„Eine kleine Weltreise“Interkulturelle Kompetenzen sind wichtig. Gerade in einer Zeit, in der eine stetig steigende Kulturvermischungen innerhalb der Länder stattfindet.
Eine erste Auseinandersetzung mit fremden Kulturen findet heutzutage oft bereits im Kindergarten statt und setzt sich in den späteren Bildungseinrichtungen fort. Unbewusst projezieren Menschen im ersten Stadium der Begegnung ihr eigenes Bezugssystem auf andere und können dadurch Unterschiede zwischen einander erkennen. Der dadurch bewusst werdende Kontakt zu Fremdem und Neuem verunsichert nicht selten und so ist ein gegenseitiges Kennenlernen - also eine interkulturelle Begegnung - Grundvoraussetzung für die Entwicklung gegenseitiger Empathie.
Dies wird besonders dann notwendig und sollte eine gefestigte Kompetenz sein, wenn Vorurteile gegenüber fremder Kulturen im Umfeld laut werden.
Durch diese Ansicht motiviert, haben wir an unserer Schule (kurz nach der Eröffnung) ein Projekt gestartet, dass sich mit den Ländern der Welt und deren Kulturen beschäftigt.
Ohne detaillierte Informationen über den Inhalt des Projektes zu geben, luden wir die Kinder ein, ein erstes Projekttreffen zu besuchen.
Dafür vorbereitet lag in unserem Raum für sog. „kosmische Erziehung“ (was Geographie, Biologie, Sozialkunde und Religion beinhaltet) auf einem Tuch am Boden eine leere Weltkarte und ein kleiner Globus.
Im Kreis darum herum sitzend haben wir als erstes besprochen, wo wir uns auf dieser Erdkugel gerade befinden, wie das Land und wie der dazugehörige Kontinent heißt.
Anschließend konnte jeder Schüler berichten, in welches andere Land er bereits einmal gereist ist und was er von seinem Besuch dort noch weiß.
Nach diesem ersten Bewusstwerden von der Vielzahl an Ländern und unterschiedlichen Kulturkreisen auf unserer Erde, stellte ich vor, worum es in unserem Projekt gehen soll.
"Nacheinander werden wir von nun an unterschiedliche Kontinente bereisen und eine Auswahl der sich dort befindlichen Länder besuchen. Wir werden uns diese dann etwas genauer anschauen. Wir werden große oder besondere Städte in diesem Land bereisen, die Sprache der dort lebenden Menschen anhören, lernen, wie die Menschen dort leben und welche Religionen in diesem Land vertreten sind. Wir werden ein paar landestypische Gerichte nachkochen, uns das dort herrschende Klima und die daraus folgende Gestaltung der Natur anschauen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu unserem Land erforschen."
Nachdem ich als Initiatorin dieses Projektes das erste zu bereisende Land ausgewählt und vorbereitet hatte, obliegt die Wahl der folgende Reiseziele den Wünschen der teilnehmenden Kinder.
Nach unserem Konzept des ganzheitlichen Lernens wird das entsprechende Land mit allen Sinnen erfahren. Die Auseinandersetzung mit Text- und Bildmaterial gehört ebenso dazu wie das landestypische Kochen, das Erlernen landestypischer Tänze, das Hören und Sprechen der jeweiligen Sprache, etc.
Die von uns an die Schüler gelieferten Informationen belaufen sich auf das nötigste Minimum, um den notwendigen Freiraum für Eigentätigkeit zu gewährleisten. Ein geringes Maß an Informationen erhält, bzw. fördert weitergehendes Interesse, wohingegen ein Übermaß an gelieferten Fakten das vielleicht vorerst vorhandene "Interesse an der Sache" ersticken kann.
Zum Nachforschen stehen den Kindern verschiedene Materialien bereit (Atlas, Flaggenbuch, Buch über verschiedene Kulturvölker, etc.), deren Nutzung wir bei Bedarf anleiten.
Während der Projekttreffen erkennen die Kinder nicht selten, dass sie bereits selbst über Kenntnisse zu dem bereisten Land verfügen und bringen diese in die Gruppe ein. In diesen Momenten können sie sich als Experten in einem bestimmten Bereich erleben.
Ein Prozess, der von uns erhofft und nun auch begonnen hat ist, dass die Kinder den Wert ihrer eigenen, für uns vielleicht neuen Kultur kennen und schätzen lernen und diesen mit Freude in das Projekt mit einbringen möchten.
Aus eigener Initiative kam diesbezüglich auch die Idee auf, die Eltern mit einzubeziehen und für ein landestypisches Kochangebot zu engagieren.
Von den Eltern wurde diese Idee bereits mit hoher Kooperationsbereitschaft angenommen.
Als institutionellen Kooperationspartner haben wir das Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main gewählt, in dem wir von nun ab zu jedem bereisten Land/Kontinent eine dazu passende Führung besuchen können.
Zu unserem letzten Aufenthaltsort „Indien“ bot uns das Museum eine Führung durch die Ausstellungen „Hochzeiten in Indien“, so wie eine Ausstellung zum Thema „Buddhismus“an, gefolgt von einem Workshop, den die Kinder mitgestalteten.
Entgegen kommt uns hierbei, dass der Grundgedanke des Museums, Kultur "begreifbar" zu machen, mit einem unserer wichtigsten Grundsätze (nach Maria Montessori) übereinstimmt: "Lernen durch begreifen".
Die Kenntnisse, die wir über jedes Land gewinnen, sammeln wir in einem gemeinsam angelegten Ordern, der den Kindern ermöglichen soll, eventuell zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in ein bestimmtes Land zurück zu reisen und dort Daten und Fakten noch einmal nachzulesen, den entsprechenden Kontinent noch einmal anzuschauen, die Landesflaggen anzusehen, die angrenzen Länder zu betrachten, oder sich unsere zugehörigen Aktivitäten noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.
Die einst leere Landkarte wird sich nun nach und nach füllen, bis wir schließlich jeden Kontinent mindestens einmal betreten haben.
In unserem Regal für die Materialien der "kosmischen Erziehung" befindet sich ein Abschnitt allein für Ausstellungsstücke aus dem Weltreise-Projekt. Es ist farblich umrahmt, so dass es aussieht wie ein Fensterrahmen. Es ist unser "Fenster zur Welt", vor dem auch Kinder zum Staunen kommen, die an diesem Projekt noch nicht teilnehmen.
Die Weltreise-Kinder stehen ihren Mitschülerinnnen und Mitschülern bei aufkommenden Fragen gerne Rede und Antwort. Dabei festigen sie automatisch erlernte Daten und Fakten, erfahren/erproben mit Stolz ihren bereits erworbenen Wissensstand und geben ihr Wissen weiter an Kinder, die nicht teilnehmen.
Parallel würden wir die Idee der Kinder gerne aufgreifen aus den bekannten Fakten zu den bereisten Ländern ein jeweiliges Quiz zu erstellen. Dies könnte eventuell als interaktive/multimedia CD-Rom entwickelt werden, die die Überprüfung des behaltenen Wissens (aus eigener Motivation heraus )ermöglichen könnte.
Dieses Projekt zur Kulturbegegnungen kann nicht nur zu mehr Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung gegenüber fremder Kulturen führen, sondern wirft rückschließend bereits bei den teilnehmenden Kinder die Fragen auf:
Wie heißt denn eigentlich unsere Hauptstadt?
Welche Religionen sind denn in Deutschland vertreten?
Was wäre denn ein typisch deutsches Essen?
Welche Traditionen gibt es denn in Deutschland?
Beide Blicke sind notwendig und wichtig!
Sowohl der Blick über die eigenen Landesgrenzen hinweg, um sich Neuem und Fremdem zu öffnen und interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln.
Aber auch das Interesse am eigenen Land um auch unser eigenes Wertesystem in seiner Relativität erkennen zu können.
Nur aus Beidem kann zwischenmenschliche Empathie über kulturelle Unterschiede hinaus entstehen und ein grundsätzlich positives Identitätsgefühl zur eigenen Kultur entwickelt werden, welches man zu reflektieren in der Lage ist.
Zudem, so erklärt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, "(...) stellen die jeweiligen kulturellen Inhalte und Angebote für die Kinder eine Bandbreite von Handlungskonzepten und Lebensmodellen sowie Antworten auf Fragen nach Welterklärung und Lebenssinn zur Verfügung." (Rolf Witte in: Politik und Kultur, Januar-Februar 2007, Beilage "Kultur-Kompetenz-Bildung" Konzeption kulturelle Bildung, S. 7)
Mit unserem Projekt greifen wir auch den warnenden Hinweis kulturpädagogischer Fachkräfte auf, die bemängeln, dass bislang "Projektangebote zum interkulturellen Lernen oftmals [erst] aufgrund eines akuten Handlungsdruck konzipiert wurden (...)" (ebd.).
Mit der "kleinen Weltreise" setzen wir dagegen auf frühes interkulturelles Verständnis und sehen dieses Angebot als präventive Arbeit.