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"Utopia" - wie Ayleen sie sich vorstellt (Foto: Liebau '06)
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Klasse 2a lauscht und träumt (Foto: Boyer '05)
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Moritz' Skizze: Ich würde gerne ein Fuchs sein (Foto: Liebau '06)
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Victoria: Fliegen - aber nicht zu anderen Planeten (Foto: Liebau '06)
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Victor - gräbt trotz Unwetter einen Dinosaurier aus (Foto: Liebau '06)
Lieblingswunschträume - Private Utopien
Schule:
Grundschule an der Freiligrathstraße Bremen
Freiligrathstr. 11
28211 Bremen
Telefon: 0421 - 3613269


Grundschule
 
Kooperationspartner:
Maja Maria Liebau (Initiatorin, Projektarbeit und Filmregie)
multidisziplinäre Künstlerin (Bildende Kunst, Video, Texte, Performance, Tanz) und Diplom-Theaterwissenschaftlerin

Peter Roloff (Kamera und Filmproduktion)
Filmautor und Produzent „maxim film“ (Bremen und Berlin),
Mitveranstalter und Initiator des „Inselkongress 2005 – Ausflug in die Utopien“

„maxim film“
Chausseestr. 17
10115 Berlin
Telefon: +49 30 30 87 24 78
Fax: +49 30 30 87 24 79

www.maxim-film.de
www.sommer-republik.de

 
Beteiligte Schüler:
Im Projekt 23 (im Film leider nur 21) Kinder
Alle Kinder der Klasse 2a (2005)
 
Beteiligte Lehrkräfte:
1. Fachlehrerin Kunst (und Französisch)2. Klassenlehrerin (u.a. Deutsch)
 
Stundenvolumen:
Projektarbeit in der Schule:
Im Schnitt 3 Wochenstunden über 2 Monate (darin eingerechnet Einzelgespräche mit allen beteiligten Kindern sowie 2 komplette Vormittage für Filmarbeiten).

Filmische Bearbeitung / Schnitt / Kopien:
5 randvolle Arbeitstage bei „maxim film“

 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Utopien wohnen immer im Raum zwischen ‚möglich’ und ‚unmöglich’, und sie liegen in der Zukunft. Kinder haben ‚ganz privat’ einen natürlichen Zugang zu diesem Raum. Mit dem Projekt haben wir versucht, sie dorthin zu begleiten, uns dort zu ‚bewegen’ und etwas von dort – in Form eines Films – in die (auch ‚erwachsene’) Welt mitzubringen.

21 Sieben- und Achtjährige haben in mehrmonatiger Projektarbeit ihre ‚privaten Utopien’ erträumt, gezeichnet, beschrieben, in großen farbigen Bildern dargestellt, miteinander besprochen – und uns schließlich diese ihre ‚Lieblingswunschträume’ in ‚Portraitaufnahme’ vor der Kamera erzählt. Unsere Helferin und Begleiterin ‚unterwegs’ in diesem Projekt war die unsichtbare ‚Utopia’, die den Kindern Briefe schickte, in der ‚Wunschkiste’ die ‚privaten’ Skizzen, Beschreibungen und Bilder der Kinder behütete und schließlich den Kameramann Peter als ‚Lieblingswunschtraum-Sammler’ zu unseren Treffen in die Schule schickte...

Die Suche der Kinder nach einem Ausdruck ihrer persönlichen Wünsche und Fantasien war bei unserer Arbeit gleichermaßen Weg wie Ziel: unterwegs zu den eigenen Inhalten, Formen, Farben und Worten bewegen wir uns alle in vieler Hinsicht unwillkürlich zwischen ‚möglich’ und ‚unmöglich’. Was die Kinder uns und einander letztlich auf den von ihnen gemalten Bildern zeigen oder nicht zeigen, und was sie im Film wie sagen oder nicht sagen, erzählt uns in jedem Falle etwas vom Wesen ihrer ‚privaten Utopien’.

Das Projekt fand im Frühjahr 2005 im Rahmen des Kunst- und Deutschunterrichts an der Schule statt. Rund um die ‚privaten Utopien’ haben wir in den Bereichen ‚Film’, ‚Bildende Kunst’ und ‚Deutsch’ viele kreative und soziale, sowie – schreibend, (vor-)lesend und frei formulierend – sprachliche Erfahrungen gesammelt. Im ‚spartenübergreifenden’ Umgang mit unserem philosophischen Thema haben wir die ‚Lieblingswunschträume’ gleichermaßen innerlich erkundet und ‚nach aussen’ formuliert. Wir haben oft alle gemeinsam gearbeitet, es gab aber auch für jedes Kind ein Einzelgespräch ‚abseits’ der Klasse und schließlich auch die Filmaufnahmen einzeln vor der Kamera.

Der entstandene Film „Am schönsten find’ ich alles“ (HDV, 17:00, Bremen 2005, „maxim film“) zeigt jeweils die Kinder beim Erzählen ihres ‚Lieblingswunschtraums’ und das von ihnen gemalte dazugehörige Bild. Er wurde in der Klasse gemeinsam angeschaut (und seither auch zweimal in der Öffentlichkeit gezeigt). Alle beteiligten Kinder und Erwachsenen, sowie die Schule haben eine Kopie (DVD) erhalten. Die Sammlung aller Original-Skizzen und -Bilder ist in der Projektdokumentation aufbewahrt.

 
Projektauslöser/Idee:
Die Idee und das Konzept für das Projekt stammen von Maja Maria Liebau; (als projektleitende Kooperationspartnerin der Schule beschreibe ich auch hier unsere Arbeit). Die inhaltliche Anregung geht auf die Veranstalter des „Inselkongress 2005 – Ausflug in die Utopien“ zurück, die mich zur Beteiligung einluden. Unsere Gedanken kreisten gemeinsam um die Frage nach den Utopien und verketteten sich für mich: Utopien – private Utopien – Kinder danach fragen!
 
Projektentwicklung:
Lieblingswunschträume

‚Lieblingswunschtraum’ – so lautet meine ‚Übersetzung’ des Begriffs der ‚privaten’ (!) Utopie für die Kinder. Beim ersten Treffen erzähle ich ihnen, worum es geht: „Wir alle haben ja viele verschiedene Wünsche und Träume. Heute wollen wir herausfinden, ob jeder von euch einen besonders wichtigen Lieblingswunschtraum hat. Weil man das oft selber gar nicht so gut weiß, machen wir uns mal zusammen auf die Suche. Dazu haben wir hier die Wunschkiste. Schauen wir mal, was drin ist...“

Utopia und die Wunschkiste

Ich habe eine große rote Pappschachtel mit, die Wunschkiste. Diese spielt fortan eine wichtige Rolle in unserem Projekt, sie funktioniert nämlich als eine Art Briefkasten. Ein Kind darf sie öffnen und findet darin einen ersten Brief „an die Klasse 2a der Schule an der Freiligrathstraße“ – Absender: „Utopia, die Hüterin der Wunschkiste.“ Utopia habe ich für uns erdacht als ein Geschöpf unbekannter Herkunft und Gestalt, sowie unbekannten Wohnorts. Utopia hat mich ausgewählt, um in ihrem Namen mit den Kindern der Klasse zu kommunizieren. Sie erscheint mir im Traum, unterhält sich mit mir, fragt nach den Kindern und diktiert mir bisweilen Briefe an sie...

Traumreise und Skizzen

Im ersten Brief, den ein Kind vorliest, steht die Bitte an die Kinder, jeweils einen Stift und einen der unbeschriebenen Zettel aus der Wunschkiste vor sich bereitzulegen, und dann dem zweiten Brief zu lauschen, den ich ihnen vorlese. Dieser enthält eine Traumreise, welche den Kindern ermöglicht, in Ruhe in ihre persönliche Vorstellungswelt einzutauchen, denn... „Lieblingswunschträume sind oft leise und versteckt in uns drin. Sie sind oft scheu und sie sind oft sehr geheim. Lieblingswunschträumen kann man am besten erst einmal ganz alleine begegnen.“ (Zitat aus Utopias Brief). Die Kinder erwünschen sich nach und nach beim Zuhören mit geschlossenen Augen, wo sie sind, wie es dort aussieht, was sie dort hören oder riechen, wer und was dort auch noch ist, wie alt sie dabei sind, was sie besonderes können, was genau sie gerade machen oder was dort passiert, und was dabei für sie so besonders schön ist und sie glücklich macht. Alles das mit der Betonung darauf, dass alles (!) möglich ist, auch was es in Wirklichkeit gar nicht gibt oder was gar nicht wirklich geht, und mit der Bitte, sich alles sehr gut zu merken. Zum Schluss steht die Bitte an die Kinder, das gerade ‚Erlebte’ gleich nach dem ‚Aufwachen’ auf dem bereitgelegten Wunschzettel aufzuzeichnen oder zu schreiben.

Die Kinder skizzieren und schreiben ihre Lieblingswunschträume. Wir beantworten Fragen, und betonen noch einmal besonders, dass das Kind jeweils selbst mit auf der Zeichnung und/oder der Beschreibung vorkommen soll. Die Skizzen-Zettel werden wieder in der Wunschkiste gesammelt. Kinder, die fertig sind, bekommen – leise und einzeln! – die Aufgabe, die geheimnisvolle Utopia zu malen, so wie sie sie sich vorstellen.

Vom Entwurf zum Bild

Utopia wünscht sich – per Brief im Wunschkisten-Briefkasten – von jedem Kind, dessen Lieblingswunschtraum noch genauer kennen zu lernen... und darum den eigenen Wunschzettel noch einmal gemeinsam mit mir zu betrachten und zu besprechen. Im Einzelgespräch außerhalb der Klasse frage ich nochmals jedes Kind nach allen in der Traumreise enthaltenen Aspekten. Ausgehend von der Skizze ergänzen, präzisieren und erweitern wir die jeweilige Wunschvorstellung; ich mache mir dabei Gesprächsnotizen.

Beim nächsten gemeinsamen Treffen beginnen wir die Arbeit an den farbigen Bildern mit verschiedenen Materialien auf A3-Bögen. Als Gedächtnisstütze, Vorlage und Anregung für sein Bild findet jedes Kind in der Wunschkiste die eigene Skizze und dazu einen individuellen Brief von Utopia mit Stichworten aus dem jeweiligen Einzelgespräch: „Auf deinem Zettel ist schon einiges von deinem Lieblingswunschtraum zu sehen. Und einiges hast du Maja dazu erzählt. Das sieht man noch nicht. Auf deinem großen Bild wünsche ich mir nun ALLES zu sehen, was zu deinem Lieblingswunschtraum dazu gehört...“ (Zitat aus Utopias Brief).

Die Kinder arbeiten mit Materialien und Techniken ihrer Wahl an ihren Bildern; wir unterstützen sie mit weiteren Anregungen und beantworten Fragen.

Alleine Träumen und gemeinsam Sprechen

Das Gestalten der Bilder in der Klasse ist der erste Moment, in dem die Kinder etwas mehr Gelegenheit haben, auch die Lieblingswunschträume ihrer Mitschüler genauer zu betrachten und kennen zu lernen. Der Weg vom behüteten ‚geheimen’ Lieblingswunschtraum in der Traumreise über das vertrauliche Einzelgespräch mit mir bis hin zum ‚offenen’ Arbeiten an den Bildern ist ein wesentlicher Aspekt des ganzen Projekts. Die Kinder können dabei frei von Vergleichen ihre individuellen Vorstellungen entwickeln, entfalten, vertiefen und in sich verankern. Die so gewonnene Sicherheit ermöglicht den meisten nun, sich darüber auch miteinander auszutauschen.

In der gemeinsamen Besprechung der fertig gestellten Bilder erweisen viele Kinder sich fachlich und sprachlich bereits als souveräne Spezialisten in Sachen ‚Lieblingswunschträume’. Jedes Kind bekommt Gelegenheit, sein Bild allen zu zeigen und zu erklären. Sie stellen einander präzisierende Fragen: „Sind auf deiner Insel noch andere Häuser, die man auf dem Bild nicht sieht?“; sie erkunden Unterschiede zwischen Wünschen und Realitäten: „Ist deine Schwester in echt erst ein Jahr alt?“; und sie beantworten Einwände, wie: „Das gibt es doch gar nicht“ oder: „Das geht doch gar nicht“ stets mit: „Doch, alles geht, es sind doch Wunschträume!“ Der gemeinsame Tonfall ist dabei fröhlich, aufmerksam, fair, interessiert, unterstützend und sorgfältig. Das ist nicht nur für das Miteinander ein Gewinn, sondern auch für die folgende Arbeit vor der Kamera wichtig. Alle Kinder finden Lieblingswunschträume inzwischen völlig selbstverständlich, respektieren diese in sich und bei anderen Menschen und fast alle können darüber auch sprechen.

Filmaufnahmen

Beim nächsten Treffen bereiten wir die Kinder auf die filmische Arbeit vor. Erst jetzt erfahren sie von den bevorstehenden Aufnahmen. Und zwar aus Utopias letztem Brief, in welchem sie folgendes erklärt: „Für mich wird es jetzt Zeit, von euch Abschied zu nehmen. Es gibt noch sehr viele andere Kinder, um deren Lieblingswunschträume ich mich nun kümmern muss. Aber für euch habe ich mir vorher noch etwas ausgedacht. Eure Lieblingswunschträume sind etwas ganz Besonderes und ganz Wertvolles... Damit sie nicht verloren gehen oder vergessen werden, schicke ich euch nächste Woche einen Lieblingswunschtraum-Sammler, den Peter. Peter wird seine Filmkamera mitbringen, denn die braucht er zum Lieblingswunschtraum-Sammeln ... Peter und Maja möchten den Film und die großen gemalten Bilder von euch gerne auch anderen Menschen zeigen. Denn es gibt sehr viele Menschen, für die es schön und vielleicht sogar NÖTIG ist, etwas von euren Träumen und Wünschen zu erfahren ...“ (Zitat aus Utopias Brief). Zudem schenkt Utopia den Kindern noch die rote Wunschkiste zum weiteren Gebrauch in der Klasse. Gemeinsam besprechen wir dann, warum es gut und wichtig sein könnte, Wunschträume anderer Menschen zu erfahren, auch um die Kinder in ihrer aufregenden filmischen ‚Mission’ zu ermutigen.

Nachdem die Eltern über die Aufnahmen informiert und um ihre Genehmigung dazu gebeten worden sind, veranstalten wir eine ‚Kameraschnupperstunde’. In dem Klassenraum, den wir auch für die Aufnahmen nutzen werden, installieren wir unser ‚Aufnahmestudio’ und erproben spielerisch die Situation vor der Kamera mit Peter. Auf einem großen Bildschirm können die Kinder ihre eigenen Aktionen ‚live’ sehen.

Am Drehtag ist alles so arrangiert, dass die Kinder jeweils einzeln aus ihrem Klassenzimmer ins ‚Aufnahmestudio’ kommen. Dort treffen sie auf ihre Kunstlehrerin, den Kameramann Peter und mich. Wir machen die Aufnahmen, und danach gehen die Kinder zur Betreuung in einen anderen Raum, wo sie ihre Erlebnisse austauschen können. Für die Dauer der Aufnahmen bleiben diejenigen Kinder, die schon im ‚Studio’ waren, von denjenigen getrennt, die noch auf ihren ‚Auftritt’ warten. Im Laufe eines langen Vormittags filmen wir nacheinander alle 21 Kinder.

Filmische Bearbeitung

Aus den ca. 120 Minuten aufgenommenen Materials entstand bei ‚maxim film’ in Berlin der 17 Minuten lange Film „Am schönsten find’ ich alles“. (Regie: Maja Maria Liebau, Kamera und Produktion: Peter Roloff, Schnitt: Manfred Hielscher). Bereits bei den Aufnahmen haben wir uns zu einem einheitlichen Bildformat für die sprechenden Kinder entschieden; vor allem, um ihrem mimischen Ausdruck Wirkungsraum zu geben. Zudem aber auch, um den Zuschauern später zu ermöglichen, den vielen verschiedenen Erzählungen inhaltlich zu folgen: Das schlichte, gleich bleibende Bildfenster dient gleichsam als die ‚Schnur’, auf der die ‚Perlen’ aufgefädelt werden. Wir haben die wesentliche Aussage jedes Kindes aus dessen Aufnahme herausgearbeitet und mit dem dazugehörigen Lieblingswunschtraum-Bild kombiniert. Dabei war es unser Hauptanliegen, die Beiträge aller Kinder so unterzubringen, dass sie ebenso jeder für sich, wie auch als gemeinsames Ganzes ihren Ausdruck entfalten können.

Die an dem Projekt beteiligten Kinder und Erwachsenen sowie die Schule erhalten jeweils eine Kopie des fertigen Films als Geschenk. An der Schule wird eine gemeinsame Vorführung für alle Schüler veranstaltet.

Erlebnisse und Betrachtungen

Die Idee und das Projektkonzept der ‚Lieblingswunschträume’ habe ich zuerst zur Kunstlehrerin und dann gemeinsam mit ihr zur Klassenlehrerin und in die Schule getragen. Während der Planung – und auch während der Projektarbeit selbst – haben unsere unterschiedlichen Erfahrungshintergründe und unser jeweiliges Fachwissen sich wunderbar ergänzt. Der Natur des Konzepts entsprechend wurde vieles im Verlauf der Arbeit mit den Kindern entwickelt. So habe ich z.B. jeweils zwischen den Treffen mit der Klasse ‚Utopias’ Briefe passend verfasst, und die Kunstlehrerin und die Klassenlehrerin die Begegnungen mit den Kindern vor- und nachbereitet. In den Projektstunden haben wir immer im Team agiert. Beim Malen der Lieblingswunschtraumbilder z.B. hatte die Lehrerin für eine große Auswahl an Materialien gesorgt und inspirierte die Kinder zu unterschiedlichsten Techniken, während ich für ‚inhaltliche’ Fragen da war. Auch bei den Gesprächsrunden mit den Kindern, z.B. den Bildbesprechungen oder bei der Frage nach Sinn und Zweck der Filmaufnahmen haben wir uns gegenseitig ergänzt. Besonders bei ebendiesen war die Teamarbeit entscheidend: Die Klassenlehrerin unterrichtete die Kinder im Klassenzimmer und betreute sie in ihrer Aufregung vor ihrem ‚Auftritt’. Unterdessen waren der Kameramann, die Kunstlehrerin und ich in einem anderen Raum im ‚Aufnahmestudio’ mit jeweils einem Kind. Während dort der Filmer für die Kamera und ich für das Gespräch mit dem Kind über den ‚Lieblingswunschtraum’ zuständig war, wurde die vertraute Kunstlehrerin zur wichtigen Unterstützerin der Kinder vor der neuen Herausforderung. Dank der Begeisterung und engagierten Kooperation der Lehrerinnen, sowie der ideellen, tatkräftigen und materiellen Unterstützung durch die Veranstalter des „Inselkongress 2005 – Ausflug in die Utopien“ und „maxim film“ konnte das Projekt mit den Kindern realisiert – und der Film „Am schönsten find’ ich alles“ auch auf dem Inselkongress gezeigt werden.

Das Projekt beruhte einerseits auf der Neugier, die ‚privaten Utopien’ der Kinder – der jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft und deren zukünftige konkrete Gestalter – zu erfahren, und andererseits auf dem Wunsch, sie hör- und sichtbar zu machen. Und zwar nach Innen, für die beteiligten Kinder selbst und untereinander, sowie nach Außen, als Beitrag zur allgemeinen (‚erwachsenen’) Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Utopien. Um dieses zu ermöglichen, habe ich versucht, den Utopiebegriff in die Wort- und Lebenswelt der Kinder zu übertragen. In ihrem Abschiedsbrief deutet Utopia gewisse Zusammenhänge an: „PS: Wisst ihr eigentlich, wieso ich Utopia heiße?! Ich heiße Utopia, weil die Erwachsenen ihre Lieblingswunschträume Utopien nennen!“ (Zitat aus Utopias Brief). Sicherlich beinhaltet die Auffassung der Utopie als ‚Lieblingswunschtraum’ nicht alle Aspekte denkbarer Utopien. Mit der weiteren Vorgabe an die Kinder, sich selbst in ihre Wunschvorstellung einzubeziehen, wurden die Grenzen zwar noch etwas enger gesteckt, aber gleichzeitig wurde auch der Schwerpunkt ‚privat’ betont. Es wäre sicherlich ohnehin vergeblich gewesen, von Zweitklässler gesamt-gesellschaftliche Entwürfe zu erhoffen. Aber auch für die ‚erwachsene Welt’ ging und geht es mir darum, das Denken über die Utopie bei sich selbst zu beginnen, danach zu fragen: wie oder was möchte ich eigentlich gerne (er-)leben? Von dort aus den Traum zu beginnen, scheint mir ein gangbarer Weg in Richtung Utopie.

Die Kinder jedenfalls – und auch die an dem Projekt beteiligten Erwachsenen – haben von Beginn an mit großem Interesse, viel Engagement und viel Freude mitgearbeitet, sich auf die Suche begeben und später das Gefundene auch miteinander ausgetauscht.

Utopia wurde von den Kindern sofort als Gegenüber akzeptiert. Mit der für ihr Alter charakteristischen Mischung aus dem Wissen, „dass es den Weihnachtsmann nicht gibt“ und dem Wunsch: „aber vielleicht ja eben doch“ waren sie ohne weitere Umstände bereit, mit Utopia zu kommunizieren. Zwar gab es manchmal skeptische Vermutungen: „Wie spricht die Utopia eigentlich mit dir?“ oder: „Das bist du doch selbst, oder?“, aber es wurden auch gerne Fragen gestellt wie: „Hat Utopia uns wieder geschrieben?“ oder, besonders nachdenklich, nach vollendeten Filmaufnahmen: „Sag mal, wo ist Utopia eigentlich jetzt?“

Bei der Traumreise und beim anschließenden Skizzieren und Aufschreiben der Lieblingswunschträume breitete sich im Klassenraum eine große angenehme Stille aus. In den Einzelgesprächen mit den Kindern hatte ich Gelegenheit, ihre Wunschvorstellungen genauer kennen zu lernen. Dabei fiel mir besonders auf, dass kein einziges Kind sich selbst in eine teilweise oder rundum fiktive (Zukunfts-) Weltvision hinein projektiert hatte. Auch auf meine Nachfragen in dieser Richtung beharrten die Kinder auf offenbar ‚stabilisierenden’ Elementen aus ihnen bekannten ‚Wirklichkeiten’. Die entworfenen Raumsituationen waren und blieben realistisch; ebenso die zeitliche Verankerung in der Gegenwart. Die Frage nach dem eigenen Alter im Wunschtraum führte nicht dazu, die Umgebung gleich mit in eine andere oder erfundene Zeit zu versetzen. Vielmehr, manchmal zeigte sich das erst im Zwiegespräch, ging es oft darum, sich selbst in einer bestimmten gewünschten sozialen Situation oder mit einem bestimmten sozialen Status zu erleben. Und zwar mit Hilfe von wunschgemäß verändertem Körper und/oder Lebensalter, herbei oder auch hinfort gewünschten Fähigkeiten, Menschen, Wesen oder Dingen...

Die Umsetzung der Lieblingswunschträume in große Bilder und der beginnende Austausch über die Inhalte war von ziemlicher Selbstverständlichkeit geprägt. Persönliche Notlagen wie: „Das kann ich aber nicht Malen...“ gab es natürlich dennoch. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – mit den eigenen hohen Ansprüchen oder Selbstzweifeln konstruktiv gerungen wurde, war am Ende doch jedes Kind mit dem eigenen Bild einverstanden – oder im Stillen auch stolz darauf.

Auf die Ankündigung der Filmaufnahmen wurde sehr gemischt reagiert. Je nach eigenem Wesen und Charakter begegneten die Kinder dieser Herausforderung mit fröhlicher Begeisterung oder nachdenklicher Unsicherheit. Indifferent blieb dabei niemand. Das Gespräch über Sinn und Nutzen der filmischen Dokumentation der doch sehr privaten Lieblingswunschträume war sehr interessant. „Wozu kann es gut sein, Wünsche kennen zu lernen?“ „Damit man besser weiß, wie man sie erfüllen kann!“ Nach einer Woche Bedenkzeit bis zum Drehtermin wollten mit einer Ausnahme alle Kinder gerne mitmachen.

Bei der ‚Kameraschnupperstunde’ entwickelten die Kinder mit viel Spaß und viel Bewegung innerhalb kürzester Zeit eine erstaunliche Medienkompetenz. So stellen sie sich z.B. bald bei gebotener Gelegenheit in den richtigen Winkel und die passende Entfernung zur Kamera. Sie beobachteten, wer oder was warum im Bild ‚drin’ war oder ‚raus fiel’ und beachteten in der geprobten Aufnahmesituation wesentliche Grundregeln, wie etwa Stillsein, wenn jemand anders gerade dran ist, oder Bescheid sagen, wenn man bereit zum Drehen ist.

Am Drehtag arbeiteten alle Kinder trotz der eigenen inneren Aufregung mit großer Konzentration mit, erzählten vor der Kamera erst frei ihren Lieblingswunschtraum und erläuterten uns auf Nachfrage dann auch gerne die Details. Selbst das eine Kind, Moritz, welches nicht von seinem Wunsch sprechen mochte, sagte uns dieses vor der laufenden Kamera, so dass auch seine Haltung in den Film mit aufgenommen werden konnte. Ähnlich wie beim Bildermalen, waren glaube ich alle Kinder, besonders die eher schüchternen, hinterher sehr stolz, die Herausforderung gemeistert zu haben.

Als die Kinder nach der Sommerferienpause – also etwa sieben Wochen nach dem Drehtag – den fertigen Film zum ersten Mal gemeinsam in ihrem Klassenzimmer anschauten, war die Spannung kaum zu bändigen. Dennoch wurde mit großer Aufmerksamkeit zugeschaut und zugehört. Für fast alle Kinder war es schwer auszuhalten, sich selbst auf dem Bildschirm zu sehen. Wer jeweils gerade im Film gezeigt wurde, versteckte oft den Kopf unter den Armen, kicherte nervös oder schaute weg, wurde aber von der Klassengemeinschaft in dieser schwierigen Situation unterstützt: Freundinnen und Freunde streichelten beruhigend einander den Rücken, hielten sich an den Händen oder warfen sich Blicke voller aufgeregten Mitgefühls zu. Nach der Vorführung um ihre Meinung gefragt, fanden alle den Film toll – manche mit dem Zusatz: „Außer mir selbst, - weil ich blöd aussah, - weil ich an den Haaren gezippelt habe, - weil mir mein Bild nicht gefällt“ oder „- weil ich mich bisschen angeberisch fand.“ Vielen gefiel aber auch alles; sie nannten als Gründe: „- dass fast alle mitgemacht haben, - dass es sich angefühlt hat, wie ein Profi beim Interview“ oder „dass es einfach schön war.“ Manche bemerkten schlichtweg: „Ich fand auch mein Bild toll!“ oder riefen: „Noch mal!“ Eine Sache wurde ganz besonders diskutiert: „Ich fand es gut, dass Moritz nein gesagt hat, denn wenn jemand nicht will, dann muss er auch nicht.“ „Ja,“ fügte ich hinzu, „und vor allen Dingen hat er uns trotzdem erlaubt, im Film zu zeigen, wie er nein sagt!“ Ein Kind ergänzte: „Das ist auch mutig!“ und ein anderes erwiderte: „Aber ich fand es nicht gut, dass er nicht erzählt hat.“ „Warum?“ „Weil ich seinen Traum gerne gehört hätte.“

 
Besonderheiten:
Das Projekt integriert kreatives bildnerisches Schaffen, sprachlichen Ausdruck und den Umgang mit dem Medium Film – aber auch die Beschäftigung mit der eigenen Person im Verhältnis zur (gewünschten) Welt und zu anderen Menschen: zu Mitschülern und deren Wünschen, zu ‚herbeigeträumten’ Personen, im weitesten Sinne zur ‚Gesellschaft’. Entsprechend diesen verschiedenen Aspekten des Projekts gibt es einige sichtbare Ergebnisse (Skizzen, Bilder, Film) – aber ebenso viele unsichtbare Folgen dieser Arbeit miteinander. Wenn die Kinder zu Hause in Ruhe, alleine, mit Freunden, Eltern oder Geschwistern den Film nochmals betrachten, wird sicherlich die inhaltliche Beschäftigung mit dem Erlebten, Gemalten und Gesagten weitergehen – und im vielfachen Gespräch weitergetragen und reflektiert werden.

Der Film ist nicht nur jetzt, sondern bleibt auch in Zukunft sichtbar. Lieblingswunschträume sind wandelbar, und vielleicht hätten viele Kinder zu einem anderen Zeitpunkt unter anderen Bedingungen einen veränderten oder einen weiteren Lieblingswunschtraum formuliert. Jeweils einen aber enthält nun der Film. Wie es für die Kinder sein wird, später als Erwachsene sich selbst und ihren Lieblingswunschtraum erneut anzusehen und zu hören – vielleicht gemeinsam mit ihren eigenen Kindern – das ist jetzt noch kaum vorstellbar. Den außen stehenden Betrachtern kann der Film vielleicht Referenz und Brücke zu kindlichen Wahrnehmungen und Wünschen sein, für die Beteiligten aber enthält er eine fixierte biografische Referenz. Das ist wünschenswert, wie ich finde. Denn selbst wenn wir uns ans eigene kindliche Empfinden erinnern können und wollen, so unterliegt doch das Erinnern komplexen, nicht steuerbaren Strukturen und Mechanismen des Ausschlusses und der Konstruktion – meist ohne die Chance, Erinnertes mit filmischen Momenten vergangener persönlicher Wirklichkeiten abzugleichen.

Perspektiven

Die entstandenen Bilder und Filmaufnahmen sowie die erlebten Erfahrungen können in weitere (medienpädagogische) Projekte der beteiligten Schule und der Schüler einfließen. Auch für meine und unsere weitere ‚erwachsene’ Beschäftigung mit der Frage nach den Utopien können sie Platz in neuen künstlerischen Zusammenhängen finden, die philosophische Diskussion konkret und lebendig bereichern, oder weitere Prozesse anregen.

Das Projekt ist so oder ähnlich auch an anderen Orten und mit anderen Menschen erneut durchführbar. So ist es z.B. vorstellbar, bei weiteren Arbeiten über ‚private Utopien’ auch nach einem körperlichen Ausdruck der Lieblingswunschträume zu suchen, mit Kindern unterschiedlicher Kulturen zu arbeiten und verschiedene ‚private Utopien' (etwa per Video oder Internet) in einen Dialog miteinander zu bringen.

 
Probleme und Lösungen:
Es gab im ganzen Projektverlauf für alle Beteiligten viele Herausforderungen und deren Überwindung. Abgesehen von der desolaten Finanzlage konnte aber nur ein Problem nicht wirklich erfolgreich gelöst werden: Von den am Projekt beteiligten 23 Kindern bekamen zwei nicht die Genehmigung der Eltern, bei den Filmaufnahmen dabei zu sein. Auch unsere Gesprächsversuche mit den Eltern konnten deren Vorbehalte nicht zerstreuen. Ein Vater fürchtete die ‚mediale Ausbeutung’ seiner Tochter, der andere berief sich auf religiöse Gründe. Die beiden betroffenen Mädchen haben alle Phasen des Projekts inklusive der ‚Kameraschnupperstunde’ mitgemacht, nur eben keine Aufnahme für den Film, was sie beide selber sehr sehr schade fanden. Ihre Bilder sind dafür in der repräsentativen Materialmappe zur Projektdokumentation zu finden, und natürlich haben beide auch eine DVD-Kopie des Films bekommen. Vielleicht haben die Eltern ja beim Filmbetrachten ihr Verbot erneut überdacht.
 
Anekdotisches:
Die Mutter eines beteiligten Kindes wandte sich kurz nach Projektende an die Kunstlehrerin: Ihr Sohn sei ja neuerdings wie umgewandelt; er ginge nun, ganz im Gegensatz zu vorher, jeden Tag gut gelaunt, freiwillig und fröhlich zur Schule...

Ein Mädchen kam einige Wochen nach dem Projekt fassungslos vor Freude zur Lehrerin: „Weißt du was?! Ich habe einen Hund bekommen!“ Ihr ‚Lieblingswunschtraum’ handelte davon, dass „ihre Eltern geschieden sind und sie das aber gar nicht will“... und davon, dass ihr Vater ihr einen Hund schenkt...