Hier Klicken für die Vollansicht
Erstmal viele Fragen! Koeppen und Fallada sind Greifswalder
Hier Klicken für die Vollansicht
Recherche, Umfragen, eigene Schreibversuche finden statt!
Hier Klicken für die Vollansicht
Wir kommen Koeppen immer näher! Ein guter Schüler war er nicht!?
Hier Klicken für die Vollansicht
Spannende Anfänge von Wolfgang Koeppen animieren uns weiterzuschreiben
Hier Klicken für die Vollansicht
Mind-Maps helfen uns einen guten Plot für unsere Werke zu finden.
Wir schreiben da weiter, wo Wolfgang Koeppen und Hans Fallada aufgehört haben!
 
Schule:
Karl-Krull-Grundschule Greifswald
Bleichstraße 36
17489 Greifswald
Telefon: 03834 540590
Homepage: www.karl-krull-grundschule.de

Grundschule
 
Kooperationspartner:
Literaturzentrum Wolfgang Koeppen Greifswald
Wolfgang Koeppen Archiv Greifswald
Hans Fallada Verein Greifswald
Suhrkamp-Verlag Frankfurt/Main
 
Beteiligte Schüler:
14
Klassenstufe 4 "Literatur-Reporter"
(Kurs Kreative Medienwerkstatt im Rahmen der Vollen Halbtagsschule)
 
Beteiligte Lehrkräfte:
2
 
Stundenvolumen:
Jede Woche startet die Kreative Medienwerkstatt mit ihrem Kurs "Kleine Reporter ganz groß" und ist mit dieser Wochenstunde fester Bestandteil im Rahmen des Angebotes "Volle Halbtagsschule".
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
In der "Kreativen Medienwerkstatt" an unserer Karl-Krull-Grundschule treffen sich Kinder aus den 4. Klassen jede Woche und das schon seit der 3. Klasse.
In der Werkstatt geht es darum, sich kreativ mit Medien aller Art auseinander zu setzen und damit schon sehr frühzeitig eine Medienkompetenz zu entwickeln. Der Computer, das Internet, Zeitschriften, Bücher, das Fernsehen und das Radio spielen dabei eine genauso wichtige Rolle.

In der 4. Klasse beschäftigen sich die Kinder mit dem Berufsbild eines „Reporters“. Damit verbunden haben wir uns ein entscheidendes Werkstattziel gesetzt, das sich jetzt über Monate in unserem Kurs bearbeiten lässt. Dazu heißt es auf unserer diesjährigen Homepage: "Wir erforschen, was es in Greifswald für besondere Schriftsteller gab! Wir wissen, dass Hans Fallada und Wolfgang Koeppen in unserer Heimatstadt geboren wurden - übrigens genauso wie wir! Viele Orte in der Stadt erinnern an diese Schriftsteller. Häuser und Straßen wollen wir suchen und wir wollen uns in Archiven umschauen. Dabei wollen wir uns wie Literatur-Reporter umschauen - Fragen stellen! Antworten aufschreiben! Und auch selber was schreiben und zwar das, was die nicht mehr geschafft haben. – Wer weiß vielleicht werden wir ja auch Schriftsteller! (Die Literatur-Reporter von der Karl-Krull-Grundschule in Greifswald)"

Wir probieren in diesem Projekt viele Arbeitstechniken aus, angefangen bei so „einfachen“ Sachen wie das Durcharbeiten der Lebensläufe, das Kennzeichnen wichtiger Fakten mit verschiedenen Farben. Wir bereiten uns auf die Besuche in verschiedenen Stätten gründlich vor, indem wir genau im Internet, in Büchern usw. recherchieren, Notizen anfertigen, Umfragen durchführen, Interviewfragen überlegen und Interviewtechniken trainieren. Die Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern wird mit Verträgen gesichert. Die Kinder setzen diese dazu selbst auf und lassen sie unterschreiben ... natürlich wegen der Symbolkraft!

Nach dem Besuch des Koeppen-Hauses nimmt das Projekt eine überraschende Richtung ein: Im Archiv zu Greifswald haben wir zwei unvollendete Werke von Wolfgang Koeppen entdeckt: Das begonnene Märchen für den Verlag MIDDELHAUVE über den Tangertraum eines Jungen und eine Strophe über ein Nashorn für eine Schülerzeitung. Ein Weiterschreiben beider Werke bietet sich an. Wir nehmen Kontakt zum Suhrkamp-Verlag auf, der den Nachlass von Koeppen verwaltet. Die Verbindung zum Suhrkamp-Verlag klappt ganz wunderbar und man ist dort erstaunt, dass Kinder einer 4. Klassen sich aufmachen und um die Freigabe eines Koeppen-Skriptes bitten. Herr Fellinger, der zuständige Lektor des Verlages in Frankfurt/Main, antwortet umgehend auf eine Anfrage der "Literatur-Reporter". Er bittet darum, dass wir entstandene Werke an ihn senden.
Über ein Mind-Map werden die Koeppenschen Ansätze des Tanger-Märchens von den Kindern aufgesammelt und es entstehen automatisch spannende Fortsetzungen. Viele interessante Reimversuche über das Nashorn im Grase zeigen den Spaß der Kinder an ihrer Aufgabe. Bitte schauen Sie dazu auch auf das Material, das wir Ihnen demnächst zusenden werden.

Die „Koeppen-Kinder-Werke“ sind Herrn Fellinger vom Suhrkamp-Verlag zugesandt worden. Wir sind ganz gespannt, ob sich daraus noch etwas Neues ergibt, denn dieses Projekt stoppt auch nach Ablauf des Wettbewerbes nicht.
Wolfgang Koeppen ist den Kindern mittlerweile längst nicht mehr fremd. Die zahlreichen Orte, die in der eigenen Heimatstadt an ihn erinnern, werden lebendig und es gibt durch das Projekt Anknüpfungspunkte, die den beteiligten Schülern das Koeppensche Werk sicher vertrauter machen, wenn diese erwachsen sind. Vielleicht entdecken wir ja ähnlich Spannendes über oder von Fallada. Er wird im zweiten Schulhalbjahr unsern Forscherdrang beflügeln.

 
Projektauslöser/Idee:
Wolfgang Koeppen und Hans Fallada sind bedeutende Schriftsteller. Beide sind in Greifswald geboren. Sie schrieben Bücher, die in der ganzen Welt bekannt sind. Bücher sind Medien. Die Tatsache, dass die Geburtsstätte "Greifswald" vielleicht nicht unwichtig war, dass hier so große Schriftsteller geboren wurden, lässt auch die Kinder nicht gleichgültig. Das sind reale Anknüpfungspunkte, um mit einem Forschungsprojekt zu starten, bei dem die Kinder gleichzeitig journalistische und schriftstellerische Kompetenzen entwickeln sollen. Wolfgang Koeppen als ein großer Literat ist für Kinder schier ungeeignet! – im Gegensatz zu Fallada, der selbst Vater war und mit den "Geschichten aus der Murkelei" Greifswalder Kindern schon seit der 3. Klasse bekannt ist. Aber in der Greifswaldern sehr bekannten Bahnhofstraße begegnen die Kinder immer wieder der Aufschrift auf Koeppens Geburtshaus: "Koeppen-Cafe" und "Archiv". Das ist Grund genug, mehr über Herrn Koeppen zu erfahren. Genauso verhält es sich mit Hans Fallada. Nach ihm sind sein Geburtshaus und eine Straße nicht weit entfernt von unserer Schule benannt. Die Stadtbibliothek, die oft von unseren Kindern aufgesucht wird, trägt seinen Namen.
 
Projektentwicklung:
"Also ich kapiere Koeppen nicht! Aber das kann ja noch kommen!" so sagt es Clemens, als er zum erstem Mal das Buch "Jugend" bei unserem Besuch im Koeppenhaus in der Hand hält und darin blättert. Viele stehen unserem Projektvorhaben anfangs sehr skeptisch gegenüber: Koeppen und Kinder?
Lernen findet am besten statt, wenn es dazu spannende Anlässe gibt. Im Fall von Wolfgang Koeppen und Hans Fallada lohnt es sich die Anknüpfungspunkte, die sich in der eigenen Heimatstadt bieten, auszunutzen. Die Computertechnologie wird dabei nicht außen vor gelassen, aber auch nicht in den Mittelpunkt gestellt. Jedoch gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern wesentlich einfacher, weil so Kontakte verabredet werden können und die Arbeitsergebnisse der Homepage auch den Partnern zugänglich sind.

Begonnen wird mit einer Recherche zum Leben beider Schriftsteller. Auszüge aus ihren Lebensläufen werden genau unter die Lupe genommen: Was haben sie mit Greifswald zu tun? Wo waren sie in ihrem Leben noch? Welche Werke haben sie geschrieben? Alle Fakten werden mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet. Anschließend vergleichen die SchülerInnen einzelne Lebensabschnitte von Koeppen und Fallada.
Umfragen in Greifswald werden gestartet. In der Familie, unter Verwandten und Bekannten horchen sich die „Literatur-Reporter“ um, wer Koeppen und Fallada kennt. Die Ergebnisse werden aufgearbeitet und in Diagrammen dargestellt.

Wir beginnen, uns zuerst näher mit Wolfgang Koeppen zu beschäftigen, Ein Besuch in seinem Geburtshaus, nicht weit von unserer Schule entfernt, soll ein Höhepunkt in unsere Forschungsarbeit sein. Um gut vorbereitet weitere Recherchen durchführen zu können, überlegen sich alle Kinder, welche Fragen sie der Hüterin des Koeppen-Schatzes in Greifswald, Frau Ebner, stellen möchten. Sie üben Interviewtechniken (z.B. den Gesprächspartner ansehen, sich vorstellen, sich bedanken usw.), das Fotografieren und Filmen.
Sehr interessant ist, dass die Kinder bei ihrem Besuch im Koeppen-Archiv auf eigene Schreibanlässe stoßen. Das Projekt entwickelt eine eigene Richtung. Die Kinder erfahren von einem begonnenen Skript zu einem Märchen für den Middelhauve-Verlag. Weiter entdecken sie, dass Koeppen auch für eine Schülerzeitung geschrieben hatte. Es war ein Vierzeiler, in dem es um ein Nashorn ging. Die Kinder bekommen Lust, diesen ungewöhnlichen Anfang eines Märchens und das kleine Gedicht zu Ende zu schreiben.
Der Suhrkamp-Verlag muss kontaktet werden, damit die Skripte freigegeben werden, um die Schreibversuche und das Veröffentlichen auf der Homepage zu genehmigen. Neue Informationen über viele unbekannte Dinge aus dem Märchen müssen gesammelt werden, z.B. Was ist Tanger? Ein Mind-Map hilft, alle neuen Erkenntnisse zu sammeln und zu ordnen. Die Kinder beginnen das Weiterschreiben. Sie arbeiten auch zu Hause weiter, denn wir arbeiten unter Zuhilfenahme des virtuellen Klassenzimmers unter www.schola-21.de. Stolz präsentieren sie bei jedem Treff immer wieder ihre neuen Märchenteile und Nashornstrophen. Jetzt am Ende des Koeppen-Projektes schaut Maximilian sehr stolz auf sein Koeppen - Maximilian- Märchen, was von Tanger handelt, und Clemens hat gemeinsam mit Johannes zwei weitere Strophen für das Nashorn-Gedicht gefunden.

Alle Ergebnisse sind auf unserer Homepage zu sehen. Der Suhrkamp-Verlag hat einen Brief von uns erhalten, in dem ebenfalls sämtliche Tangermärchen und Nashorngedichte enthalten sind.

Was uns wohl Hans Fallada bieten wird?

So ein Projekt birgt viele Ansatzpunkte für interessanten, spannenden, vielseitigen und vor allem auch sehr individuellen Unterricht. Der Eifer der Kleinen Reporter kann auf jeden einzelnen zugeschnitten werden, aber auch fächerübergreifend genutzt und gefördert werden. Die nicht einfachen Schreibversuche zur Vollendung des Märchens und des Gedichtes können den Deutschunterricht, die städtischen Recherchen den Sachkundeunterricht und die Arbeit an den Illustrationen zu den Märchen- und Versentwürfen nicht zuletzt den Kunstunterricht bereichern.

Zusammenfassung

1. Literarische Spuren in der eigenen Heimatstadt finden.
2. Institutionen und Orte aufsuchen und recherchieren.
3. Schreibanlässen diskutieren und "Critical Friends" gewinnen.
4. Motivieren
5. Rahmenbedingungen für eine kreative, fächerverbindendende Ausgestaltung des Vorhabens einrichten. Spontane Umstellung des internen Curriculums durch Lehrerkooperation und Teamgespräche unter den Fachpädagogen.
6. Einbeziehung der Computer und Internettechnologie, wobei der produktiv-kreative Umgang im Vordergrund steht.
7. Lernentwicklung beobachten und individuelle Förderung.

 
Besonderheiten:
Interessant ist, dass die Kinder über ein virtuelles Klassenzimmer ihr Projekt strukturieren. In virtuellen Arbeitsgruppen und Tagebüchern werden die literarischen Forschungsaufgaben und Schreibversuche strukturiert und zusammengehalten. Die Kinder arbeiten oft auch zu Hause weiter und legen ihre Werke im virtuellen Klassenzimmer ab. Dadurch entsteht eine Homepage, deren Entwicklung Kinder selbst, Eltern, Kooperationspartner usw. unter http://www.schola-21.de/d2/web.asp?PID=1010 verfolgen können.

Hier sind ein besonderes Gedicht und eine besondere Geschichte:

STROPHE VON KOEPPEN

Das Nashorn ist nicht naseweis,
es kennt den eigenen Wert und Preis,
es wird geliebt und sehr gelobt
von euch - wer schimpft und tobt?

JETZT DIE LITERATUR-REPORTER

TINA UND ANNEMARIE

Mit seinem Horne auf der Nase
wühlt es in dem tiefsten Grase,
Sucht sein Futter ganz in Ruh’
Und du?

Hat es nun Futter gefunden?
Ist ihm davon schlecht geworden?
Dreht es mühsam seine Runden?
Hat es den Magen sich verdorben?

Ja, natürlich hat es was gefunden!
Es ist ihm davon schlecht geworden!
Nun dreht es mühsam seine Runden!
Den Magen hat es sich verdorben.

In einem Flusse steht es rum
guckt, kein Futter!, ziemlich dumm!
Weiter wühlt es in dem Schlamm
und fängt gleich zu jammern an.

Alle Fische sind geschwommen weg von diesem Gewässer!
Das Nashorn denkt und ist sich sicher: Ich geh jetzt besser!

Weiter sucht es nun sein Essen,
hat schon ewig nichts gefressen!
Kein Käfer kann es heut erbeuten!
Ob die Tiere sich wohl freuten,
dass das Nashorn, groß und stark,
nichts zu Fressen finden mag?

JETZT TINA ALLEIN

Nicht mal 'ne Ameise, schwarz und klein,
fängt das große Nashorn ein.
Die ander'n kugeln sich vor Lachen.
Was soll das arme Nashorn machen?

Das Nashorn denkt: Was soll ich hier?
Mit diesem fiesen Ungetier?
Ich gehe weg, jetzt seht mich an,
was ich noch alles schaffen kann!

Es trottet durch Wald und Flur
und nirgendwo kam es zur Ruh'
als ob die Tiere, allesamt,
was hätten gegen ihn in der Hand.

Im nächsten Urwald angekommen,
wollt' es sich mal ordentlich sonnen.
Da kommt ein Nilpferd, grau und alt,
ganz dürr und ihm war ziemlich kalt.

Es sah das Nashorn, ängstlich sehr,
doch rannt' es ihm nicht hinterher.
Es fragte: Wie geht es dir, du hübsches Tier,
warum bist du hier bei mir?

Das Nilpferd sah es ängstlich an.
Ob es so was geben kann?
Ein Nashorn, oft wütend wie ein Stier,
nannte es "hübsches Tier"?

"Bist du okay, sieh mich doch an,
wie bei dir so was hübsch sein kann"
Das Nashorn sagte ganz in Ruh:
"Nilpferd, hör du mir nur zu!"

Dem Nilpferd ging’s genau wie ihm,
wurd' behandelt wie ein Ungetüm.
Das Fressen ham' sie ihm genommen
und nun ist es hier hergekommen.

"Die Affen lachen mich nur aus!
Noch schlimmer als Fuchs, Tiger und Maus.
Selbst eine Schnecke, klein und schlapp,
haut vor meinen Füßen ab."

Das Nilpferd kannte sein Problem:
Die Tiere wollen nicht verstehn',
dass auch so ein großes, plumpes Vieh
ein Tier ist, ganz genau wie sie.

Die zweie sind davon gegangen,
über Berge, weg, von dannen,
und führen nun voll Freud
ein Leben ohne Hungersnot und Leid.

HIER DIE GESCHICHTE VON TANGER

FÜR FRAU MIDDELHAUVE
DER BEGINN VON WOLFGANG KOEPPEN - EIN SKRIPT AUS DEM KOEPPEN-ARCHIV GREIFSWALD

Tanger, Geschichte des Knaben, der vor der Kirche verwahrloste junge Leute kennen gelernt, die von Tanger schwärmen und in dem Knaben den Wunsch wecken, mit ihnen dorthin zu fahren. Er liest in einem alten Baedecker, in einem alten Lexikon die Abschnitte über Tanger. Häuslicher Kummer und Unverständnis. Der Junge will mit seiner Freundin fliehen. Er verbringt mit ihr die Nacht bei den Verwahrlosten. Schreck einer Polizeisirene. Die Kinder gehen nach Hause. Der Vater des Jungen ist auch in Afrika gewesen. Er zeigt dem Sohn sein Bild in der Uniform des Afrikakorps. Der Knabe will nicht in der Uniform reisen. Lieber als Vogelscheuche. Aber im Bett erkennt er, es gibt das Afrika Karl Mais, das Afrika des Geographiebuches, das des Baedecker und des Lexikon, vielleicht gibt es auch das Tanger seiner Freunde, aber sein eigener Traum von diesem Tanger ist ein unerreichbarer.

JETZT WEITER MIT TINA

Noch lange lag er wach im Bett. Obwohl er sich fest vornahm, nicht mehr an Tanger zu denken, schwirrte ihm der Gedanke immer wieder durch den Kopf. Die Bilder in seinem Geografiebuch waren herrlich gewesen. Nun überlegte er; sollte er eine Flucht riskieren? Er ging zu seinem Schrank und packte einige alte Hosen und Hemden ein. Er schlich in die Speisekammer. Eine Ecke Brot und ein Apfel, dazu ein Krug Milch. Dann schlich er zur Tür. Und zur Kirche. Die Kinder waren wieder aufgetaucht. Er fragte sie, wie sie nach Tanger gekommen waren. Sie brachten ihn zu einem Zug, doch vorher holten sie seine Freundin. Sie sprangen rasch in einen Wagon. Doch sie waren sich nicht sicher. Sie gingen wieder heraus. Wenn ein Kontrolleur sie erwischte? Er musste auf jeden Fall weg sein, bevor sein Vater es bemerkte. Sie hatten den Plan, auf einem Frachtschiff überzusetzen. Der nächste Hafen war weit, doch sie schafften es. Auf dem Hafen war einiges los: Arbeiter schafften Kisten an Bord eines großen Dampfers. Es roch nach totem Fisch. Einige Schiffe kamen in den Hafen. Doch wo sollten sie hin? Welches Schiff fuhr nach Tanger. Nirgendwo war ein Marineschiff, das Hilfsgüter brachte. Und wen sollten sie fragen, wer wusste, welches Schiff nach Tanger fuhr, geschweige denn, es fuhr eines?

Doch da war die Rettung. Einige Arbeiter reichten sich Kisten zu, auf denen TANGER stand. Der Knabe verfolgte die Schlange bis hin zu einem riesigen Dampfer, größer als alle anderen im Hafen. Der Junge überlegte sich, wie er auf das Schiff heraufkommen würde. Er zog seine Freundin mit sich und verabschiedete sich von den Jugendlichen. Einige Arbeiter, die Kisten auf das Schiff trugen, bildeten eine große Menschengruppe, in die sich der Knabe samt der Freundin schlich. Sobald sie den Fuß auf das Schiff setzten, sahen sie ein großes Durcheinander; einige Kisten, die einfach abgestellt waren, Netze, Scheuerlappen, die die Putzkräfte vergessen hatten und eine Menge Wasser.

Der Junge zog seine Freundin mit sich hinter eine Wand aus Netzen und Kisten. Es war gar nicht so einfach, dort schnell hinzukommen, weil man aufpassen musste, dass man nicht über ein Tau stolperte. Bald brach die Nacht herein. Jetzt würde es eisig und kalt werden.

Die klammen Netze wärmten nur wenig. Der Wind pfiff durch die Ritzen. Tomas, dem Jungen, und Annelis, seiner Freundin, waren kalt. Doch eines war gewiss: am nächsten Morgen waren sie in Tanger. Und mit dieser guten Voraussicht schliefen sie ein. Am nächsten Morgen wurden sie vom Brüllen einiger Seemänner geweckt. Tomas reckte seinen Hals. Weiter hinten am Horizont war ein großer, grüner Berg. Das musste der Hafen von Tanger sein! Er zog Annelis hoch. Bald kam das Schiff zum Halten. Schnell stahlen sie sich herunter und liefen mitten in die Stadt. Hier gab es niemanden, der sie kannte. Keiner wusste, wer sie waren und warum sie hier waren. Sie waren nun gut fünf Kilometer gegangen, und mit einemmal erstreckte sich eine bildhübsche Stadt hinter dem Berg. Weiße Mauern umsäumten sie, und jedes der strahlenden Häuser glich einem kleinen Palast.

Es war sich nicht auszudenken, dass hier so viele arme Menschen lebten. Tomas dachte, wenn Schönheit bezahlt würde, müsste diese Stadt die reichste sein. Am anderen Ende der Stadt war großes, blaues Meer. Doch was sollten sie in der Stadt zuerst machen? Ob die anderen Leute deutsch konnten? Annelis zog ihn hinunter ins Tal. Die belebten Straßen waren sandig und an den Seiten boten Händler ihre Waren an. Sie hatten kein Geld und wussten auch nicht, welche Währung hier galt. Außerdem hatten sie noch Milch und Apfel. Es war jedoch kein schöner Anblick: Arme Frauen saßen mit ihren Kindern. Sie baten die Reicheren um etwas Essen, aber bekamen keines. Tomas gab einer Frau seinen Apfel, die ihn dankbar ansah. Nun hatten sie selbst nur noch die Milch. Die Jugendlichen hatten ihnen beschrieben, wo sie die Nacht verbracht hatten. Doch noch zogen weiße Wolken über Tangers Himmel. Tomas war sich sicher; hier in einer solchen Armut würde es viele Diebe geben. Und sie hatten einen Krug Milch. Das war für die Leute hier sicher ein Schatz.

Als die Nacht hereingebrochen war, flüchteten sie in einen Hauseingang. In der dunklen Nacht sah man der Stadt gar nichts mehr von ihrer Schönheit an. Im Gegenteil, die sonst so strahlenden Hauswände wirkten grau und verlassen, die See stürmisch und Gefahr bringend. Es war fast so, als ob die Nacht einfach den Tag weg geschoben hätte, und der Tag nie mehr zurückkommen wolle. Nachts war Tanger nicht Tanger. Tomas und Annelis verspürten Heimweh. Am nächsten Morgen gingen sie zum Hafen und fuhren zurück nach Deutschland. Tanger war eine schöne Erfahrung gewesen, aber das von Karl May und das des Geografiebuches waren besser. Tomas hatte sich sein eigenes Bild von der Stadt gemacht und war froh darüber, zu hause zu sein. Sein Vater hatte ihn gesucht, aber er erzählte nichts. Und als Thomas erwachsen wurde, schrieb er ein Buch von Tanger. Zwar hatte er dort nicht viel erlebt, aber er hatte genug Fantasie, um eine schöne Geschichte zu schreiben.

 
Probleme und Lösungen:
Nicht immer ist es einfach die Welt von schizoiden Menschen auch Kindern zu erschließen. Meist grenzt die Grundschule Themen soweit ab und geht willkürlich davon aus, dass die Kinder in einem bestimmten Alter damit noch nicht umgehen können. Wolfgang Koeppen ist tatsächlich auch für Erwachsene schwer zu erschließen. Kinder finden ihre eigenen Anknüpfungspunkte und haben es auf ihre Weise vielleicht einfach. Die Tatsachen, dass Koeppen auch eine Kindheit hatte und dass sein erstes eigenes Buch ein Märchenbuch war, sind Grund, um an dieser Stelle kreative Ansätze zur Auseinandersetzung zu finden. Es ist in diesem Projekt, vor allem durch das vorurteilsfreie Herangehen der Kooperationspartner gelungen, uns als Grundschulpädagogen dieses Vertrauen zu vermitteln.
 
Anekdotisches:
Das Koeppen-Archiv hat Dokumente aus dem Nachlass für Koeppen gefunden, die Koeppen einmal eigens für Kinder aufgesetzt hat. Frau Ebner vom Archiv weißt jedoch darauf hin, dass diese Nachlassdokumente nicht so ohne weiteres verwendet werden dürfen. Aus diesem Grund schreibt sie den Kindern die Adresse des Herrn Raimund Fellingers vom Suhrkamp-Verlag auf, damit dort nachgefragt werden kann, ob diese Skripte zur eigenen kreativen Fortsetzung auch freigegeben werden. Hannes schreibt einen langen Brief, bittet um die Freigabe und vergisst auf dem roten Briefumschlag den Absender zu schreiben. Das fällt ihm aber erst auf, als der handgeschriebene Brief im Postkasten verschwunden ist. Umso überraschter sind alle, dass schon in der ersten Januarwoche die Antwort vom Suhrkamp - Verlag in der Schule ankommt. Irgendwie hat der vielbeschäftigte Herr Fellinger die Adresse unserer Schule ausfindig gemacht. Das ist verblüffend und ein großer Ansporn für die weitere Arbeit.

HIER IST DER BRIEF VON HANNES!

Lieber Herr Fellinger!

Wir sind die "Rasenden Reporter" aus der Karl-Krull-Grundschule in Greifswald. Wir haben in der letzten Woche das Wolfgang-Koeppen-Archiv besucht. Dort haben wir den Beginn eines Märchens entdeckt. Es ist die Geschichte von dem Jungen, der gerne nach Tanger in Afrika fahren möchte. Nur er weiß nicht wie. Wir wollen dieses Märchen gerne zu Ende schreiben. Dazu haben wir Ideen. Erlauben Sie uns das?

Wir sind in der 4. Klasse und suchen in Greifswald nach Spuren von Wolfgang Koeppen. Den "Märchenzipfel" haben wir schon entdeckt und da möchten wir uns jetzt auch mal versuchen.
Unser Motto: Mit Koeppen kann man sich auch schon in der Grundschule beschäftigen!
Wir freuen uns über eine schnelle Antwort und Ihre Erlaubnis!

Danke!
Ihre "Rasenden Literatur-Reporter"!
... und liebe Grüße von Frau Monika Ebner. Sie hat uns Ihre Adresse gegeben.

HIER DIE ANTWORT VON HERRN FELLINGER!

Liebe "Rasende Reporter",

unter der Weihnachtspost war ein Brief von euch, der mich sehr gefreut hat. Selbstverständlich erlaube ich Euch das Märchen von Wolfgang Koeppen "Für Frau Middelhauve" (ihr wisst, wer das ist?) weiterzuerzählen. Allerdings ist diese Zusage an eine Bedingung geknüpft. Die Resultat beziehungsweise die Texte möchte ich gerne in der Verlag gesendet bekommen, in Kopie. Für alle weiteren Fragen stehe ich euch immer zur Verfügung.

Viel Vergnügen und gutes Gelingen
wünscht

Raimund Fellinger

WIR SCHREIBEN ZURÜCK!

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns über ihren Brief gefreut haben. Wir haben gemerkt, dass wir vergessen hatten, unseren Absender auf unseren Brief an sie aufzuschreiben. Umso mehr haben wir gestaunt, dass sie uns sooo schnell geantwortet haben.

Wir haben jetzt schon einiges geschafft. Eine Geschichte von Tanger ist bereits fertig und das "Nashorn-Gedicht" ist auch schon da. Wir versuchen es von allen Seiten. Jetzt malen wir Illustrationen. Macht uns alles viel Spass!

Wir wissen jetzt, wer Frau Middelhauve ist. Sie hat einen Kinderbuchverlag gegründet und wir haben mindestens alle ein Buch von ihr zu Hause: Mulle Wap, Frederick oder "Der Käferjunge". Jetzt wissen wir auch, warum Koeppen mit einem Märchen anfing... Er wollte sich bestimmt als Kinderbuchschreiber ausprobieren.

Viele dicke Grüße!
Ihre Literaturreporter

Wie es weiter geht berichten wir dann ganz schnell. Ihre Rasende Tina!