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Zwei der "Lesemäuse" im Gestaltungsprozess für ein Buchrückengedicht!
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Der Bücherstapel mit dem Gedicht steht für das Foto bereit.
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Eine der Versionen des Gedichts "Hinterhältig" zum Thema Mobbing.
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Alle Themen sind wichtig - hier ein Gedicht mitten aus dem Leben!
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Mit Literatur die Welt begreifen!
"Bücher...? - Ein Gedicht!"
Schule:
Karl Kisters Realschule Kleve-Kellen
Lindenstr. 3a
47533 Kleve
Fon: 02821-78123
Fax: 02821-781243
www.rs-kleve-kellen.schulon.org


Realschule / Offener Ganztag
 
Kooperationspartner:
Fotograf
Michael Nowak
Uedemer Str. 15
47533 Kleve
Telefon 0177-8192140
www.fotoraumkleve.de

Stadtbücherei Kleve
Frau Michels
Wasserstr. 30-32
47533 Kleve
Telefon 02821-757331
www.stadtbuecherei-kleve.de

 
Beteiligte Schüler:
19 (später 11) + 10 (Catering)
Teilgenommen haben 14 Mädchen und 5 Jungen der Leselust-AG im Schuljahr 10/11 (Projektbeginn im 2. Halbjahr) und 9 Mädchen und 2 Jungen im Schuljahr 11/12 (1. Halbjahr) für die Ausstellung zum Abschluss des Projektes;
im 2. Halbjahr wird der Kurs durch weitere interessierte SchülerInnen ergänzt werden, um neue Projekte in Angriff zu nehmen;
für den Tag der Ausstellung am 14.11.11 waren weitere 10 SchülerInnen aus dem Ernährungslehre-Unterricht von Frau Nowak für das Catering der geladenen Gäste zuständig.
 
Beteiligte Lehrkräfte:
Karen Böker(Deutsch, Chemie, Englisch, Leselust-AG)Anne Schoofs(Niederländisch, Mathematik, Leselust-AG)Christin Nowak(Deutsch, Kunst, Hauswirtschaft/Ernährungslehre)
 
Stundenvolumen:
Es wurden wöchentlich zwei Schulstunden aufgewendet, in intensiven Phasen blieben die Schüler und Schülerinnen schon mal ein bis zwei Stunden länger;
zur Vorbereitung der Ausstellung waren ca. 10 Schülerinnen und Schüler am Sonntagnachmittag und -abend zusätzlich ca. 5 Stunden in der Schule.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Bei dem Projekt „Bücher…? - Ein Gedicht!“ werden aus einem großen Fundus von Büchern Buchtitel ausgewählt, die aufeinandergestapelt ein (modernes) Gedicht ergeben.
Das Genre der Bücher ist dabei nicht wichtig, es geht ausschließlich um die Titel, die völlig frei so kombiniert werden können, bis der „Buchkünstler“ mit seinem selbstgewählten Thema und der gewollten Aussage zufrieden ist.
Wenn der „Text“ feststeht, wird dann ein Bücherstapel gebildet, der dem Text Form und Struktur gibt. Auch hier sind die Entscheidungsmöglichkeiten endlos: Beginnt das Buchrückengedicht mit einem Buchtitel oder werden erst Stapelbücher verwendet? An welcher Stelle werden Buchtitel durch Zwischenbücher voneinander getrennt? Wo folgen gleich zwei (oder mehr) Titel aufeinander?
Sind die Zwischenbücher dick oder dünn, groß oder klein? Werden Zwischenbücher gewählt, deren Seiten „Patina“ aufweisen, oder sind sie ohne Gebrauchsspuren?
Aber damit ist noch längst kein Ende in Sicht! Auf welche Weise werden die Zwischenbücher arrangiert? Sind die Textzeilen alle mehr oder minder mittig ausgerichtet oder wird eine andere Darstellung gewählt? Spielt bei den Buchtiteln die Farbe der Buchrücken eine Rolle?
Viele Entscheidungen sind zu treffen, ohne dass dies den Schülerinnen und Schülern (SuS) von Anfang an bewusst ist. Diese Gestaltungselemente ergeben sich ganz von selbst und werden mal mehr, mal weniger bewusst eingesetzt. Oftmals werden diese Merkmale erst deutlich oder wichtig, wenn der Bücherstapel vollendet ist und zur Beurteilung freigegeben ist.

Es entstanden Gedichte mit den unterschiedlichsten Themen, die Jugendliche betreffen und die für Jugendliche wichtig sind: Liebe und Liebeskummer, Freunde und Freundschaft, Mobbing, Migration, Krieg und Sterben, Krankheit (insbesondere Magersucht) und Pubertät. Nach dem Atomunglück in Japan setzten sich die SuS zwischenzeitlich mit dem Thema „Atomkraft“ und „(atomare) Umweltkatastrophe“ auseinander, wobei Gedichte entstanden, von denen die Jugendlichen im Nachhinein zutiefst beeindruckt waren. Während der Entwicklung der Japan-Buchrückengedichte wäre den SuS niemals der Gedanke gekommen, dass ihnen gerade diese Gedichte später besonders gefallen würden.

Die SuS selbst haben für die Beurteilung der Buchrückengedichte folgende Leitfragen entwickelt: Ist ein Thema vorhanden und hat das Gedicht „Gehalt“? Lässt das Gedicht Raum für eigene Gedanken? Kann man es auf mehr als eine Weise interpretieren? Welche Struktur hat das Gedicht und kann die Struktur zum Gedicht in Beziehung gesetzt werden?

Um ein Buchrückengedicht zu gestalten, muss eine gewisse Anzahl und Vielfalt an Buchtiteln zur Verfügung stehen. Diese finden sich z. B. in einer Stadt- oder Gemeindebücherei bzw. auch in gut ausgestatteten Schüler-/Schulbüchereien. Es ist erstaunlich, wie viele Buchtitel sich als Gedichtzeilen eignen und aus welchen Abteilungen Bücher gewählt und in einem Gedicht kombiniert werden können. Dass die Bücherei damit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt und als Kulturangebot (wieder) wahrgenommen und genutzt wird, ist ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Aufbau und Struktur der Klever Stadtbücherei und die Suche nach Buchtiteln mit den zur Verfügung stehenden PC-Katalogen erschlossen sich den SuS „wie von selbst“ (learning by doing!).

Es ist sinnvoll, darauf zu achten, dass zunächst Buchtitel gewählt werden, die waagerecht auf dem Buchrücken abgedruckt und gut leserlich sind. Die Buchrücken mit dem Titel sollten nicht zu klein/zu dünn sein. Am besten eignen sich Titel, die in schwarz oder in dunklen Farben gedruckt sind. In einem fortgeschrittenen Stadium des Projekts haben einige Schüler jedoch auch Buchtitel ausgewählt, die nur zu lesen waren, wenn das Buch senkrecht in den Bücherstapel integriert wurde. Diese Variante sollte aber nur in Ausnahmefällen gewählt werden.

Einen Fotografen in die Projektarbeit einzubinden, hat den Vorteil, dass die Buchrückengedichte als „Bild“ und Ergebnis dauerhaft zur Verfügung stehen, wenn das für den Schaffens- und Interpretationsprozess auch nicht zwingend notwendig ist. In diesem Projekt hat sich der Fotograf Michael Nowak für das Projekt unentgeltlich begeistern lassen; er hat nicht nur die Fotos geschossen, sondern darüber hinaus in Zusammenarbeit mit den SuS Bilder in Schärfe und Farbe nachbearbeitet. Mit seiner Hilfe war es auch möglich, die Buchrückengedichte in bestimmte Formate zu bringen, die mit finanzieller Unterstützung des Fördervereins der Karl Kisters Realschule auf Hartschaumplatten (80 cm X 40 cm) und auf zwei große Stoffbahnen (270 cm X 90 cm) gedruckt werden konnten.

So war es auch möglich mit einer Auswahl von 12 Bildern und 2 Bannern eine Ausstellung zunächst im Forum der Schule und ein paar Wochen später in der Stadtbücherei Kleve durchzuführen. Zur Ausstellungseröffnung waren zahlreiche Elternvertreter, die Eltern der beteiligten SuS, Vorlesepaten und Pressevertreter eingeladen worden.

Die SuS gestalteten die Räumlichkeiten, arrangierten die Bilder der Buchrückengedichte auf Staffeleien, erstellten mit Büchern aus der schuleigenen Schülerbücherei weitere Buchrückengedichte, die auf Präsentationssäulen zwischen den Bildern standen, und stellten sich als Künstler, ihr Projekt und die Gedichte bei der Eröffnung selbst vor.

Während die Gäste danach die Exponate bewundern konnten, wurden sie von Achtklässlern (im Rahmen des Fachs Ernährungslehre) kulinarisch versorgt, während die Künstlerinnen und Künstler der Presse und interessierten Besuchern Rede und Antwort standen.

Für die beteiligten SuS erhält das Projekt eine ganz andere Wertigkeit, wenn es mit einer Präsentation abgeschlossen wird. Dabei muss es sich nicht zwingend um eine Ausstellung wie die hier beschriebene handeln. Es können auch die (realen) Bücherstapel in einem kleineren Rahmen und mit geringerem finanziellem Aufwand präsentiert werden. Für den Fall, dass die Werke fotografiert werden, ist auch eine computergestützte Präsentation denkbar. Wenn die SuS einverstanden sind und die Qualität der gestalteten Buchrückengedichte es zulässt, ist eine Form der Präsentation in jedem Fall sinnvoll, da sich die SuS mit ihren Werken eher als Künstler und Kulturschaffende wahrnehmen. Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass sie sich mit einer solchen Erfahrung eher motiviert fühlen, vergleichbare kulturelle Angebote in ihrem Lebensumfeld anzunehmen.

Dass gleich mehrere Besucherinnen und Besucher der Eröffnungsausstellung die Möglichkeit erfragten, einige der ausgestellten Buchrückengedichte käuflich zu erwerben, zeigt, dass der Umgang mit Büchern (und mit Lyrik) einen festen Platz im kulturellen Bewusstsein einnimmt, der zwar durch E-Reader, Hörbücher und Internet ergänzt, aber (noch lange) nicht verdrängt werden kann. Indem Jugendliche auf vielfältige Weise mit Büchern - eben auch in Büchereien - in Kontakt gebracht werden, wird ein Beitrag geleistet, dass dieses kulturelle (Alltags-)Angebot im Bewusstsein verankert und damit für die Gesellschaft erhalten bleibt.
Abschließend kann auf die schier unendliche Vielfalt im Umgang mit der Technik der Buchrückengedichte nicht genug hingewiesen werden. Diese Technik kann über alle Altersgruppen hinweg immer wieder neu (durch z. B. andere Herangehensweisen und Themen) ausprobiert werden. Durch die Gestaltung solcher Buchrückengedichte wird den Jugendlichen eine unkonventionelle Möglichkeit geboten, ihre Gefühls- und Gedankenwelt künstlerisch auszudrücken. Die Wertschätzung von Lyrik allgemein steigt und die gestalteten Buchrückengedichte - die eigenen und die der anderen - werden inhaltlich und ästhetisch sensibel wahrgenommen und besprochen. Die gemeinsame Leidenschaft der SuS der Leselust-AG hat sich in diesem Projekt überzeugend ausgedrückt: Bücher…? - Ein Gedicht!

 
Projektauslöser/Idee:
Als ich im Sommer 2008 Urlaub in Canada machte, habe ich u. a. die Vancouver Public Library besucht und dort in der Vorhalle drei Bilder von sogenannten „Book Stack Poems“ gesehen. Die Bilder und die Idee, die dahinter steckte, haben mich total begeistert und ich habe sofort gedacht, dass daraus einmal ein Projekt für meine Schüler werden könnte. Ich habe die drei Bilder fotografiert und mich in der Zeit nach dem Urlaub bemüht herauszubekommen, wer die „Book Stack Poems“ entworfen hat. Via Internet bin ich so auf die Künstlerin Carol Sawyer gestoßen. Eine Kontaktanfrage sowie die Frage nach Abzügen von den drei Bildern, die ich in Vancouver gesehen hatte, blieben leider unbeantwortet.
Von da an „spukte“ mir jedenfalls die Idee im Kopf herum, solche „Buchrückengedichte“ auch einmal mit Schülern zu gestalten. Zu Hause habe ich zunächst „nur für mich“ ausprobiert, ob es möglich ist, ansprechende Gedichte aus Buchtiteln zu gestalten und ggf. zu fotografieren. Da ich mit diesem Testlauf grundsätzlich zufrieden war, wartete ich dann auf eine Schülergruppe, mit der sich die Idee umsetzen ließ.

 
Projektentwicklung:
Im 2. Halbjahr des Schuljahres 2010/2011 war es dann soweit: Vierzehn Schülerinnen und fünf Schüler hatten sich unter den Angeboten aus dem verpflichtenden Ergänzungsunterricht mit ihrem Erstwunsch für die Leselust-AG entschieden. Diese AG betreut die Schülerbücherei und führt Projekte durch, die Bücher und Lesen in unserem Schulalltag „sichtbar“ machen. Zusätzlich arbeitete eine der Referendarinnen an unserer Schule in dieser Gruppe mit, da sie sich über ihren Unterricht hinaus für ein Schulprojekt engagieren wollte, das ihrer Interessenlage entsprach.
Nachdem sich die Gruppe gefunden und auch schon an einem anderen Projekt engagiert gearbeitet hatte, erzählte ich nach den Weihnachtsferien von den Bildern von Carol Sawyer, die mich vor ein paar Jahren so begeistert hatten. Die SuS sahen sich ein Foto mit einem von Carol Sawyers „Book Stack Poems“ an und wir sprachen darüber, welche Herausforderungen vor uns ständen, wenn wir solche Buchrückengedichte in der Stadtbücherei Kleve selbst gestalten würden.
Meine Kollegin Frau Schoofs und die SuS waren Feuer und Flamme und wollten sich gerne an dieser Aufgabe versuchen. Es ist mir ein Anliegen mit den SuS der Leselust-AG nur solche Projekte zu starten, hinter denen sie auch wirklich stehen.
Die SuS waren nach eigener Aussage vor allem deswegen begeistert, weil es ihnen Spaß machte, die Schule für das Projekt zu verlassen und an einem außerschulischen Lernstandort arbeiten zu dürfen.
In den folgenden Wochen arbeiteten die SuS intensiv an „ihren“ Gedichten und nachdem wir den Fotografen Michael Nowak (Ehemann einer Kollegin an unserer Schule) für unser Projekt begeistern konnten, entstanden auch gut lesbare und qualitativ hochwertige Bilder von den Buchrückengedichten.
Die SuS arbeiteten in der Regel in Gruppen von zwei bis vier SuS zusammen und vielen gelang es, pro Doppelstunde in ihrer Gruppe jeweils ein Gedicht aus ausgewählten Buchtiteln zu entwickeln, einen Bücherstapel zu gestalten und zum Fotografieren vor die Kamera zu bringen.
Frau Schoofs und ich standen in dieser Zeit den SuS vor allem beratend und motivierend zur Verfügung. Es war unglaublich spannend, die SuS bei ihrer künstlerisch-literarischen Arbeit zu beobachten. Themen wurden diskutiert und festgelegt, nach entsprechenden Buchtiteln wurde gesucht, die Aussagen der Gedichte hinterfragt, Buchtitel verworfen und neu integriert. Waren die SuS mit dem Wortlaut ihrer Gedichte einverstanden, kamen sie immer mal wieder zu uns Lehrerinnen, um sich Zustimmung oder Beratung abzuholen. Dabei entspannen sich dann auch mit uns Diskussionen, die manchmal noch zu einer Veränderung des Gedichts führten (Buchtitel wurden noch einmal in ihrer Reihenfolge vertauscht oder ein Titel wurde weggelassen), in der Regel blieben die SuS aber bei ihrer Version und ließen sich durch unsere Vorschläge und Kritik nicht beirren. Manchmal wurden dem Fotografen aber auch zwei Versionen eines Büchergedichts präsentiert und die Auswahl sollte erst viel später - beim Betrachten der Bilder - erfolgen.
Nach der verhängnisvollen Atomkatastrophe in Fukushima/Japan haben wir unsere SuS am Montag, dem 14.03.2011 erstmalig und einmalig eine Thematik für ihre Gedichte vorgegeben. Sie sollten sich in ihren Gedichten mit der Atom- und Umweltkatastrophe in Japan und dem ganzen ostasiatischen Raum auseinandersetzen. Mehr Vorgaben haben wir nicht gemacht. Die SuS haben dazu - gemessen an ihrer Altersstufe - sehr tiefgründige Gedichte entwickelt, die sicherlich dazu beigetragen haben, sich intensiver mit den Ereignissen auseinanderzusetzen, als es z. B. so manches Unterrichtsgespräch geschafft hätte. Interessant war allerdings, dass sie schon an diesem Nachmittag danach fragten, ob sie denn in der nächsten Woche wieder ihre eigenen Themen bearbeiten dürfen, was wir selbstverständlich zusagten. Nachdem die SuS ein paar Wochen später alle Gedichte als Bilder sahen, besprachen und ggf. farblich bearbeiteten, waren sie aber gerade von den Japan-Bildern tief beeindruckt und sehr stolz auf ihre Ergebnisse.
Nach den Osterferien ist Michael Nowak dann mit seiner Computerausstattung in die Schule gekommen und wir haben uns alle gemeinsam die über 50 Buchrückengedichte angeschaut und sie besprochen. Nicht jedes einzelne Gedicht wurde intensiv besprochen, aber es wurden doch etliche diskutiert. Die Gespräche gestalteten sich sehr intensiv, da die Erwachsenen oft andere Lieblingsbilder als die SuS hatten und dadurch die Diskussion um Gehalt und Aussagekraft sehr engagiert geführt wurde.
Darüber hinaus wurden wir vom Fotografen Michael Nowak in die Geheimnisse der Bildbearbeitung eingeführt und alle waren begeistert davon, wie sehr sich die Bilder und folglich die verdichteten Texte intensivierten, nachdem schwarz-weiß Versionen der Bilder mit einzeln verbliebenen Farbakzenten entstanden. Wichtig scheint mir an dieser Stelle die Information, dass Farbe zwar entfernt wurde, dass aber verbliebene Farbanteile stets den Originaltiteln entsprachen und nicht zusätzlich farblich verändert wurden.
Dieser technische Aspekt begeisterte vor allem die fünf Jungen in unserer Gruppe und ein oder zwei Mädchen, so dass in dieser Phase zwei Arbeitsgruppen entstanden. Eine Gruppe setzte ich damit auseinander, welche Gestaltung besonders wirkungsvoll sein könnte, während die anderen den Inhalt der Gedichte leidenschaftlich interpretierte, wobei plötzlich deutlich wurde, dass auch der Bücherstapel an sich wichtig wurde und nicht nur die Buchrücken, die die Textzeilen bildeten.
Erst im neuen Schuljahr haben wir eine Möglichkeit entwickelt, wie wir unsere Gedichte einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen konnten.
Der bundesweite Vorlesetag (18.11.11) war ein willkommener Anlass, um an unserer Schule eine ganze Vorlesewoche zu gestalten. Den Einstieg in diese Woche bildete eine große Vorleseaktion aller Kolleginnen und Kollegen, die allen ca. 630 SuS unserer Schule nach dem Zufallsprinzip drei kurze Lesungen von ca. 25 Minuten boten. Darüber hinaus wurde in den beiden letzten Stunden dieses Schultages die Ausstellung „Bücher …? Ein Gedicht!“ mit geladenen Gästen (Eltern der Klassenpflegschaften, Eltern der beteiligten Schüler, einige Pressevertreter, Unterstützer des Projekts und die fünf Vorlesepaten für jeden Tag der Vorlesewoche) eröffnet. Die beteiligten SuS hatten die Ausstellung vorher intensiv vorbereitet: Es wurden die vorzustellenden Buchrückengedichte ausgewählt und endgültig farblich gestaltet, die Bilder wurden zur Druckerei gebracht: 12 Bilder auf Hartschaumplatten (Format 40 cm x 80 cm) und 2 Bilder auf Stoffbahnen (Format 270 cm x 90 cm), die als Banner die Bühne einrahmen würden. Nachdem die Druckerzeugnisse in unseren Händen lagen, wurden die Gedichte im Forum auf Staffeleien so gruppiert, dass sich gewisse Sinneinheiten ergaben. Darüber hinaus wurden die Glasfronten unseres Forums mit Büchern gestaltet, über deren Buchcover Sprüche zum Thema „Lesen und Bücher“ wie Umschläge gelegt wurden. Dies alles wurde am Sonntagnachmittag und -abend in einer mehrstündigen Aktion der beteiligten SuS liebevoll und mit großem Engagement vorbereitet.
Kurz vor Beginn der Ausstellung hatte sich jede/r der beteiligten SuS ein Buchrückengedicht genommen, um dieses in der Hand zu halten, während sie sich selbst bei den geladenen Gästen vorstellen würden. Auf diese Weise lag der Fokus der Gäste zunächst auf der Bühne bei den SuS und deren Gedichten und wurde nicht schon von den ausgestellten Exponaten abgelenkt. Am Ende der Vorstellung stellte jede/r SuS das jeweilige Gedicht auf die entsprechenden Staffeleien und blieb in der Nähe, um für Fragen und Kommentare der Ausstellungsbesucher zur Verfügung zu stehen.
Zu erwähnen ist noch, dass zwischen den Fotos der Buchrückengedichte auf Präsentationssäulen noch weitere Bücherstapel mit Gedichten aus Büchern unserer Schülerbücherei gebildet worden waren, um den Besuchern den Prozess von der Entstehung der Buchrückengedichte bis zu ihrer Ausstellung im Forum erläutern zu können.
 
Besonderheiten:
Das Besondere an diesem Projekt ist die genial einfache Idee in Verbindung mit unglaublichen Gestaltungs- und Anwendungsmöglichkeiten. Die Technik der Buchrückengedichte kann auf vielfältige Weise immer wieder neu umgesetzt werden.
Sobald die SuS das grundlegende Gestaltungsprinzip verstanden hatten und mit Begriffen wie Gehalt und Aussage eines Gedichts (also der verdichteten Sprache) etwas anfangen konnten, d. h. sie in der Lage waren, diese Aspekte mit Leben zu füllen, entstanden Gedichte, die sich - im wahrsten Sinne des Wortes - sehen lassen konnten.
Spannend ist, dass mit der Technik der Buchrückengedichte so zahlreiche künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen werden. In unserem Fall haben die SuS ihre Themen und die jeweilige Aussage stets selbst gewählt (mit Ausnahme der Japan-Gedichte). Es ist aber auch denkbar, diese Technik anzuwenden, um sich bestimmten Autoren, anderen Künstlern oder einer bestimmten Thematik anzunähern. Darüber hinaus können SuS mit Hilfe eines Buchrückengedichts auch sich selbst darstellen oder andere Menschen in ihrer Umgebung vorstellen (Klassenkameraden, andere Künstler, selbst gewählte Idole, …). Ebenso eignet sich diese Technik wunderbar, um mit (moderner) Lyrik allgemein vertraut zu werden. Die Beschränkung der Textzeilen durch die Buchtitel und die Formgebung durch das Stapeln von Büchern, lässt SuS - wie von selbst - Sprache und Form miteinander in Verbindung bringen. Gewollter Ausdruck und mögliche Interpretation fließen in die Gestaltungsgedanken mit ein und lassen die Diskussionen über die entstandenen Produkte besonders lebhaft und fruchtbar werden. Hat man sich erst mit dieser künstlerischen Darstellungsweise vertraut gemacht, sind Themen und Motiven kaum Grenzen gesetzt. Sobald der kreative Funke übergesprungen ist, entsteht ein ganzes Feuerwerk an Ideen!

Im Rahmen von Schule hat diese Methode noch einen weiteren positiven Nutzen. Es ist möglich, mit SuS in eine Bücherei zu gehen und sie mit diesem Kulturangebot vertraut zu machen, ohne den Aufbau einer Bücherei und die Büchersuche thematisiert zu haben. Durch den Arbeitsauftrag erschließen sich SuS alle Angebote einer Bücherei völlig von selbst. Der „Schubs ins kalte Wasser“ wirkt hier Wunder, denn alle sich ergebenden Fragen werden von den SuS selbsttätig gelöst, ohne dass lange Vorreden von Seiten der Lehrkraft oder vom Büchereipersonal vonnöten sind.
Meiner Überzeugung nach würde dies auch mit deutlich jüngeren SuS gelingen, sodass Buchrückengedichte auch schon von ganz jungen Künstlern gestaltet werden können. Dass die SuS dabei wie von selbst ans Lesen kommen und immer wieder literarische Leckerbissen entdecken, mit denen sie plötzlich zwischen den Regalen an Ort und Stelle dem Lesen verfallen (und damit den eigentlichen Auftrag vorübergehend aus den Augen verlieren) ist die „Sahne auf der Torte“, während ein Buchrückengedicht in der Entwicklungs- und Gestaltungsphase steckt. Man möchte die Fingerspitzen an die Lippen führen und schwelgend ausrufen: „Bücher…? - Ein Gedicht!

 
Probleme und Lösungen:
Besondere Probleme sind bei diesem Projekt eigentlich nicht aufgetreten. Da wir unsere Bücherstapel fotografieren wollten, um durch die Bilder dauerhafte Ergebnisse unserer Arbeit zu erhalten, musste jemand gefunden werden, dem es möglich ist, Bücherstapel auch von 50 oder 60 cm Höhe zu fotografieren und zwar so, dass die Buchtitel entsprechend scharf und leserlich sind. Mit einem Fotografen wie Michael Nowak an unserer Seite und seiner entsprechenden Fotoausrüstung war das natürlich kein Problem. Allerdings verfügen auch Schüler schon häufig über gute Fotoausrüstungen und/oder haben Kenntnisse in der Fotobearbeitung, um mit Schärfe und Farbgebung zu arbeiten. Darüber hinaus ist der Gestaltungsprozess nicht von der Fotografie abhängig. Denkbar ist es auch, Stapel mit Buchrückengedichten zu kreieren und diese z. B. als ganze Stapel auszustellen oder sie vor Ort zu betrachten und zu besprechen. Das künstlerische Ergebnis in seiner zeitlichen Existenz zu begrenzen, kann schließlich ein weiterer Aspekt bei Gestaltung und Wahrnehmung sein.

Eine Herausforderung bei diesem Projekt war, die SuS dabei zu begleiten, dass sie sich für den Gestaltungsprozess genug Zeit nahmen. Zunächst stand natürlich der Wunsch im Vordergrund, möglichst schnell ein Gedicht zusammenzustellen und „die Aufgabe zu erledigen“. Dabei kann es passieren, dass die so entstandenen Gedichte zu wenig Spielraum lassen, damit ein Betrachter/Leser seine eigenen Gedanken und Erfahrungen einbringen kann. Die SuS mussten erst lernen, diesen „Raum zwischen den Zeilen“ zu lassen. Sie mussten aber auch erkennen, dass dieser „Raum“ nur dann existieren kann, wenn sie sich selbst etwas bei der Gestaltung gedacht haben, das Gedicht also "Gehalt" hat.
Auf der anderen Seite konnte es passieren, dass Gedichte völlig überfrachtet waren und mit nur einem Gedicht gleich mehrere Themen wie z. B. Liebeskummer, Magersucht und Mobbing angesprochen werden sollten. Hier mussten die SuS erkennen, dass der Betrachter „Luft zum Atmen“ braucht und dass weniger mehr ist. Ein Problem war das allerdings nicht, denn das sind meiner Meinung nach ganz natürliche Prozesse beim Gestalten von Kunst.

 
Anekdotisches:
Hier nur ein eindrückliches Ereignis auszuwählen fällt schwer. Bei den beteiligten Erwachsenen (den Lehrern, dem Fotografen, dem Büchereipersonal) hat es einen bleibenden (!) Eindruck hinterlassen, mit welcher Intensität die SuS an den Buchrückengedichten und den Bücherstapeln gearbeitet haben.

Textzeilen von „Hinterhältig“

Falsche Opfer
Einer von ihnen
Kunterbunte Klamotten
Der Verfolger
Starr vor Angst
Hinterhältig
Lass uns einfach Feinde bleiben
Mörderisches Klassentreffen
Erbarmen
Mich übersieht keiner mehr

Jule und Kira haben das Buchrückengedicht wie folgt kommentiert:
Es geht ums Thema „Mobbing“. Durch den chaotischen Stapel fühlt man die Unruhe des Opfers. Das Leben des Betroffenen ist meist chaotisch und nicht harmonisch. Es ist aus der Perspektive des Opfers „geschrieben“. Durch den letzten Buchtitel „Mich übersieht keiner mehr“ kommt stark zum Ausdruck, dass betroffene Leute mit ihrer Persönlichkeit selber klar kommen können und dass sie durch schlechte Erfahrungen stärker werden und darüber stehen können.


Aileen hat über ein anderes Buchrückengedicht gesagt: „Man kann auch sehen, dass die Beziehung, um die es hier geht, wahrscheinlich nicht halten wird, weil die Bücher unten so wackelig gestapelt sind."


Auf die Frage, warum den Schülerinnen und Schülern das Projekt gefällt, wurde gesagt:
„Wir sind in der Bücherei und nicht in der Schule - das macht Spaß!“
„Wir können hier Texte zusammenstellen mit Themen, die uns wichtig sind! Wir entscheiden das und nicht die Lehrer!“
„Hier sind so viele Bücher, die ich gerne lesen möchte!“