Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Projekthintergrund:Die Grundlage des Projekts bildet ein literarischer Text, der von den Schülern gelesen und in einen Film und in eine Theaterinszenierung übersetzt wird.
Durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Text soll bei den Schülern die Lust am Lesen, an unterschiedlichen künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten (Schauspiel, Inszenierung, Drehbuchschreiben, Filmproduktion, Bühnenbild, Requisite, Musik) und die Freude an gruppendynamischen Prozessen geweckt werden.
Das Thema wird von den Schülern selbst gewählt. Der literarische Text dient dabei als Grundlage und bietet den Schülern kreative Gestaltungsräume, in denen sie ihre eigenen Interpretationen, Phantasien und Ideen im gemeinschaftlichen Prozess in filmische Bilder und theatrale Szenen übersetzen können.
Die Kombination aus Lese- und Medienkompetenzförderung verbindet die Zielsetzungen der drei Kooperationspartner.
Das Projekt fand erstmalig im Schuljahr 2006/2007 erfolgreich statt und wurde mit erweiterten Zielsetzungen und Schwerpunkten 2008 fortgeführt.
Inhaltliche Schwerpunkte:
Im vorausgegangenen Projekt machten die Projektleiter die Erfahrung, dass der kreative, praxisnahe Zugang eine Auseinandersetzung mit sozialkritischen, politischen und ethischen Themen begünstigt. Schüler, die sich sonst wenig für diese Themen interessierten, begannen sich dafür zu öffnen. Auf diese Erfahrung sollte weiter aufgebaut werden ohne sie aber in ihrer Themenwahl zu beeinträchtigen.
Beschreibung des Projektverlaufs
Phase 1: Auswahl des Themas
Thematisch waren den Schülern kaum Grenzen gesetzt. Zu den Themen ihrer Wahl waren sie aufgefordert, nach literarischen Texte zu recherchieren, diese den anderen vorzustellen und letztendlich abzustimmen.
Im gruppendynamischen Prozess entschieden sich die Jugendlichen selbst, den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf das Thema Nationalsozialismus zu legen und sich damit intensiv zu beschäftigen.
Gründe für die Wahl waren u.a., dass für sie selbst die Themen "Ausgrenzung" und "Mobbing" eine wichtige Rolle spielen und ihnen die Auseinandersetzung mit Rassismus und Verfolgung von Minderheiten wichtig waren, da diese nach wie vor häufig vorkommende Themen der Gesellschaft und nicht zuletzt auch ihres eigenen Schulalltags sind.
Phase 2: Vorbereitung und Umsetzung
In der Vorbereitungsphase wurden die Schüler durch den Geschichtslehrer Thomas Langenfeld, die Kunstlehrerin Antje Prejawa und die Theaterpädagogin Mandy Müller an das sensible Thema herangeführt. Anhand kleiner eigener Recherche- und Präsentationsaufgaben beschäftigten sie sich eigenständig mit dem Nationalsozialismus und wählten eigene Schwerpunkte.
Durch den Besuch und den Vortrag der Jüdin Ilka Pollatschek (jüdische Gemeinde Frankfurt) bekamen die Schüler einen Einblick in das heutige und das damalige jüdische Leben. Anhand von Bildern, Kleidungsstücken und Gegenständen veranschaulichte sie ihnen die Geschichte, die unterschiedlichen Glaubensausprägungen, Feste, Gebräuche und Rituale des Judentums.
Die Informationen halfen den Jugendlichen, ihre eigene Filmgeschichte zu entwickeln, Dialoge zu schreiben und die Figuren mit Leben zu füllen.
Alle Vorbereitungen waren auch wesentlich für die Auswahl der Kostüme und Requisiten.
Zu Beginn der Umsetzungsphase wurde das Drehbuch geschrieben, Drehorte erkundet, die Rollen verteilt und passende Kostüme und Requisiten organisiert.
Durch die kooperative Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte "Konzentrationslager Buchenwald", dem Freilichtmuseum "Hessenpark" und dem Schauspiel Frankfurt und Bochum konnte der Film an authentischen Drehorten und mit passenden Kostümen gedreht werden.
Parallel zu der inhaltlichen und der filmischen Arbeit wurden die Schüler schauspielerisch gefördert und angeleitet. Durch das Schauspieltraining bekamen sie einen Zugang zu den Rollen und das nötige Selbstvertrauen, auf der Bühne und hinter der Kamera zu agieren.
Nach einer Einführung in die Kamera- und Tontechnik konnte an mehreren Schauplätzen parallel gedreht werden. Die zentrale Aufgabe der Projektleitung bestand darin, die komplexen Dreharbeiten zu strukturieren, den Drehplan im Auge zu behalten, die Schüler zu motivieren, zu lenken und Hilfestellung zu leisten.
Nach den Dreharbeiten wurde der Film von den Jugendlichen geschnitten und nachvertont. Der Schnitt, die Auswahl von Musik und Geräuschen, die Nachvertonung und die Erstellung einer Trickfilmsequenz nahmen insgesamt noch einmal drei Monate in Anspruch.
Phase 3: Kompaktphase
Besuch im Konzentrationslager Buchenwald
Die Kompaktphase fand im Rahmen einer gemeinsamen 4-tägigen Fahrt statt.
Gerade Schnitt, Nachvertonung und Endproben erfordern einen kontinuierlichen Arbeitsfluss der mit der wöchentlichen Struktur nicht zu leisten ist. Die Schüler lernten arbeitsteilig zu arbeiten, aber dabei das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Die gemeinsame Fahrt befördert den gegenseitigen Austausch und die Vertiefung der medienpädagogischen Diskussionen.
Die Projektleitung wählte Weimar als Ziel der Fahrt, um gemeinsam mit den Jugendlichen die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald besuchen zu können.
Der Besuch war ein elementarer Bestandteil des Projekts. Die intensiven Eindrücke hinterließen bei allen Beteiligten nachhaltige Spuren und gaben sowohl der Theaterinszenierung als auch dem Film die notwendige Tiefe, die durch Recherchen und Literatur nicht zu erreichen gewesen wäre.
Phase 4: Reflexion
Während des Projekts fanden regelmäßig Reflektionsrunden statt. Am Ende des Schuljahrs wurde es mit einer übergreifenden Reflektionsphase abgerundet. Ziel war, gemeinsam mit den Schülern die Erfahrungen und den gemeinsamen Prozess unter die Lupe zu nehmen.
Für die Jugendlichen ist die praxisorientierte medien- und theaterpädagogische Arbeit eine Chance, ihre eigenen Ideen und Perspektiven zu verbildlichen. Deshalb sollen die Schüler genug Freiraum bekommen, das Schauspiel und die Filmarbeit für sich als persönliche Ausdrucksform zu erfahren.
Schülermultiplikatoren
Das Projekt ist jahrgangsübergreifend (6.-13. Jahrgangsstufe) konzipiert. Ältere Schüler werden als Multiplikatoren fortgebildet, um das eigenständige Arbeiten in den Kleingruppen zu befördern. Bereits während des Schuljahrs 2006/2007 wurden Schüler als Multiplikatoren ausgebildet. Der Multiplikatorengedanke ist ein wesentlicher Bestandteil des pädagogischen Konzepts und wurde im Schuljahr 2007/2008 ausgebaut. Ziele dabei sind die Förderung des selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeitens, die Steigerung der Motivation und der gruppendynamischen Prozesse.
Im Laufe des Projekts konnten dadurch immer mehr Aufgaben an die Schüler abgegeben werden. Dies hat sich positiv auf die Arbeitsteilung und die Identifikation mit dem Projekt und den Projektergebnissen ausgewirkt.
Projektleitung
Das Projektleitungsteam besteht aus vier Personen, die sich durch ihre unterschiedlichen Schwerpunkten und beruflichen Hintergründen ergänzen. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die Schüler auf möglichst vielen unterschiedlichen Ebenen gefördert werden können.
3. Bewertung des Projektverlaufs
In Bezug auf die Nachhaltigkeit hat sich das Projekt als äußerst sinnvoll erwiesen. Durch die intensive Arbeit konnte ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Das Vertrauen bildete die Grundlage für den kreativen Arbeitsfluss und die sozialkritischen, politischen und themenimmanenten Diskussionen.
Dadurch, dass einige Teilnehmer bereits zum zweiten Mal an dem Projekt "Theater-Film-AG" teilgenommen haben, konnte an ihren Wissensstand angeknüpft und für sie neue Herausforderungen geschaffen werden. Die dadurch möglichen gestalterischen Freiräume wurden von den Schülern als äußerst positiv empfunden und genutzt. Das Thema „Nationalsozialismus“ stellte für alle Beteiligten eine Herausforderung dar, die nur aufgrund der langfristigen Anlage des Projekts, angenommen werden konnte. In der gemeinsamen Arbeit haben die Heranwachsenden eigene Stärken entdeckt und die Zusammenarbeit trainiert. Diesbezüglich hat sich die jahrgangsübergreifende Struktur als äußerst sinnvoll herausgestellt. Ältere Schüler konnten ihr Wissen weitergeben und jüngere Schüler fördern. Im Gegenzug haben aber auch die älteren Schüler von den jüngeren profitiert. Als markantes Beispiel kann genannt werden, dass die älteren sich erst öffneten, ihre Erlebnisse in Buchenwald zu beschreiben, als die jüngeren ehrlich und frei über ihre Gedanken und Empfindungen sprachen. Die Gruppen arbeiteten im fortlaufenden Prozess immer eigenständiger, sodass die Projektleiter immer mehr im Hintergrund agieren konnten, um den Arbeitsprozess zu strukturieren, zu moderieren und optimale Arbeitsvoraussetzungen zu schaffen.
Durch die Aufführungen und Filmpräsentationen – u.a. in den jüdischen Gemeinden, in anderen Schulen, für die Stadt Hanau und bei den Hanauer Schultheatertagen – kam es zu anregenden Diskussionen mit Schülern aber auch mit Personen die den Holocaust überlebt haben.
Dieses Projekt, mit seinen internen und öffentlichen Diskussionen, die es angestoßen hat, seinen großen Auswirkungen auf die Schulentwicklung der eigenen Schule und die Einladungen nach Rumänien und Berlin (Vizepräsidentin des Bundestages Frau Kastner), wird bei den Jugendlichen und ihren Eltern lange in Erinnerung bleiben.