Tanzmaschine
Schule:
Körnerschule:
Wiener Straße 3
27568 Bremerhaven
Tel: 0471/3000171


Ganztagsschule, Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Orientierungsstufe
 
Kooperationspartner:
Historisches Museum Bremerhaven, Morgensternmuseum
An der Geeste
27570 Bremerhaven
Tel.:0471/308160
Fax:0471/5902700
Internet: http://www.historisches-museum-bremerhaven.de
 
Beteiligte Schüler:
43
43 Schüler, zusammengesetzt aus einer 5. OS-Klasse und einer 10. Gymnasialklasse. Diese Klassen waren ursprünglich für das Projekt vorgesehen. Durch Eigeninitiative kamen nach ca. einem Monat die Mädchen der 10. Parallelklasse Realschule dazu.

 
Beteiligte Lehrkräfte:
Insgesamt waren 4 Lehrkräfte beteiligt mit den Fächern: Französisch, Kunst, Deutsch, Geschichte, Englisch, Tanzpädagogik, Museumspädagogik
 
Stundenvolumen:
Gesamtprojektlaufzeit: Nach einer intensiven Planungs- und Vorbereitungsphase (Dr. Hergesell, Frau Hanfgarn) wurde ein Schulhalbjahr lang pro Woche ca. zwei Schulstunden tänzerisch/choreografisch und zwei Schulstunden inhaltlich gearbeitet. Dazu kommen drei Museumsbesuche, zwei Projekttage, Generalprobe und drei Vorstellungen.
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Die Initiierung des Projekts wurde dadurch erleichtert, dass in Bremerhaven das soeben gegründete tanzpädagogische Projekt Schultanz (TAPST) bestand, das zum Ziel hat, „aktive Bühnenkünstler als Vermittler künstlerischer Gestaltungsprozesse in Schulen aktiv werden zu lassen.“ Dieses Projekt wird von der Dipl.-Tanzpädagogin und Tänzerin Claudia Hanfgarn in einer städtischen Schule im sozialen Brennpunkt Bremerhavens geleitet, als eine Art Tauschgeschäft zwischen der Künstlerin und der Stadt/dem Magistrat Bremerhaven; Die Künstlerin bekommt als städtische Angestellte die Möglichkeit, ihre künstlerischen Produktionen planungssicher zu verwirklichen und bietet im Gegenzug städtischen Institutionen, das heißt Kindergärten, Schulen und Lehrer, professionelle Unterstützung in Sachen Tanz und Theater an.
TAPST hatte das Interesse des Museumspädagogen des hist. Museums, Dr. Burkhard Hergesell, geweckt und im Frühjahr 2001 stellte er den ersten Kontakt her. Nach dem Gespräch entstand das Konzept eines Stationenparcours im Ausstellungsbereich des Museums und einer choreografischen Szenenfolge im Veranstaltungssaal. Vor den Sommerferien stand die Körnerschule mit einer fünften und zehnten Klasse als Partner fest.

In vielen Museen ist der Raum eigentlich viel zu begrenzt, als dass er sich für öffentliche Tanzaufführungen mit großen Besucherzahlen eignen würde. Die räumliche Situation im Historischen Museum Bremerhaven macht hier keine Ausnahme.
So wurde der Ablauf des Vorstellungsabends maßgeblich und durchaus positiv durch, mit und von den räumlichen Gegebenheiten des Museums bestimmt. Nach einem gemeinsamen Beginn mit allen Fünftklässlern wurde das Publikum in Gruppen á 12-15 Personen von Schülern der zehnten Klasse durch das Museum von Station zu Station geführt. Die Tanzszenen wurden alle direkt neben den ausgewählten Objekten und Inszenierungen aufgeführt, so dass die angestrebte assoziative Kommunikation zwischen Tänzer und historischem Objekt für die Besucher möglich war. Die Tänze stellten also eine Kommentierung und lebendige Erweiterung der Objekte und historischen Szenen dar.
Dies bedeutete für die Kinder der 5. Klasse, dass sie im Unterschied zu den Jugendlichen der 10. Klasse ihre Tänze fünfmal aufführen würden. So durfte jeder Tanz die Dauer von 3 Minuten nicht wesentlich überschreiten. Nach Besuch der insgesamt fünf Stationen, sammelten sich alle Besucher im Veranstaltungsraum, in dem sie von einigen Zehntklässlern in Kostüm und Maske empfangen wurden. Die Schüler stellten dabei Auswanderer dar und verwickelten die Zuschauer in persönliche Gespräche über ihren selbsterdachten Lebenslauf und führten diese so in die Thematik der abschließenden Szenenfolge ein.

Während des gesamten Produktionsprozesses der „TANZMASCHINE“ gab es eine Auseinandersetzung mit den historischen Objekten und Themen, die man ausgewählt hatte und tänzerisch umzusetzen versuchte.
Wichtig war den Initiatoren auch eine möglichst professionelle Darbietung in außerschulischem Rahmen. Dies beinhaltete unter anderem „richtige“ Kostüme, Maske (Schminke), Kleine Geschenke zur Premiere, Aufwärmtraining etc.

 
Projektauslöser/Idee:
Hinter der Initiierung eines Tanzprojekts stand seitens der Museumspädagogik die Idee, dass es möglich sein muss, sowohl Kindern wie auch Jugendlichen die Themen Stadtgeschichte, Sozialgeschichte und die Bedeutung technischer Objekte mittels Tanz sinnlicher, vergnüglicher und auch emotionaler als in einer üblichen Museumsführung oder –rallye nahe zu bringen, als auch Zuschauern eine andere Form der assoziativen Kommunikation über den Tanz mit den ausgestellten Objekten zu ermöglichen. Zentrale Zielsetzung dabei war, Kinder und Jugendliche zu aktiven Mitgestaltern dieses Prozesses werden zu lassen und nicht zu passiven Geschichtskonsumenten. Kinder sollten über Tanz und historische Ausstellungsstücke nicht nur eine Beziehung zur Stadtgeschichte Bremerhavens, sondern auch zu einem städtischen Museum und zu dieser Form künstlerischen Arbeitens aufbauen.

In der konzeptionellen Weiterentwicklung entstand der Wunsch die statische Welt des Museums aufzubrechen und Stadtgeschichte individuell erlebbar zu machen. Viele Exponate im Museum boten sich an, durch eine kurze Tanztheater-Szene in einen umfassenden Zusammenhang deutlich zu werden. Die Besucher kommunizieren mit den Objekten, diesmal kommunizieren auch die Objekte mit dem Besucher.

Das Musikkonzept zum Thema Auswanderung sah vor, Musik mit einem Bezug zu verschiedenen Ländern auszuwählen: russische Folklore, finnische Folklore, englische Popmusik. Dadurch wurde der ethnische Faktor und der Aspekt Fremdheit verstärkt.

 
Projektentwicklung:
Nach den ersten Gesprächen im April 2001 lag im Mai 2001 das Konzept vor. Mit Beginn des neuen Schuljahres im August begann die inhaltliche und praktische Arbeit mit den Schülern. Das Projekt begann für die 5. Klasse mit einem ersten Besuch im Museum und einer Museumsführung. Dabei wählten die Kinder ihre „tanzbaren“ Objekte selber aus. Ihr Auswahlkriterium war nicht die tänzerischen Möglichkeiten, die ein Objekt zu bietet, sondern die Faszination, die vom jeweiligen Objekt oder der Inszenierung einer historischen Situation ausgeht. Diese Objekte hatten für sie eine Aura oder waren von besonderem Interesse, was für Pädagogen nicht in jedem Fall nachvollziehbar war. Aus diesem Grunde war nicht vorauszusehen was oder wie man das jeweilige Objekt tanzen könnte. „Am Anfang hat man nichts“, ist Claudia Hanfgarns knappe Umschreibung des künstlerischen Entstehungsprozesses. Nach der Objektauswahl wurde ein erstes Brainstorming durchgeführt und kleine Szenen erfunden, die im Verlauf der Recherchen gemeinsam weiter entwickelt wurden.
Die zehnte Klasse beschäftigte sich im Rahmen des 175jährigen Stadtjubiläums mit dem in Bremerhaven erstrangigen historischem Thema der Auswanderung. Diesen Gegenstand aufzugreifen schien auch aus anderen Gründen geeignet zu sein: durch den hohen Ausländeranteil in der Klasse und Schule ist Fremdsein ein persönliches Gefühl und Alltagserfahrungen. Die Jugendlichen stehen am Ende der zehnten Klasse zudem durch das Verlassen ihrer Schule selbst vor der „Auswanderung aus ihrer Jugend“ in die Erwachsenenwelt. Dieser historischen und persönlichen Gemengelage galt es im Tanz Ausdruck zu verleihen.
Die Jugendlichen der 10. Klasse lernten während des Projekts den gesamten komplexen Prozess der Planung, Vorbereitung, Produktion und Organisation einer Aufführung kennen. So waren einige für die Herstellung eines Programmheftes verantwortlich, andere für einen Pressetext. Die Jugendlichen planten und organisierten den Ablauf der gesamten Veranstaltung mit.
Anfang Februar fanden die drei Vorstellungen im historischen Museum statt.
 
Besonderheiten:
Tanz ist eine sehr alte Kulturtechnik, ein Urphänomen, spielt aber heute in unserem Kulturkreis eine untergeordnete Rolle. Der Körper als Ausdrucksmittel, Tanz als Ausdrucksform der Persönlichkeit findet bestenfalls in der HipHop-Szene Respekt und Achtung. Schulpädagogik ist normalerweise am sachlichen Inhalt und kognitiven Leistungen interessiert. Es geht um Zahlen, Daten, Fakten und Begriffe, die von vorneherein feststehen. Ergebnisoffenes Selbermachen, formen und gestalten sowie die Entwicklung von vielen verschiedenen Möglichkeiten und kreativen Lösungen, bedeutet Hirn und Herz in anderer Weise in Bewegung zu bringen.
Die Sprache des Körpers und des Tanzen kennen lernen heißt, sich selbst weniger fremd sein. Tanz lebt aus der konkreten, direkten und momentanen körperlichen Bewegung. Diese mitzugestalten und vor allem zuverlässig wiederholbar zu machen bedeutet Teamarbeit und Disziplin. Indem die Schüler mit ihrem Körper, ihrer Idee, Mitgestaltung und Seele den Exponaten und Räumen zu Leben und Bewegung verhalfen, erfuhren sie sich selbst tanzend als ganzer Mensch, der Zeit, Raum und Kraft strukturiert und verändert.
Die „TANZMASCHINE“ hatte dadurch für alle Schüler eine starke emotionale Qualität und wirkte sich sehr positiv auf ihr Selbstwertgefühl aus.
Die Kinder und Jugendlichen lernten zudem, dass Kultur etwas Geschaffenes ist und nicht etwas, das man einfach vorfindet. Kultur zu schaffen kann ein mühevoller aber auch lustvoller Prozess sein und Kultur zu schaffen kann man lernen.
Ganz nebenbei entsteht Respekt vor kultureller Arbeit.

Unter sinnlicher Aneignung eines Gegenstandes im engeren Verständnis wird in der Museumspädagogik die Wahrnehmung über anfassen und fühlen, riechen, schmecken und hören verstanden, über das „Hand’s On“. Im Verlauf des Tanzprojekts wurde deutlich, dass der Begriff der sinnlichen Aneignung eines Themas erweitert werden muss.
Es ging im Projekt „Tanzmaschine“ um die Erprobung der „sinnlichen Aneignung“ historischer Objekte in diesem weiten Sinne. Tanzen sehen wir ebenfalls als eine sinnliche Form der Aneignung an, als „Mind’s On“.
Eine weitere Besonderheit ist die Herkunft der Schüler. In einem sozialen Brennpunkt der ohnehin durch eine tiefgreifende Strukturkrise gebeutelten Stadt Bremerhaven gelegen, hat die Körnerschule mit all den Problemen zu kämpfen, die solche Schulen gemeinhin haben: hoher Migrantenanteil, vernachlässigte Kinder, kaum kulturelle Vorbildung seitens des Elternhauses usw. Durch die Aufführungen wurde das Museum vielen Bremerhavener/innen näher gebracht: „Kann man denn auch so hier hergehen?“ war die Frage einer Frau, die ihres Sohnes wegen zur Aufführung kam. Für viele Menschen wurde der Zugang zum Museum intensiviert und Schwellenangst abgebaut.
Eine Video-Onlinedokumentation finden sie unter:
http://hanfgarn.de/Tanzmaschine.wmv
Eine gelungene Dokumentation durch die Schüler (mit vielen Fotos) können Sie hier herunterladen http://www.hanfgarn.de/Tanzmaschine.pdf

 
Probleme und Lösungen:
Unmittelbar nach dem ersten Besuch wurde noch im Foyer des Museums vom Geschichtslehrer der Versuch unternommen, von den Schülerinnen und Schülern ein erstes Feedback zur Idee eines Tanzprojekts zum Thema Auswanderung zu bekommen oder eine Diskussion anzuregen. Das Ergebnis dieses Versuchs war für alle eher deprimierend. Die Klasse schien negativ eingestellt zu sein. Es herrschte weitgehend Schweigen vor, das von den beteiligten Pädagogen unterschiedlich entweder als Überforderung oder Desinteresse interpretiert wurde. Insbesondere bei den männlichen Jugendlichen gab es versteckte Aggressivität und Ablehnung. Bei einem späteren Besuch stellte sich heraus, dass die Jugendlichen glaubten, in Ballettröckchen im Museum tanzen zu müssen. Erst in der gemeinsamen Arbeit lernten sie aber, dass es ganz verschiedene Formen des modernen Tanzes gibt.
Männer und Tanz haben ein problematisches Verhältnis in der deutschen Kultur. Tanz gilt als weiblich oder gar schwul unter Männern und männlichen Jugendlichen. Über den Umweg einer choreographierten Prügelszene gelang es erste Hemmschwellen und Blockaden zu überwinden. Weitere Hemmschwellen gab es, da die Schüler es nicht gewohnt waren ihren Ideen zu vertrauen und körperlich Ausdruck zu verleihen. In einem langwierigen Prozess, begleitet von einigen „Hochs“ und vielen „Tiefs“, konnte die ständige Angst sich zu blamieren auf ein Minimum reduziert werden. Die positiven abschließenden Kommentare und die Nachfragen nach Folgeprojekten seitens der männlichen Jugendlichen, entschädigte für manche schlaflose Nacht.
Die Integration in den Schulalltag fiel in der fünften Klasse leichter, als in der zehnten Klasse. Die Klassenlehrerin der 5c stand ein deutlich höheres Unterrichtszeitvolumen zur Verfügung, wodurch eine kontinuierliche Arbeit möglich war. In der zehnten Klasse musste Fachunterricht ausfallen, jede Woche galt es zu klären welcher Kollege Zeit für das Projekt zur Verfügung stellt. Eine Integration in die einzelnen Fachunterrichte war nicht möglich, denn die entsprechenden Fachlehrer überwanden ihre Skepsis erst während der Vorstellungsbesuche. Die Kritik verstummte erst als offensichtlich wurde, dass in der „TANZMASCHINE“ mehr als „Rumgehopse“ stattfand. Tanz und die Suche nach tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten ist harte Arbeit, zudem erforderte das Projekt auch eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen der Fächer Kunst, Geschichte und Sozialkunde (z.B. konkrete, historisch korrekte Lebensläufe der dargestellten Auswanderer)

Die Museumsleitung stand der „TANZMASCHINE“ zunächst sehr skeptisch gegenüber, da sie die Hauptaufgabe des Museums im Sichern und Bewahren historischen Kulturguts sehen. Den Kindern musste der besondere Wert und die Bedeutung der Exponate anschaulich erläutert werden, einige Bilder und Gegenstände mussten eigens für die Proben und Aufführungen entfernt werden. Das Ergebnis überzeugte die Museumsleitung und die Befürchtungen lösten sich in Wohlgefallen auf.
 
Anekdotisches:
Zitate:
„So was erlebe ich nur einmal im Leben!“ (Christina Timmermann, 10. Klasse)

„Das war ja viel besser als eine Klassenfahrt!“(Laura Johansson, 10. Klasse)

„Hallo Claudia wir wollten uns nur noch mal für alles bedanken, und sagen das uns das Projekt viel Spaß gemacht hat. Das war ein tolles Ereignis, das wir nie vergessen werden!
Wir wünschen dir noch viel Glück für die Zukunft.“ (Eintrag ins Gästebuch www.hanfgarn.de von Britta Falck, Jamie Markmann, Claudia Hering, alle 10. Klasse)

„Liebe Claudia! Es ist sehr toll was du mit uns gemacht hast, sie sind sehr sehr nett. Ich habe mich sehr gefreut, als ich erfahren habe, dass wir ein Projekt mit ihnen machen. Ich dachte auch, dass die Großen uns ärgern, aber die waren nett. Das lag bestimmt an ihnen. Auf jeden Fall macht es mit ihnen Spaß. Ich bin traurig wenn alles vorbei ist. (Brief von Rene Eder, 5. Klasse)

Danke, Danke, Danke
(Danke für die Rosen
Danke für die Herzen
Danke für die Liebe
Danke für die Tanzen die du uns gibst
Danke Claudia
Deine Catia
(Brief von Catia Risiero, 5. Klasse)