird man immer früher mit diesen Themen in den Klassen konfrontiert - einen Schülerfall von Magersucht habe ich mit meiner deutschen Kollegin, den Eltern und dem psychotherapeutischen Umfeld des Kindes 3 Jahre lang begleitet…

- die Fremdsprache und das Bühnenspiel als ganz besondere Werkzeuge dafür zu betrachten

Ich sehe in Auseinandersetzungen mit solchen Themen die Fremdsprache oder das Bühnenspiel als gewisse „therapeutische Schutzmöglichkeiten“ oder anders gesagt als „Brücken“, die die Verarbeitung möglich machen, weil sie eine Distanz mit sich selber erschaffen.
Zu dem haben Worte für Nathalie Papin eine therapeutische Kraft, auch für den Leser. Wahrscheinlich habe ich mich deswegen auch selbst angesprochen gefühlt.
Es ist sicherlich kein Zufall, wenn die Bücherschluckerin (la dévoreuse de livres) sagt, dass die Worte „Fleisch“ sind!!...
Ich glaube, dass wir Texte aussuchen, weil sie in uns widerhallen. Stücke, Texte, bei denen wir spüren, dass eine Katharsis möglich ist...
Es ist sicherlich kein Zufall, dass Nathalie Papin dieses Stück über Essstörungen und Magersucht geschrieben hat, über das Verhältnis zu Worten, über die Verschlingenden-Verschlungenen... es ist auch kein Zufall, dass ich dieses Stück ausgesucht habe.
Und ich glaube auch, dass man umso besser über ein Thema sprechen kann, wenn es einem nahe steht.

- meine emotionale Nähe zum Schreibstil Nathalie Papins

Nathalie Papin habe ich tatsächlich mit Mange-moi vor 4 Jahren entdeckt, als ich verzweifelt auf der Suche nach guten Theatertexten für junges Publikum war. Ich habe mich sofort in ihrer Welt, in ihrem Schreibstil „zu Hause“ gefühlt. Ihre Tiefe, ihre Nüchternheit, Ihre Poesie haben mich unheimlich bewegt, den Text habe ich einfach mit Haut und Haaren „verschlungen“ !

- meine Leidenschaft, Menschen aus verschiedenen Alter/ Horizonten / Kulturen / Tätigkeiten für ein gemeinsames Ziel in direkten Kontakt zu bringen


Also bei der Realisierung dieses Theaterprojektes habe ich folgende Ziele angestrebt und umgesetzt :


• die Möglichkeit zu bieten, dass Jugendliche (Schauspieler und Publikum) sich mit aktuellen Themen wie „Normen; Anders-Sein; Bulimie; Magersucht; Konsum“ auseinandersetzen

• die Entdeckung und Stärkung des Körperbewusstseins

• die Förderung des Körperausdrucks / die Weiterentwicklung von schauspielerischen Fähigkeiten

• die Förderung der Kreativität bei der Umsetzung der Fantasie-Welt in Bühnenbilder

• die linguistische Förderung der französischen Sprache in einem mehrsprachigen Umfeld

• die Möglichkeit zu bieten, während des kreativen Prozesses den Jugendlichen (aus Grundschule / Hauptschule / Gymnasium), in direktem Kontakt mit beteiligten Künstlern zu sein

 
Projektentwicklung:
Projektentwicklung :

Im Jahr 2004 entdecke ich das Stück von Nathalie Papin : Mange-moi.
Doch da habe ich nicht den leisesten Gedanken an eine spätere Inszenierung. Ich habe ganz einfach nur Freude an ihrem Schreibstil.
In der Zeit sind wir in einer unserer bilingualen Klassen (2. Klasse damals) mit dem Fall eines magersüchtigen Mädchens konfrontiert, den wir 3 Jahre lang begleiten… ein Auslöser in meiner alltäglichen Tätigkeit, der mich immer wieder zum Stück von Nathalie Papin zurückbringt.
Immer wieder tauche ich tief in den Text und ungesteuert sammeln sich nach und nach innere Bilder dazu.
Irgendwann Ende 2006 wird das Bedürfnis mit diesem Thema, mit diesem Text etwas zu machen, so intensiv und klar, dass ich mich entscheide, eine freie Gruppe für das Stück zu gründen und die Bühnenumsetzung anzugehen. So kommen im Februar 2007 die 18 „Francbadours“ zusammen (damals 3.-, 5.- und 7.-Klässler)!
Über das Stück selber fangen wir erst nach den Osterferien 2007 zu arbeiten.
Parallel mache ich mich auf die Suche nach Nathalie Papin, um einen direkten Kontakt herzustellen und Austausche über das Stück zu ermöglichen. Dies wird auch eine 2-jährige Odyssee bis unserem ersten Treffen im Januar 2008!
Schritt für Schritt mit Leidenschaft und Ausdauer wird das Projekt Realität!

„Theaterarbeit mit Laien sollte […] ein sozialer Kunstprozess aller Beteiligten auf der Basis von Begegnung sein, in dem im freien Experimentieren immer wieder neue Themen, Wege, Ausdrucksformen und Stile von allen gemeinsamen gesucht werden müssen. […] In erster Linie Beziehungsarbeit, in zweiter künstlerische Tätigkeit, die der Zielgruppe entsprechend methodisch differenziert sein muss und in dritter Linie grundlegend pädagogische Arbeit, die dank des Theaterspiels als einer künstlerischen Ensembleleistung Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung, sowie Kooperation und Solidarität ermöglicht.“ G. Mertens

Anhand dieser Bemerkung von Gitta Mertens setzte ich dann meine Ziele :

1. Im Bereich der pädagogischen Aspekten
- Schulung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, von Körperwahrnehmung und Körperausdruck
- Ermöglichen von Differenzerfahrungen: Differenz der Wahrnehmung zwischen Selbst und Rolle/Figur
- Stärkung des Selbst- und Körperbewusstseins
- Hinterfragen des eigenen Konsumverhaltens
- Fordern und fördern vom selbstbestimmten, partizipativen Lernen
- Linguistische Förderung in einem Fremdsprachenbereich in dem Fall : Französisch
- Stärkung der sozialen Kompetenzen wie Kommunikations-, Kritik- und Reflektionsfähigkeit, Respekt, Toleranz und Solidarität der Gruppe gegenüber.

2. Im Bereich der ästhetischen Kompetenzen
- Initiieren künstlerischer Prozesse (Wahrnehmung, Reflektion, Handlung…)
- Erobern der künstlerischen und theatralischen Darstellungsmitteln
- Sich ständig aufs Neue ausprobieren können
- Hervorrufen von ästhetischen Provokationen
- Entwickeln und Realisieren von Bühnenbilderumsetzungen

3. Im Bereich der Dramaturgie und Regie
- Humor! Immer wieder komplexe, emotionale und dramatische Thematik auflockern
- Komplexe Zusammenhänge einfach aber fantasievoll darstellen
- Offener experimentierfreudiger Prozess, ohne das Ergebnis zu kennen

Vier Phasen haben letztendlich die Entwicklung unseres Projektes gegliedert: die Phase der Entdeckung ; die Phase der Identifizierung mit den Rollen und des handwerklichen Anpackens ; die Phase der Inszenierung und die Endphase.

Unsere Raum- Probenumstände werden höchst abenteuerlich!
Am Anfang finden unsere 1,5-stündigen Proben wöchentlich nach der Schule (außer in den Ferien) in der Turnhalle der Textorschule statt. Bald wird diese aber renoviert und wir ziehen nach den Osterferien 2007 in den langen aber nicht sehr breiten Kellerflur der Schule neben den Werkräumen… Für unsere Körperübungen ist es wirklich nicht confortable und geeignet aber nach einigen Versuchen bleibt uns da nichts anderes übrig!

I. Phase der Entdeckung

● Entdeckung der Gruppe

Die „Francbadours“ (im 2007: 3.-; 5.-; 7.-Klässler) sind alle ehemalige Schüler von mir an der Textorschule gewesen. In der Zeit der Gründung der Gruppe sind manche es noch, andere sind schon in der weiterführenden Carl-Schurz-Schule. Meistens kennen sich auf jeden Fall vom Sehen oder von altersgemischten Projektwochen an der Textorschule.
Wöchentliche körperliche Übungen und Improvisationen tragen für eine untereinander zunehmende Vertrautheit bei. Die Jüngeren profitieren von der gewissen Reife der Älteren, diese wieder rum von der ungeschminkten Spontaneität der Kleineren. Nach und nach wächst eine Verbundenheit. Für mich auch ist es ein relativ neues Terrain, eine altersgemischte Gruppe zu erleben.

● Entdeckung des Textes

a- die Themen
Erst kriegen die Kinder die deutsche Übersetzung (von Birgit Leib) des Textes Mange-moi, die sie zu Hause lesen sollen. Anschließend bekommen sie den originalen französischen Text von Nathalie Papin.
Über die verschiedenen Themen oder wiederkehrenden Terminologien im Lexik wird kollektiv auf deutsch diskutiert:
ab wann kann man von Übermaß reden? / eventuelle Ursachen? / häufigste Konsequenzen, die zu einem Teufelskreis führen:„Anders sein“ oder sich von der „Norme“ entfernen, ausgeschlossen werden… / wie kann man auf seinem Körper hören? (was einem gut/schlecht tut)
Von folgenden Bereiche wie Konsum/Begierde - essen/fressen - Bulimie/Magersucht - Übermaß untersuchen wir, welche Organe betroffenen sind, welche Gefühle dabei entstehen, welche dargestellte Haltungen dazu passend wären. Da arbeiten wir körperlich und experimentieren.


b- die Figuren
Diese schwierigen Themen werden im Text von den verschiedenen Figuren zwischen Realität und Fantasie getragen.
Es geht darum, dass die „Francbadours“ mit ihnen vertraut werden und auch eine visuelle Vorstellung davon bekommen.
Nach gemeinsamen Diskussionen forschen wir körperlich nach einer passenden Haltung, einem Gang, einem Geräusch, einer „Macke“ für jede Figur.

Die Figuren der Realität :
- Alia und ihre Einsamkeit
- die Kinder und ihre kollektive Struktur/Stärke dagegen

Die Figuren der Märchenwelt :
- der Oger, eine typische französische Märchenfigur, ein Riese, der die Kinder frisst. Wir suchen nach Märchen mit Oger. Wir entdecken das weibliche Pendant aus Russland : die „Babayaga“
- der Vogel, Wissenschaftler, der die Gefahr nennt, in der der Oger sich befindet
alle „Fressenden“, bei den Alia Hilfe sucht, um den Oger zu retten :
- der Gedächtnisfresser
- die Zeitschluckerin
- das Männchen
- die Bücherschluckerin
Wir untersuchen die Verbindungen zwischen all diesen Figuren.

● Erforschung der Bühnenumsetzungen

a- die Inhaltsräumlichkeiten
Die Realitätswelt :
Unsere inneren Bilder treffen sich, werden konfrontiert und diskutiert. So entstehen die Entscheidungen für einen Gerüst, eine Sitzbank, die Horizontlinie (die vom Oger gefressen wird) auf einer Wand, eine Stoffumsetzung, um Stadt/China/Wüste zu symbolisieren.
Wir arbeiten an die zeichnerische Reduzierung einer Horizontlinie, einer Stadt und der chinesischen Mauer.
Für das Gerüst brauchen wir handwerkliche Unterstützung… wir treffen Vlado Felgar (Handwerkslehrer an der Hauptschule) und 5 Schüler von ihm.
Das Gespräch ist erstmal „herantastend“ zwischen allen aber letztendlich sehr fruchtbar, die Werkräume von unseren Schulen liegen nebeneinander… also sehr praktisch… Die Zusammenarbeit fängt an!

Die Fantasiewelt :
Der Oger soll auf Stelzen laufen… wir treffen den Künstler Panturio (Deutschland), der uns Stelzen vermietet und alle einführt! Das Vertrauen muss noch wachsen und es muss geübt werden, damit wir überzeugt sind, dass der Oger tatsächlich auf Stelzen laufen wird…
Die Vorstellung eines großen Gerippes als Darstellung des Bauchs vom Oger und eines umgebauten Fahrrads für die Zeitschluckerin werden langsam präziser.

b- die Kostüme der Figuren
Ab da finden unsere Gespräche hauptsächlich auf Französisch statt!
Wir suchen für jede Figur eine Hauptfarbe vom Kostüm.
Der Oger wird „fleischrot“, Alia auch in rötlichen Töne, der Vogel „grün“, der Gedächtnisfresser „grau-grünlich“ wie das schimmelige Gedächtnis, die Zeitschluckerin „gold“ wie die Zeit, das Männchen „lachsrosa“, die Bücherschluckerin “braun-weiß“…
Wir zeichnen die Formen der Kostüme.

c- eine Klangatmosphäre
Im Herbst 2006 entdecke ich die Musik von Darko Rundek (Kroatien-Frankreich) durch sein Album Ruke. Im Februar 2007 tritt er mit seiner Gruppe Cargo Orkestar in der Brotfabrik in Frankfurt auf. Ich forsche nach, weil die musikalische Atmosphäre, seine Texte (kroatisch, französisch, englisch, spanisch) mich sehr ansprechen und bewegen. Ich erfahre zufällig bei Interviews, dass er in Paris lebt und da für Theater Musik komponiert. Ich wage mich ihn zu fragen, ob er die Klangatmosphäre für unser Stück komponieren könnte. Er akzeptiert. Einmal im Januar und einmal im März 2008 wird er aus Paris zu Proben kommen, um die Dynamik der Gruppe zu spüren und einige Stimm- Klangexperimente mit den Kindern zu machen.
Dies ist auch die Zeit, wo wir uns am intensivsten austauschen werden.
Für eine Videoinstallation frage ich Anatoli Skatchkov (Russland-Deutschland). Da er in dem Viertel von der Schule mit seiner Familie lebt, kommt er auch ab und zu zu Proben.
Ab dem Moment wird es mir klar, dass unser finanzielles Budget viel zu mager ist. Ich bereite eine Unterlage vor, wende mich an das Kulturamt Frankfurt, an das Institut Français, suche nach Sponsoren…, und wir werden glücklicherweise unterstützt!

d- die Entwicklung einer „Introduction“ mit Schwarzlicht
Als wir bezüglich der Themen Bulimie/Magersucht über die betroffenen Organe geredet haben, ist mir das innere Bild einer Reduzierung des Themas gekommen : ein Moment auf der Bühne, wo man nur z. B. Münder, Augen, Hände sehen würde… Dafür scheint mir dann „Schwarzlicht“ die optimale Technik für diese visuelle Zusammenfassung.
Inspiriert von dem italienischen Künstler Mario Mariotti, experimentiere ich mit der Gruppe. Wir arbeiten an Handübungen. Die Idee, das ursprüngliche innere Bild wird klarer. Dazu kommen in unsere Fantasie ein Stück Darm, eine Schlange/einen Elefant, die zum berühmten „Hut“ vom „Kleinen Prinz“ führen sollten, durch das Verschlingen/Verschlungen werden…!
Wir prüfen, was bei Schwarzlichtneon an Material/Farben leuchtet, was nicht…
Wir entwickeln eine Reihe von kleinen Sequenzen über das Thema : Verschlingen/Verschlungen werden.
Wir entschließen uns, dass diese visuelle Zusammenfassung vor dem Stück so zusagen als Introduction gezeigt werden könnte. Eine Art Stückankündigung.


II. Phase der Identifizierung mit den Rollen und des handwerklichen Anpackens

Die Kinder überlegen sich, mit welcher Figur sie sich am besten identifizieren können. In welche sie gerne reinschlüpfen würden. Ich teile denen auch meine Vorstellungen diesbezüglich mit.

● Verdoppelung einiger Figuren

a- Alia / der Oger
Wir stellen die enorme Menge des Textes fest, der dem Ogre oder Alia zugeteilt ist… Ich persönlich empfinde noch den Ogre als EINS und genauso Alia…
Die Kinder kommen aber sofort auf die Idee : Alia kann doch von mehreren Mädchen von uns gespielt werden!
Ich : Wie? Alia ist EINS!
Die Kinder : Es kann so eine Alia sein, oder so eine andere Alia sein…
Erstmal verlasse ich mich auf diesen Vorschlag von den Kindern, ohne die Vorstellung in mir richtig zu spüren!... Am nächsten Tag wird es mir immer klarer, was sie damit meinen. Ich setzte mich hin und suche die Stellen im Text, wo man in dem „Charakter Alia“ Wandlungen spüren kann, suche „Schnitten“ , die die Facetten von ihr unterstreichen könnten.
So entsteht, dass 5 Mädchen die Rolle übernehmen werden. Manche mehrmals, manche nur einmal.
Die Zuschauer werden auch von der Inszenierung her ganz konkret die „Übergabe“ von einer Alia zu der anderen mitkriegen.
Der Oger steht schnell fest, nur ein Kind möchte ihn spielen, es will auch unbedingt das „Stelzenlaufen“ lernen!

b- Der Vogel
Die schnellen gehackten Bewegungen eines Vogels manchmal mit 180° Unterschied lassen mich schon beim Lesen einen zweiköpfigen Vogel sehen. Zwei Brüder sehen sich drin!

c- Das Männchen
Die Verdoppelung ist für diese Figur eher vom Text entstanden. Ein Männchen, das mit seinen Augen frisst! Mit dem großen und mit dem kleinen. Zwei runde Hälften Rücken am Rücken…

● In die Figur schlüpfen
Die Kinder diskutieren, tauschen sich über die Rollen aus und entscheiden sich.
Es stellt sich erstmal heraus, dass keiner so begeistert ist, die „erste“ Alia zu spielen. Sie stopft sich am Anfang voll mit Essen und wird gehänselt… nicht sehr attraktiv anscheinend, schwer auch… Einige Kinder puschen das sportivste Mädchen der Gruppe - auch ein wenig frech(!) -, diese erste Alia zu übernehmen, ich unterstütze es!
Wenn alle Rollen besetzt sind, beschäftigt sich jedes Kind (manchmal zu zweit) mit seiner Figur, probiert, vertieft, reduziert, übertreibt, unterstreicht die Haltung, den Gang, die eine Bewegungsmacke von ihr… findet eine Stimmenhöhe, eine Aussprache, einen Rhythmus, die speziell für DIE Figur sein werden.
Jeder präsentiert seine Vorstellung und wir ergänzen, experimentieren… und doch bis zum Ende wird jede Figur noch sich entwickeln!
Die Zeitschluckerin z. B. ist sehr sehr spät geboren… so wie sie jetzt als alte goldene Dame gespielt wird!
Ab dann wird der Text zu Hause auswendig gelernt!

● Erkundung und Feststellung der Bühnenräumlichkeit und Bühnenbildern
Szene für Szene untersuchen wir, wie der Raum aussehen könnte.

a- Was der Unterschied zwischen der Realitätswelt und der Fantasiewelt macht
Wo und wie es umkippt: So ist mit der Hilfe vom Künstler Frank Leske die Idee entstanden, dass die Sitzbank von Alia durch einen Stoß umkippt! Gleichzeitig stellt es auch dar, wie „heikel“ die Struktur des „einsam sein“ oft ist.
Die Bank wird auch von ihm und einigen Kindern gebaut.

b- Das Gerüst
Dagegen soll das Gerüst sehr stabil sein. (Auch aus Sicherheitsgründen!) Einige Kinder… die, die Alia hänseln werden, turnen drauf und damit ihre wahnsinnige Beweglichkeit im Gegensatz zu ihrer darstellen. Da oben sind sie auch für sie unerreichbar.
Wir entscheiden uns mit Vlado Felgar für ein Dreieckgerüst. Seine 5 Jungs konzipieren und bauen es unter seiner Leitung.

c- Die „gefressene“ Horizontlinie und der abnehmende Mond
Lang war ich auf der Suche einer Videotechnik, die so wie bei La linea von Cavandoli uns den Effekt simpel ermöglichen könnte… habe selber sehr viel probiert, gefragt, experimentiert, bis ich mich fürs „Technische“ entschieden habe: eine schwarze Wand mit ein paar Nageln, darauf läuft ein großes weißes Seil, gezogen von dem Oger an einer Seite. Wir probieren zusammen und irgendwann klappt es. Nachteil : die Wand nimmt Platz beim Transport!
Sie wird von einigen von uns mit der Hilfe von Frank Leske gebaut und gestrichen.
Was für eine Landschaft die Horizontlinie darstellt, improvisieren die Kinder selber.
Der Mond, der hauptsächlich abnimmt aber auch manchmal zunimmt wird auch „technisch“ als Buch gebastelt, dran gehängt und geblättert. Einmal wird er mit einem so genannten Gobo-Scheinwerfer dargestellt.

d- Die Stoffumsetzung von der Stadt, von China und von der Wüste
Wir haben schon unsere Stilisierung von der Stadt, ein Stück davon soll sogar - laut Kindersage - Frankfurt/Main mit den Wolkenkratzer darstellen… Die Stadt wird auch mit weißer Linie stilisiert: weißer Klebeband auf einem breiten schwarzen Stoffvorhang.
China wird mit der chinesischen Mauer (schwarze Linie) stilisiert: schwarzer Klebeband auf einem breiten roten Stoff.
Die Wüste sind einige zusammengenähte Stoffbänder unterschiedlicher Farben.

e- Das große Gerippe
Es gibt Stellen in dem Stück, wo sich Alia in dem Bauch von dem Oger befindet. Eine Möglichkeit war ein großes Gerippe zu bauen, in dem sie sein könnte, so als wie unter der Lupe vom Zuschauer betrachtet!
Mit Hasendraht, dickem Papier und Gipsbänder, basteln einige Kinder es mit mir.
Ein leichter durchsichtiger rosa Stoff wird von mir noch dran genäht…, um das „fleischige“ anzudeuten.

f- Das große Auge vom Männchen
Das Männchen soll von 2 Kindern gespielt werden, die im gleichen Stoffstück Rücken am Rücken sich bewegen werden. Auf dem Bauch eines davon sollte ein großes Auge sein, auf der Stirn des anderen Kindes ein kleines Auge.
Das große Auge wird auch „technisch“ mit Hasendraht und Papp mâché gebastelt und danach gemahlt. Auf der Pupille wird eine kleine Lampe fixiert, die mit einem „drauf klicken“ an und ausgehen kann. Dies bastelt eine Gruppe von Kindern. Das Lid wird beweglich und aus einem Stück Stoff dran genäht.
Das kleine Auge ist eine einfache Stirnlampe!

g- Das goldenen Fahrrad der Zeitschluckerin
Als es klar wurde, dass diese Figur alt wie die Zeit ist, haben wir uns überlegt, ein Art Dreirad vom normalen Rad umbauen zu lassen. Die 5 Hauptschüler von Vlado Felgar machen sich weiter an die Arbeit und schweißen noch einiges dran, dass wir Uhren, Wecker… aufhängen können.

h- Für die Intro
Das Stück Darm wird als Lampe bei IKEA „zufällig“ gefunden. Der „Hut“ (Stilisierung vom „Kleinen Prinz“), der Elefant und die Buchstaben vom Titel des Theaterstückes werden gebastelt.


III. Phase der Inszenierung

● Entstehung zusätzlicher Figuren

a- Kleine Landschaftszwerge
Wir merken, dass unsere „technische Landschaft“, um lebendig zu werden, kleine Landschaftstechniker oder „Landschaftszwerge“ brauchen! Wir entscheiden uns für 4, die die Horizontlinie schelmisch und fantasievoll installieren werden, den Mond ab- oder zunehmen lassen werden, die Stoff-Wüste in Bewegung bringen werden…

b- Die Passanten in der 5. Szene
In dieser Szene begegnet Alia dem Gedächtnisfresser, der einen Monolog führt. Damit das was er erzählt visueller wird, lassen wir 3 Passanten (ein Kind allein kickend mit Fußball /eine „chicki micki“ – Frau / ein Opa) an ihn vorbei laufen. Von all den wird er auch tatsächlich das Gedächtnis „fressen“…

● Aussprache des Textes
Jede Figur hat seine Tonlage, sein Volumen, seinen Rhythmus beim Aussprechen.
Jeweils mit einem Satz vom Text versuchen die Kinder erstmal kollektiv. Danach ist jeder mit seinem eigenen Text beschäftigt und nur die ständige Übung hilft.
Wenn ein Kind zu schnell redet, arbeitet es mit Hilfe eines anderen mit Uhr, wird chronometrisiert (muss z. B. die Zeit, in der er redet verdoppeln!)

● Die“ Laufbahnen“ auf der Bühne
Eine Bühne ist nicht nur eine „Laufbahn“ von rechts nach links oder links nach rechts… Das Ziel ist, die Kinder dazu zu bringen, eine Wahrnehmung vom ganzen Raum zu bekommen, die sie zu Verfügung haben.
Wie läuft meine Figur? Investiert sie den ganzen Raum? Bewegt sie sich? Wie ? Mit Schritte? Sind ihre Schritte groß, klein, gehackt, ruhig, regelmäßig?...

● Der Text und die Bewegung : ein Mit- oder Gegeneinander
Text und Bewegungen sind nicht getrennt auf der Bühne. Entweder bewegt sich die Figur MIT dem Text oder GEGEN den Text, je nachdem…
Für die Kinder ist es erstmal so was sehr abstrakt zu begreifen.
Ich habe das Beispiel von einem Tänzer gegeben: ein Tänzer kann MIT der Musik tanzen, kann aber auch DAGEGEN tanzen! Die Musik ist so zu sagen sein Text. Für sie war es erstmal überraschend, dass ein Tänzer überhaupt „gegen“ die Musik tanzen kann!
Wir haben es probiert und danach schien die Verbindung zwischen Text und Bewegung klarer zu sein. Eine Bewegung kann den Text unterstreichen… aber nicht immer. Für mich bleibt das Ziel, den Kindern klar zu machen, dass ihre Bewegungen dem Text den echten Rhythmus, die Komas, die Punkten geben, weil da ihr ganzer Körper, ihre Lunge im Einsatz sind.

● Nicht allein spielen
Noch mehr als „nicht allein spielen“ würde ich sagen : nicht allein „SEIN“ !
Ein Butohtanz-Meister sagte uns mal bei einem Workshop: „Don’t PLAY the chicken, BE the chicken!“
Das werde ich nie vergessen!
Also in die Figur/Rolle reinschlüpfen heisst für einen Moment die Figur/Rolle sein! Ja und doch noch Ohren, Augen… Sinnen für die anderen auf der Bühne haben und wach halten… vielleicht könnten die ja uns inspirieren! Es ist aber immer wieder eine Herausforderung für die Kinder, dem Spiel des anderen „zu zuhören“!


IV. Endphase mit Aufführungen

● Proben mit unseren Requisiten
Unser Gerüst wird in dem Werkraum von der Hauptschule eingeweiht! Alle freuen sich und turnen schon darauf unter der amüsierten Beobachtung der 5 Jungs von Vlado Felgar!
Jetzt brauchen wir mehr als einen Flur zum Proben! In den Weihnachtsferien 2007 wurde es mir ganz schön mulmig… Einen geeigneten Probenraum in Frankfurt zu finden ist unheimlich schwer! Am ersten Schultag im Januar 2008 stehe ich früh morgen vorm Büro des Rektors von der Carl-Schurz-Schule (Gymnasium), wo einige der 18 „Francbadours“ schon gehen. Ich bitte um die Aula und das Erlaubnis unsere Requisiten (Gerüst, Wand usw. ) da bis zu den April-Aufführungen im ITF lassen zu dürfen!
Unser Glück : es klappt!
Komponieren müssen wir noch mit den Hausmeistern!!...
An einigen Wochenenden kriegen wir die Genehmigung samstags proben zu dürfen.
Da sind wir in kleineren Gruppen und gehen Szene für Szene durch.

● Anprobe der Kostüme
Es ist ein Genuss, die Kinder bei den Anproben zu erleben, ihre Freude und ihre schelmische Art zu beobachten: „durch den Stoff“ wagen sie sich mit der Rolle zu übertreiben! Die Näherinnen haben es nicht so einfach, die ruhig zu halten!

● Technikabsprache mit dem Internationalen Theater Frankfurt
Ab Januar 2008 versuche ich mit dem Techniker des internationalen Theaters Frankfurt einiges zu klären. Wir treffen uns dreimal, ich beschreibe meine Bühnenbilder, stelle meine Wünsche dar und auch Fragen, um was nach seiner Meinung nicht technisch machbar ist, durch andere Lösungen machbar lassen zu werden!
Parallel, bitte ich wegen des unwiderlegbaren Aufwandes Herrn Jan Mayer, den Chef, um 2 Generalproben… Er bleibt zäh, lehnt es ab und behauptet, dass eine Generalprobe reichen sollte… Da verlange ich aber einen „Puffertag“ zwischen der Generalprobe und der 1. Aufführung.

● Flyer und Werbung
Gezeichnet, geschrieben, gedruckt, geworben wird es auch fleißig von uns allen!

● Die Generalprobe
Wie ich es geahnt hatte, reicht die eine Generalprobe nicht. Die Kinder sind bereit aber ein Teil von der Technik konnte nur an dem Tag installiert und ausprobiert werden. Fazit: es ist eine Katastrophe, die Zeit, die uns zugeteilt ist, reicht nicht! Wir kämpfen um eine zweite Generalprobe am nächsten Tag…

● Die 2 Aufführungen im I.T.F. am 12. und 13. April 2008
Trotz Skepsis vom Theaterchef, den Saal mit einem französischen Stück und noch dazu von Jugendlichen gespielt (!) zu füllen, bleiben an beiden Tagen 20 bis 30 Personen draußen! Der Saal ist Rappel voll!
Bei der 2. Aufführung läuft die Technik sogar gut und jeder von uns genießt endlich die Früchte dieser Arbeit! Ich kann es bei dem Spiel der Kinder spüren.
Anschließend äußert Herr Mayer seine Begeisterung, seine Überraschung und seinen Wunsch, das Stück noch mal auf seiner Bühne zu zeigen!
Was das Publikum uns direkt danach zeigt, mir für Rückmeldungen mündlich und schriftlich mitteilt, ist glaube ich die beste Belohnung!

● die Entscheidung „on Tour“ zu gehen
Im Sommer nach der 1. Euphorie bleibt mir noch eins sehr wichtig !… Nämlich zu wissen, was Nathalie Papin die Schriftstellerin, die leider bei der Premiere nicht da sein konnte, zu der DVD sagen wird. Ihr Brief bestätigt mich, das Stück weiterzuzeigen -woanders- und noch zu versuchen, sie im 2009 dabei erleben zu dürfen!
So die Entscheidung noch mal im 2009 in Frankfurt zu spielen und Berlin und Brüssel anzufragen.

 
Besonderheiten:
Besonderheit des Projektes :


Was ich als „ besonders „ bei unserem Projekt betrachte, ist die Vielfalt der Ansprüche.
Die Kinder und Jugendlichen werden auf verschiedenen Ebenen angesprochen und beansprucht (körperlich, kognitiv, emotional, kreativ, in ihrer Konzentration, in ihrer Empathie)!


● auf der körperlichen Ebene :
Entwicklung und Stärkung des Körperbewusstseins durch das Training und
das Abbauen der Hemmungen gegenüber der Gruppe /dem Publikum.

● auf der kognitiven Ebene :
Erwerbung neuer sprachlichen Kenntnissen bei der Fremdsprache Französisch.
Reflexion über den Inhalt des Textes.

● auf der emotionalen Ebene :
Sich mit intensiven Themen gefühlsmäßig auseinandersetzen und nachvollziehen.
Sich und das Lampenfieber auf der Bühne beherrschen lernen.

● auf der kreativen Ebene :
Anregung und Nutzung der Fantasie bei der Umsetzung ins körperliche Schauspiel und
ins Handwerkliche bei der Konzipierung und Herstellung der Requisiten.

● auf der Konzentrationsebene :
Anforderung
eine Menge an Text auswendig zu lernen,
verschiedene Techniken (Stelzen – Schwarzlicht – Bühnenmaterial…) zu beherrschen,
Ausdauer zu zeigen beim Lernen, Proben und Spielen.

● auf der Empathie-Ebene :
Erweiterung der sozialen Kompetenzen in diesem Projekt, welches Unterschiede zusammengebracht hat bezogen auf :
Alter, Sprache, Nation, Bildung, Beruf.

 
Probleme und Lösungen:
Probleme und Lösungen :

Wenn ich ehrlich zurückblicke, denke ich, dass ich an das Projekt wie ein „Kind“ gegangen bin. Wie ein Kind, das laufen lernt, wie ein Kind das noch nicht weiß, was es bedeutet „hinzufallen und wieder aufstehen“!... Sonst hätte ich wahrscheinlich diese ungeheure Energie, dies alles zu überwältigen/meistern an bestimmten Momenten nicht gehabt!

Die Probenräumlichkeiten, die Umsetzungen in Bühnenbilder, die Geldförderung, die ganze Logistik/Koordination zwischen 17 Familien, den Künstlern, den Behörden und die Ausdauer bei „Konsumkinder“ immer wieder hervorzurufen waren die Hauptherausforderungen!

● Die Probenräumlichkeiten
Unsere Raum- Probenumstände waren wie gesagt nicht die besten!
Von der Turnhalle der Textorschule (GS) - zum Kellerflur - zur Aula der Carl-Schurz-Schule (Gymnasium) - ins Theater!
Und es liegt nicht an einem Mangel von Suchen oder Anfragen!… Man sieht in Frankfurt so viele freie Räume aber es ist unheimlich schwer an welche mit Strom Heizung und Klo für kleines Geld dran zu kommen gerade, wenn man noch kein Verein ist…
Die Unterstützung der CSS mit ihrer Aula ab Januar 2008 war wirklich ein Glücksfall!
Was für uns trotzdem unheimlich schwer war, war die technischen Sachen nicht früh genug und Schritt für Schritt ausprobieren zu können und dass die Kinder sich langsam dran gewöhnen. Dafür mussten wir auf diesen Tag der 1. Generalprobe im Theater warten.
Dort an dem Tag hatten wir nicht genug Zeit, alles durch zu checken und zu spielen, weil Herr Mayer den Aufwand unserer Arbeit unterschätzt hatte (trotz Vorwarnung von mir) und uns zwischen 2 anderen Shows gequetscht hatte! Es war eine Katastrophe!
Da habe ich - muss ich ehrlich sagen - mit der Unterstützung von den Eltern richtig Dampf bei Herrn Mayer gemacht! Wir wussten vom Theaterbüro, dass die 2 Aufführungen komplett ausverkauft wurden…
Ich war entschlossen! : Die Kinder waren bereit, es hing nur an der Technik wg. Zeitmangel, wir wurden u.a. vom Kulturamt Frankfurt finanziell toll unterstützt, ich habe gesagt : „Ich lasse mich auf solche Bedingungen NICHT ein , ich zeige keine unfertige Arbeit, entweder kriegen wir morgen die Möglichkeit fertig zu proben sonst spielen wir nicht!“
Der Chef hat akzeptiert.
Für uns und den Techniker war es unheimlich anstrengend, dass wir immer auf- und abbauen mussten (auch zwischen den 2 Aufführungen), weil wir zwischen anderen Vorstellungen waren! Kinder- und Jungendtheater wird tatsächlich sehr oft unterschätzt musste ich feststellen!
Aber nach dem Ergebnis konnte ich diesbezüglich mit Herrn Mayer und dem Techniker ein sehr fruchtbares Gespräch führen.


● Die Umsetzungen in Bühnenbilder
Nathalie Papin stellt eine wirkliche Herausforderung für einen Theaterregisseur dar. Sie schreibt in Bildern oder erweckt in einem selbst enorm viele Bilder. Die Schwierigkeit lag darin, nicht die Vorstellungskraft durch die Inszenierung abzutöten. Ich hoffte, dass die Bilder dem Text erlaubten, ein Echo zu finden. Ich habe lange Momente des Zweifels gehabt... weil in meinem Kopf Bilder entstanden, die technisch auf der Bühne nicht umzusetzbar waren. N.P. hat einen Schreibstil, der sehr schnörkellos ist, der auf das Wesentliche abzielt. Es hat einen Zeitpunkt gegeben, an dem ich nicht wusste, ob es mir gelingen würde, das Visuelle mit dem Text in gegenseitigen Einklang zu bringen. Dann habe ich mich mit den Kindern entschieden, mit Symbolen zu arbeiten.

● Die Geldförderung
Total neues Terrain für mich in dem Bereich… Also wieder was gelernt!
Mappe gemacht, abgegeben, ein stündiges Gespräch im Kulturamt geführt, überzeugt, gezittert, gewartet, gejubelt, als der Brief mit der Zustimmung für 3500 € zu mir kam!
Die Eltern der beteiligten Schüler haben auch teilweise gespendet.
Dem Institut Français bin ich auf die Nerven gegangen, immer wieder nachgehackt… immerhin haben wir 300 € gekriegt.
Von keinen französischen Firmen ein Cent! Ein französisches Projekt letztendlich von Deutschland unterstützt… für mich Französin nichts Neues!

● Die Logistik/Koordination
Da habe ich innerlich verstanden (ohne sie zu verteidigen!), warum einige Regisseure manchmal ausrasten!
Es ist unheimlich schwer aber gleichzeitig super spannend so viele Menschen (17 Familien /die Künstler / die Behörden) zu koordinieren. Jeder hat sein Leben und es geschieht immer was Unerwartetes, was gerade nicht passend ist! Die Zuverlässigkeit scheint auch nicht immer selbstverständlich zu sein…
Im grob und ganzen hat es doch funktioniert aber was ein Energieaufwand!

● Die Ausdauer ständig hervorrufen
Wenn eine Familie an dem morgen von einer Probe (wofür der Plan schon seit Wochen klar ist) sagt : „Heute kriegen wir Besuch zu Hause die Jungs müssen unbedingt dabei sein“… oder „mein Kind hat Fußballturnier“…
Ich liste jetzt nicht alles auf… Sie können sich bestimmt vorstellen, wie herausfordernd es ist, „gelassen“ zu bleiben!
Wir haben mit einem Stück über das Thema „Konsum“ gearbeitet… gerade ein Grossteil dieser beteiligten Kinder sind meiner Meinung nach „Konsumkinder“, damit meine ich Kinder, die auf alle Hochzeiten tanzen! Ihre Ausdauer immer wieder hervorzurufen, sie dazu zu bringen, Prioritäten zu setzen, ihnen klar zu machen, dass es nicht nur darum geht, sich zu profilieren, fand ich immer wieder unheimlich anstrengend! Aber von den meisten bin ich fest überzeugt, dass sie jetzt wissen, was es heißt, sich zu engagieren!


 
Anekdotisches:
Über eine gewisse, erreichte „Leichtigkeit des Seins“…!:

Zu Beginn war es für die Schüler schwierig in der ersten Szene „die Dicke“ als auch diejenigen zu spielen, die sich über sie lustig machen. Und dann gibt es das Lachen, das das Spiel befreit und Hemmungen abbaut. Das erste Mädchen, das Alia spielt, ist sehr sportlich und es war am Anfang schwer für sie, sich in eine Person hineinzuversetzen, die die ganze Zeit essen möchte. Ihre größte Angst war, essen zu müssen, auf der Bühne sich wirklich mit Essen voll zu stopfen. Sie sagte immer: „Aber ich werde mich übergeben müssen, wenn ich es wirklich tue!“
Zum Schluss, wenn sie während der Proben die Kleider von Alia angezogen hatte, wurde sie zu der Person, die sie verkörperte und spielte ihre Rolle, „mit“ ihrer Rolle so gut, dass sie die ganze Gruppe zum Lachen brachte. In diesen Momenten verliert das Thema etwas von seiner Schwere. Es gelingt einem, über sich selbst zu lachen und man akzeptiert sich so wie man ist. Ich glaube, dass das Mädchen über ihre Rolle lachen konnte, als sie sie akzeptiert hatte. Ich bin auch davon überzeugt, dass diese Fantasiewelt, in die sie eintaucht, erst die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen ermöglicht. Sie erlaubt eine Distanz, die das Ganze erträglich macht oder befreit.