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Die Eröffnung der Essener Autorenschule am 3.11.2003
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Es geht los. Die Schreibaufgabe ist gestellt.
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Lernen kann man auch durch literarische Kritik.
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Beim Druck im Verlagshaus in Vechta
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Großer Andrang bei der Buchpremiere am 3.6.2004
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Das Cover des ersten Buches unserer Autorenschule
Die Essener Autorenschule
 
Schule:
Erich Kästner-Gesamtschule
Pinxtenweg 6 - 8,
45276 Essen
Tel.: 0201/86069630;
Fax: 0201/86069631;
www.ekg-essen.de

Gesamtschule
 
Kooperationspartner:
Ralf Thenior (Lyriker und Jugendbuchautor), Dortmund
und
Alfred Büngen
Verlagsleiter des Geest-Verlages
Lange Straße 41 A
49377 Vechta
www.geest-verlag.de
 
Beteiligte Schüler:
52 Schülerinnen und Schüler
die Klasse 7 E mit 29 Schülerinnen und Schülern
die Klasse 9 A (E-Kurs Deutsch) mit 23 Schülerinnen und Schülern
 
Beteiligte Lehrkräfte:
Dorothee Schepers (Deutsch und Englisch)Dr. Artur Nickel (Deutsch und Evangelische Religionslehre)
 
Stundenvolumen:
Sechs Wochen lang in beiden Klassen jeweils zwei Unterrichtsstunden mit Ralf Thenior, dazu zwei in eigener Regie zur Vor- und Nachbereitung;
ein Projekttag (sechs Stunden) für den Besuch von Alfred Büngen (Geest-Verlag);
zwei Projekttage für den Buchdruck;
insgesamt 44 Unterrichtsstunden
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Eine neue Art zu unterrichten präsentiert die „Essener Autorenschule“. Dokumentiert hat sie dies in ihrem ersten Buch, das sie im Jahre 2004 veröffentlicht hat. Es heißt "Von Quatschnachrichten, Wollmäusen und Rentnerchips" und ist im Geest-Verlag (Vechta-Langförden) erschienen.
Nicht mehr die bloße Wissensvermittlung steht für die Essener Autorenschule im Mittelpunkt, sondern die Aneignung von Kompetenzen ganz im Sinne der neuen Bildungsziele. Das zeigt ihr erstes Buch, das von einer 7. und einer 9. Klasse der Erich Kästner-Gesamtschule in Essen gemeinsam mit dem bekannten Lyriker und Jugendbuchautor Ralf Thenior geschrieben wurde. Alfred Büngen, der Leiter des niedersächsischen Geest–Verlages, hat die Schülerinnen und Schüler unterstützt. Er hat sie in den Herstellungsprozess ihres Buches eingeführt, und zwar von der Auswahl des Papiers bis zur Druckkostenkalkulation und zum Marketing. Natürlich haben die Jungautoren ihr Buch auch selbst gedruckt. Der Verkaufserlös soll die Grundlage für das nächste Autorenschulprojekt bilden. Ein hoher Anspruch für die Jugendlichen also und ein großer Ansporn zugleich.
In ihren Texten, die die Siebt- und Neuntklässler in der Autorenschule geschrieben haben, zeigen die Verfasser auf, was Kinder und Jugendliche erleben, denken und fühlen, die heute in einem sozialen Brennpunkt aufwachsen. Und: sie entwickeln eine besondere Kompetenz. Denn indem sie ihre Geschichten erzählen, werden sie selber zu richtigen Autoren. Sie spiegeln auf fiktiver Ebene ihre inneren und äußeren Wirklichkeiten und benennen sie. Sie fangen an, sie sprachlich zu gestalten, und sich sprachlich zu behaupten, indem sie ihrem Alter gemäß persönliche Akzente setzen. Sie nehmen, indem sie erzählen, Schritt für Schritt ihr Leben, ihr Schicksal in die eigene Hand. Die Jugendlichen lernen also nicht mehr für ein späteres Leben, für ein Leben nach der Schule. Sie begreifen die Schule vielmehr als ihren Lebens- und Gestaltungsraum, um dadurch eine eigene Zukunft zu gewinnen. Sie ist für sie kein Sandkastenspiel mehr, sondern Teil des richtigen Lebens. Gerade für Kinder und Jugendliche, die einen Migrationshintergrund haben oder in einem sozialen Brennpunkt leben, eine Erfahrung, die sie ein großes Stück in ihrer psychosozialen Entwicklung voranbringt.
Lernen “am Leben“! Konkrete Erfahrungen sammeln! Die eigene Sprache finden! Das ist der Weg, der über PISA hinausführt. Die Essener Autorenschule ist also ein Projekt, das „Schule machen“ sollte! Und so enthält das Buch neben ausgewählten Texten der Jugendlichen auch Erfahrungsberichte und Informationen zur Konzeption der Essener Autorenschule.

Wie erfolgreich die Jugendlichen tatsächlich gearbeitet haben, zeigt die Tatsache, dass schon wenige Monate nach Abschluss dieses ersten Projektes die Voraussetzungen für ein weiteres solches Autorenschulprojekt gegeben sind. Am 2.5.2005 kommt die bekannte Jugendbuchautorin Kristina Dunker in die Erich Kästner-Gesamtschule, um zwei sechste Klassen dazu anzuleiten, ihr eigenes Buch zu schreiben.
Wenn das keine Einladung ist, selbst initiativ zu werden und weitere Autorenschulen zu gründen!?
Leo van Treeck (Hg.): Von Quatschnachrichten, Wollmäusen und Rentnerchips, Vechta 2004
ISBN 3-937844-19-8
(Das Projekt wurde vom Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW gefördert. Zur Verfügung gestellt werden können noch die folgenden Medien: das Buch "Von Quatschnachrichten, Wollmäusen ..."; eine größere Anzahl weiterer Fotos; eine Pressemappe mit Beiträgen aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, den Zeitschriften "litform", "Engagement", "Praxis Deutsch", usw. ).

 
Projektauslöser/Idee:
Seit einigen Jahren gibt es an der Erich Kästner-Gesamtschule in Essen unter dem Signum EssenerKulturGespräch eine intensive Kulturarbeit mit dem Ziel, Jugendlichen mehr Möglichkeiten der Teilhabe am kulturellen Leben zu eröffnen. Auf der Suche nach Wegen, wie dieser Anspruch umgesetzt werden kann, sind die Initiatoren auf das Schulschreiberprojekt gestoßen, das Ralf Thenior und Gerd Herholz vom Literaturbüro Ruhrgebiet entwickelt haben und das sie begeisterte. Sie haben es aufgegriffen und auf die Möglichkeiten und Grenzen der Erich Kästner-Gesamtschule zugeschnitten. Außerdem haben sie es um die Zusammenarbeit mit dem Geest-Verlag erweitert. Das ist das Grundgerüst, das es immer wieder neu zu füllen gilt, je nach dem, welcher Autor und welche Klassen/Kurse sich an dem Projekt beteiligen. Dabei korrespondieren immer wieder neu Fragen nach der literarischen Qualität mit denen merkantiler Notwendigkeiten.
 
Projektentwicklung:
Am 3. November 2003 wurde die erste Essener Autorenschule im Foyer der Erich Kästner-Gesamtschule eröffnet. „Der Umgang mit Sprache muss Spaß machen. So kann man auch große Leistungen erzielen.“ Das betonte Ralf Thenior gegenüber den Schülerinnen und Schülern. Er verfügt als erster Schulschreiber Deutschlands über vielfältige Erfahrungen im Umgang mit Jugendlichen und betreute das Projekt in 24 Unterrichtsstunden. Ein Autor „zum Anfassen“, der offen über seine Arbeit Auskunft gab.
Dann prasselte eine Schimpfkanonade auf die Beteiligten nieder: „Dreckiges eingebildetes Federvieh!“, „Kleine, liebesverrückte Marihuana - Nehmerin!“, „Unerträgliches, verrücktes Weib!“, so war es etwa von Natascha J. aus der 7 E zu hören. Das war nicht böse gemeint, sondern nur eine Lockerungsübung mit den Buchstaben des Alphabets. Sicherlich eine sehr eigene Methode, den Wortschatz zu erweitern und flexibler mit Sprache umzugehen. Aber ein erfolgreicher Einstieg, wenn man bedenkt, mit welchem Feuereifer sich die Jugendlichen den ernsthafteren Aufgaben stellten, die ihnen Ralf Thenior im Anschluss daran aufgab. Es entstand eine intensive gemeinsame Arbeit, wobei sich immer wieder Phasen des Schreibens mit denen des kritischen Gesprächs über das Geschriebene abwechselten. Erstaunlich, mit wieviel Taktgefühl und Einfühlungsvermögen Jugendliche auftreten können, wenn sie von einer Sache/von Menschen überzeugt sind! ,Selbstverständlich durften die Schülerinnen und Schüler, die einen Migrantenhintergrund hatten, auch ihre jeweilige Kultur mit einbringen. Das erweiterte das literarische Spektrum und bereicherte das Gespräch. Eine Chance, die viele begeistert nutzten! Denn wo konnte man denn schon einmal ganz gezielt die eigene Kultur prdouktiv in den Deutschuntericht einbringen? Klar, dass vor diesem Hintergrund die Projektmappe, die die Schülerinnen und Schüler mit ihren persönlichen Texten zu erstellen hatten, auch als Klassenarbeit gewertet wurde.
Am 14.1.2004 eröffnete der Leiter des niedersächsischen Geest-Verlages Alfred Büngen den zweiten Teil des Projekts. Eigens aus Vechta angereist, führte er die Jugendlichen in den Herstellungs- und Vermarktungsprozess von Büchern ein. Didaktisch geschickt erklärte er ihnen anhand von kleinen Rollenspielen, wie ein literarisches Werk seinen Weg vom Verleger zum Käufer findet. Dann folgte die Kostenkalkulation. Die Bilanz war ernüchternd. Hatten diejenigen, die die Verlegerrollen übernommen hatten, den Buchhändlern zuvor großzügige Preisnachlässe zugestanden, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen, so mussten sie jetzt feststellen: angesichts der hohen Druckkosten wären sie in der Realität alle pleite gewesen. Die angewandte Mathematik brachte es an den Tag. Der Schreckensschrei von Alfred Büngen auch, wenn sich ein Schüler um zehn Cent verrechnet hatte ( bei einer Auflage von 30.000 Exemplaren ). Nun rauchten die Köpfe. Was kostet was: Blätter, Master 110, Farbe, Buchbinden, Fotosatz, Druck, Kaschieren. Richtig: die Abnutzung der Druckmaschine fehlte noch, Fahrtkosten, möglicher Ausschuss, und so weiter und so fort. Am Ende stand die Frage, was jeder Jugendliche selbst dazu beitragen kann, damit „sein“ Buch ein Verkaufserfolg wird. Sehr schnell war klar, wie viel persönlichen Einsatz es kostet. Und: es kommt auf die Präsentation an. Ich muss von dem, was ich will, überzeugt sein, um überzeugen zu können. Ich muss mir die passende Werbestrategie überlegen. Gerade für die Neuner war das ein wichtiger Schritt, müssen sie doch demnächst selbst in eigener Sache tätig werden und sich um einen Ausbildungsplatz bewerben.
Schließlich haben die Schülerinnen und Schüler das Buch auch noch selbst gedruckt. Gemeinsam mit ihren Lehrenden fuhren einige von ihnen Ende Mai nach Vechta, um die Arbeit im Verlag persönlich kennen zu lernen und mit „Hand anzulegen“, und zwar vom Layout über den konkreten Druck bis hin zur Anmeldung des Buches und dem Marketing. Selbst das haben sie prima bewältigt.
Abgerundet wurde das Projekt am 3.6.2004 mit einer Premierenlesung in der Mensa der Erich Kästner-Gesamtschule. Der Kommentar der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung: "Volles Haus mit vollem Programm". Hervorgehoben wurde von ihr vor allem die multikulturelle Dimension des Projektes.
Kommentare der Schülerinnen und Schüler, die sich an dem ersten Projekt beteiligt haben:
Natascha J.,13: Ich fand das Buchprojekt gut, denn wir sind die erste Klasse an der Schule, die ein Buch geschrieben hat. Auch die Zusammenarbeit mit Herrn Thenior war sehr gut. Es hat viel Spaß gemacht.
Fabian G., 13: Die Arbeit an dem Buch war super. Und erst die Zusammenarbeit mit Herrn Thenior! Ich hoffe, dass wir noch einmal so etwas machen werden.

Wenn das keine Perspektiven für den Unterricht eröffnet ... !
 
Besonderheiten:
Die Essener Autorenschule macht Schluss mit der Vorstellung, dass man in der Schule einfach für "das Leben", also für irgendeine kaum greifbare Zukunft lernt. Sie begreift die Schule als Lebens- und Gestaltungsraum, in dem die Jugendlichen lernen, ihre Gegenwart zu gestalten, um auf diese Weise ein eigenes Fundament zu finden, das sie in die Zukunft trägt. Sie lernen fächerübergreifend am "richtigen Leben". Gerade das motiviert die Jugendlichen außerordentlich stark. Sie werden angeleitet zu (selbst-) verantwortlichem Handeln und fühlen sich dadurch weitaus mehr als in anderen Projekten persönlich ernst genommen. Das verändert ihre Arbeitshaltung und belebt den Unterricht außerordentlich stark.
 
Probleme und Lösungen:
Schwierig war es schulintern, für beide Klassen die Unterrichtsstunden mit Ralf Thenior zu organisieren. Der Stundenplan spielte nicht mit, und so mussten Unterrichtsstunden anderer Fächer sechs Wochen lang verlegt werden. An einem so großen Schulsystem wie einer Gesamtschule mit über 1200 Schülern eine schwierige Sache, zumal die betroffenen Kolleginnen und Kollegen auf den Unterricht in ihren Fächern aus Lehrplangründen nicht verzichten durften. Überwunden werden konnten diese Schwierigkeiten, weil alle Betroffenen ( auch die Schulleitung )"über ihren Schatten sprangen" und nach unkonventionellen Lösungen suchten. Diese kollegiale Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und ein solches Projekt mit zu tragen, war ein Baustein, der in erheblichem Maße zum Gelingen dieses Projektes beigetragen hat.
 
Anekdotisches:
Neben vielen anderen tollen Erfahrungen war eine Begebenheit beim Druck in Vechta besonders eindrücklich. Es war abends nach 20.00 Uhr. Die Jugendlichen hatten einen langen, arbeitsreichen Tag hinter sich gebracht, und so forderten wir als Lehrende sie auf, ihre Arbeit für diesen Tag zu beenden, um diese am nächsten Tag ausgeruht und mit frischen Kräften fortzusetzen. Wir ernteten einen Sturm der Entrüstung. Sie seien in ihren Gruppen noch lange nicht fertig. Sie seien noch nicht so weit, wie sie sich das vorgestellt hätten. Das käme überhaupt nicht in Frage. Sie dächten nicht daran, jetzt schon aufzuhören. Ein Aufschrei, wie man ihn von Jugendlichen normalerweise nur selten hört, wenn es ums Arbeiten geht. Es gab schließlich einen Kompromiss, der von allen akzeptiert wurde. Für uns war es unglaublich zu sehen, wie sehr sich die Jugendlichen klassenübergreifend in die Arbeit stürzten,jeder nach seinen Fähigkeiten und dort, wo er gebraucht wurde. Und das, obwohl das Projekt kurz vor seinem Abschluss stand. Keine Spur von Müdigkeit oder Erschöpfung. Einfach gut.