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2016 RÄUME 1. Projektwoche im ehem. Festsaal Kastaniengarten
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2016 RÄUME 2. Projektwoche Gewächshäuser ehem. Gärtnerei
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2015 WELTEN - Eine Inklusionsstudie
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2016 RÄUME 3. Projektwoche Schulgarten
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2016 RÄUME Kostümworkshop
Räume und Träume - Theater als Praxis inklusiven Lebens
Schule:
August-Hermann-Francke-Schule
Evangelisches Johannesstift Behindertenhilfe gGmbH
Schönwalder Allee 26/Haus 44
13587 Berlin
www.evangelisches-johannesstift.de

Förderschule/Sonderschule / Gebundener Ganztag
 
Verantwortliche Ansprechpartner:
Andreas Merkert
Pädagogische Unterrichtshilfe/Koordinator FB Kunst & Theater
Tel. (030)3360 9214
 
Art des kulturellen Schulprofils:
Fächerübergreifend
 
Anzahl der beteiligten Schüler:
2016 haben 144 Schüler an acht Projekten (mit insgesamt 195 Teilnehmern) teilgenommen
 
Vorstellung und Kurzbeschreibung:
Die August-Hermann-Francke-Schule (AHFS) hat als sonderpädagogisches Förderzentrum mit den Förderschwerpunkten geistige und körperlich-motorische Entwicklung schon immer schwerpunktmässig mit musischen Angeboten gearbeitet.

Seit Ende der 90er Jahre bildet neben Musik und Bildender Kunst THEATER einen Schwerpunkt der kulturellen Bildungsarbeit.
Waren es ursprünglich große klassenübergreifende Theaterprojekte, an denen alle Klassen beteiligt waren, die das Schuljahr prägten, sind es seit 2010 Unterrichtsphasen, in denen alle Klassen an jeweils eigenen kleineren Projekten arbeiten.

Seit 2014 werden Theaterprojekte als Inklusionsangebote mit unserem Partner Evangelische Schule Spandau (ESS; Grundschule und Integrierte Sekundarschule I) durchgeführt.

Lag die Intention der Arbeit Anfangs auch darin, zu beweisen, dass schwer mehrfach behinderte Schüler in komplexen Aufgaben sehr wohl in der Lage sind eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln und ihnen (auch gegen äussere und innere Widerstände) dafür ein Forum zu bieten, liegt heutzutage der Schwerpunkt darin, Theaterarbeit als prozessorientierte Methode zu nutzen um INKLUSION in Arbeitsabläufen zu erproben (Theater als Praxis inklusiven Lebens) und den Prozess des Zusammenwachsens von zwei unterschiedlichen Schulen (mit jeweils unterschiedlichen Organisationsformen und pädagogischen Ansätzen) zu begleiten und zu hinterfragen.

 
Welche Fächer sind beteiligt?
Der THEATERMAI (April-Juni) findet in allen Klassen der AHFS statt. Die kulturellen Bildungsangebote bestimmen den gesamten Stundenplan, Unterrichtsinhalte und Förderziele werden mit künstlerischen Mitteln umgesetzt. Theater als integrativer Bestandteil des Unterrichts, Projektarbeit wird zur bevorzugten Unterrichtsgestaltung

Bei den inklusiven Angeboten wurden unterschiedliche Formen ausprobiert. Die Schüler der AHFS kommen aus mehreren Klassen. Entscheident ist das Interesse der Schüler, bei Schülern, die sich nicht alleine äussern können, die Einschätzungen des Klassenpersonals. Entscheident ist auch (entsprechend den Einschränkungen) der Assistenzbedarf der Schüler bzw., wenn dieser extrem hoch ist, die Frage der personellen Kapazitäten.

Die ESS nimmt aus organisatorischen Gründen eher mit ganzen Klassen oder Kursen teil (1., 2., 4., 6., und 9.Schuljahr). In zwei mehrmonatigen Theaterkursen arbeiteten Schüler des Wahlpflichtkurses Sozial-Diakonisches Lernen (ESS, 8. Jahrgangsstufe) und des Berufsqualifizierendes Lernen (AHFS, Abschlussstufe) zusammen.

2016 fanden zwei Projekte im Rahmen des Faches Deutsch statt.
Für 2017 ist ein Projekt im Rahmen des Religionsunterrichtes geplant.

Die Durchmischung der inklusiven Gruppen ist sehr unterschiedlich und reichte z.B. bei einem Projekt mit 27 Schulanfängern (24 ESS : 3 AHFS) bis hin zu ausgewogeneren Gruppen: 25 Oberstufenschüler (13 ESS : 12 AHFS).

 
Beteiligte Lehrkräfte:
Die AHFS verfolgt als sonderpäd. Förderzentrum einen ganzheitlichen Unterrichtsansatz und arbeit mit multiprofessionellen Teams (Sonderpädagogen, Lehrer, Sozialpädagogen, Erzieher, Heilerziehungspfleger, Therapeuten, Krankenpflegepersonal, Nichtfachkräfte). Einige der Mitarbeiter haben Zusatzqualifikationen (Theaterpäd., Musik, Bewegung, Psychomotrik etc.)

Schwerpunkte der Inhalts- und Methodenprofile kultureller Arbeit können u.a. folgenden Bereichen zugeordnet werden: Theater, Musik, Bildende Kunst, Kulturtechniken, Berufsqualifizierendes Lernen, Unterstützte Kommunikation, Basale Förderung, Religion, Sport, Bewegung & Tanz, Rollstuhltanz.

Der kulturspezifische Ansatz wird von allen Mitarbeitern mitgetragen (75 Mitarbeiter). Im Theaterprojekt RÄUME waren im Jahr 2016 28 Schulmitarbeiter und 20 freie Mitarbeiter (Honorarkräfte, Ehrenamtliche, Praktikanten) beteiligt.

 
Stundenvolumen:
Während der Projektphase THEATERMAI (April-Juni) arbeiten alle Klassen der AHFS an ihren jeweiligen Projekten, das bedeutet, dass die kulturelle Arbeit den gesamten Unterricht in diesem Zeitraum umfassend prägt.

In den inklusiven Theaterprojekten arbeiten die Schüler in den Kursen über einen Zeitraum von drei bis fünf Monaten jeweils zwei bis vier Stunden die Woche zusammen. Die Kurse werden mit Projekttagen eingeleitet und mit Projektwochen (Intensivprobenphase) beendet.

Darüberhinaus wurden 2016 vier Theater-Projektwochen (á 25 Zeitstunden) durchgeführt.

 
Auslöser/Idee:
Der Musiklehrer Werner Beusterien regte 1997 mit dem Musical „Der Regenbogenfisch“ eine Theaterproduktion an, an der die gesamte Schule beteiligt war.
Seitdem fanden mehrere Theaterproduktionen statt, an denen alle Klassen mitwirkten.

Wichtig war ihm zu zeigen, dass Theater ein geeignetes Instrument ist, um Fähigkeiten der Schüler zu fördern und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Er wollte, dass auch schwerstbehinderte Schüler in einem großen Format wahrgenommen werden. In Kollegium und Elternschaft wurde der Diskurs über Zielsetzung und Bedenken von integrativer Kulturarbeit angeregt.

1997/1998 Der Regenbogenfisch
1999/2000 Komm und flieg mit mir fort
2004 Über den Wolken

2007-2009 JEKAWA-Jeder kann was
https://www.youtube.com/watch?v=phMT7vXZBrI&t=307s (Aufzeichnung der Aufführung, 1. Hälfte)
https://www.youtube.com/watch?v=VJUV8uB4lKs (Dokumentation)

 
Entwicklung:
Die letzte große Produktion an der alle Klassen beteiligt waren war 2007-09 das Stück JEKAWA-Jeder kann was. Die Produktion dieses Musiktheaterstückes entsprach der traditionellen Arbeitsweise mit stark durchstrukturierten und organisierten Probenphasen (Einzelszenen, Chor, Orchester, Gesamtdurchläufe etc.). Diese komplexe Arbeitsweise erwies sich als den individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten der besonderen Schülerschaft (höherer Anteil an schwerst behinderten Schülern) nicht gerecht werdend. Daher entschieden wir uns, zukünftig eher mehrere kleinere Produktionen umzusetzen, in denen man stärker auf die Ressourcen und Bedürfnisse der Schüler eingehen könne. Es fand ein Studientag statt um zu klären, in welcher Form kulturelle Bildung an der AHFS stattfinden soll. Es wurde als Format der THEATERMAI entwickelt, der nun seit 2010 regelmäßig stattfindet:

In der Zeit zwischen den Oster- und den Sommerferien erarbeiten alle Klassen ihre selbstgewählten Unterrichtsinhalte mit künstlerischen Mitteln und präsentieren ihre Ergebnisse zum Tag der offenen Tür der AHFS (kurz vor den Sommerferien). Es entstanden Theaterproduktionen, Performance, Multimediaproduktionen, Videofilme, Hörspiele, Bücher, Ausstellungen und andere Formate. Diese Produktionen finden meist in Klassen oder Klassenpartnerschaften statt.

Darüber hinaus finden neben dem Unterricht in den Klassen auch ganzjährig klassenübergreifende Angebote (Theater, Kunst AG, Rollstuhltanz, Percussiongruppe) statt.
Über das Jahr verteilt finden verschiedene Veranstaltungen statt (Wochenendkreise, Einschulungsfeier, Abgangsfeier, Weihnachtsfeier, Jubiläen, Sommerfest etc.) die von wechselnden Gruppen ausgestaltet werden (Musik, Tanz, Theater, Bildende Kunst).

Ein Schwerpunkt der klassenübergreifenden Angebote liegt in der Theaterarbeit:

Seit 2010 THEATERMAI (dreimonatige Projektunterrichtsphase mit künstlerischen Mitteln an der gesamten Schule)

2012-15 als erstes Berliner Förderzentrum Teilnahme an einer TUSCH-Partnerschaft (TUSCH Berlin mit den Künstlern Ben Block und Tobias Daniel Reiser) mit den Produktionen:
2012/13 Klang- und Bewegungsperformance
2013/14 „Aus alten Märchen ...“ ein Bilderbogen nach H.Heine & R.Schumann
2014/15 „Welten – eine Inklusionsstudie“ erstes klassenübergreifendes inklusives Theaterprojekt gemeinsam mit Schülern der ESS

2016 „RÄUME_2016“ – Eine Erforschung von Räumen im Evangelischen Johannesstift mit acht klassenübergreifenden inklusiven Theaterprojekten mit 144 Schülern aus beiden Schulen zwischen 7 und 18 Jahren sowie sechs freischaffenden Künstlern und Theaterpädagogen (AHFS & ESS, Förderung durch den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung)
2017 RÄUME & TRÄUME (Für das erste Halbjahr sind ein Theaterkurs sowie zwei Projektwochen geplant)

 
Kooperation:
Eine TUSCH-Partnerschaft ab 2012 bot uns die Möglichkeit, mit professionellen Künstlern zu arbeiten (Ben Block: Tanz, Choreografie; T.D.Reiser: Musiktheater), die nicht primär nach pädagogischen Gesichtspunkten agierten und aufgrund ihrer Distanz und ihrer fehlenden Vorerfahrung im Umgang mit behinderten Schülern einen unverstellten Blick auf unsere Schüler und die künstlerische Arbeit mit ihnen haben.

Die Teilnahme am TUSCH-Festival (auf der großen Bühne des Podewil in Berlin-Mitte) und an den Spandauer Grundschultheatertagen in der jugendtheaterwerkstatt spandau waren für unsere Schüler wichtige Erfahrungen. Sie mussten sich innerhalb des Zeitplans eines Festival-Programms in einer für sie unbekannten (teilweise nicht barrierefreien) Umgebung bewähren.

Durch die TUSCH-Partnerschaft haben sich Kontakte ergeben, die zur Gründung eines Berliner Netzwerkes Theater-Schule-Inklusion führten. Dieses Netzwerk bringt Akteure aus Theatern, Bildungseinrichtungen und Forschung, die sich mit den Themenfeldern Kultur, Bildung und Teilhabe befassen, in einen Dialog und plant, diesen Prozess u.a. mit Fortbildungen zu unterstützen.

Durch die Förderung der Theaterarbeit durch den Berliner Projektfonds kulturelle Bildung im Jahr 2016 konnte der Kreis an freischaffenden Künstlern und Theaterpädagogen erweitert werden. Dies trug zu einer Methodenvielfalt und der Erweiterung von ästhetischen Handschriften bei.

 
Wichtigste Kooperationspartner:
TUSCH Berlin http://www.tusch-berlin.de
Netzwerk Theater-Schule-Inklusion http://www.tusch-berlin.de/inklusive-theaterarbeit/
Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung http://www.kubinaut.de/de/finanzen/berliner-projektfonds-kulturelle-bildung/
Förderverein der August-Hermann-Francke-Schule http://www.ahf-foerderverein.de/
jugendtheaterwerkstatt spandau http://jtw-spandau.de/

Evangelische Schule Spandau http://www.ev-schule-spandau.de/home-spandau/
Stiftung Evangelisches Johannesstift http://www.evangelisches-johannesstift.de
Evangelisches Johannesstift Behindertenhilfe gGmbH http://www.evangelisches-johannesstift.de/behindertenhilfe

Beteiligte Künstler und Theaterpädagogen:
Tobias Daniel Reiser (2012-2016) www.tobias-daniel-reiser.de
Ben Block (2012-2016) www.benjaminblock.de
Sebastian Stert (2016) www.sebastianstert.de
Diana Juneck (2016) http://diana-juneck.de/
Susanne Briel (2016)
Benjamin Böcker (2016)

 
Besonderheiten:
Als Privatschule (Ersatzschule) und Förderzentrum haben wir die Möglichkeit, Unterricht an dem individuellen Bedarf der Schüler auszurichten und innovative Unterrichtsmodelle auszuprobieren. Die Unterrichtsangebote werden im Team entwickelt und durchgeführt.

Die Zusammenarbeit mit (professionelllen) Künstlern und die Kunsterfahrung wirkt sich auf über die eigentliche Kulturarbeit hinausgehende pädagogische Prozesse aus und beflügelt diese.

Wir suchen neue Wege: Das Theaterprojekt RÄUME sah vor, dass wir mit unseren Schülern die Schule verlassen und Räume im Johannesstift aufsuchen, die uns als Grundlage für unsere Theaterarbeit dienen. Wir haben Projekte in einem (mehrere Jahre leerstehenden) ehemaligen Festsaal des Johannsstiftes, der Stiftskirche, leerstehenden Betriebsgebäuden der ehemaligen Gärtnereibetriebe (Werkshalle und Gewächshäuser), dem Schulgarten der ESS sowie dem parkartigen Aussengeländes des Johannsstiftes realisiert.

 
Probleme und Lösungen:
Eine große Schwierigkeit in der Zusammenarbeit der beiden Schülergruppen besteht in der Unterschiedlichkeit der beiden Schulformen. Das betrifft sowohl die unterschiedlichen Organisation von Unterricht (vorgegebener Rahmenlehrplan und fester Stundenplan mit Fachunterricht bzw. Fachlehrern vs. individuellen, ganzheitlichen Unterrichtsformen durch pädagogische Teams), aber auch den unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Kollegen, Eltern und Schulbehörden.

Termine müssen langfristig geplant werden. Alle Bereiche von Schulorganisation aber auch die Eltern wollen ausführlich und sehr kleinteilig informiert werden. Im Fall des Projektes RÄUME konnten wir nicht langfristig planen, da wir erst sehr kurzfristig das Einverständnis des Stiftungsvorstandes zur Nutzung der (schulfremden) Räume (Festsaal, Kirche, Werkhallen, Gewächshäuser) erhalten haben. Das hatte einerseits mit den Strukturen der Entscheidungsträger (Geschäftsführung, Vorstand, Immobilienmanagement) andererseits mit Formalitäten (Haftungsfragen, Versicherungsschutz etc.) zu tun.

 
Anekdotisches:
Besonders beeindruckend ist es immer wieder zu erleben, wie sich das Verhältnis der Schülergruppen zu einander verändert. Wenn ältere Schüler, die noch keine persönlichen Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht haben regelmässig mit Schülern mit Förderbedarf zusammenkommen und gemeinsame Aufgaben bewältigen, stellt sich schnell eine Normalität im Umgang miteinander ein. Von den Schülern wird dieser Prozess als durchgängig positiv beschrieben.
Als Pädagogen erleben wir relativ schnell, dass eine gewisse Scheu und Behutsamkeit gegenüber den behinderten Schülern abgelegt wird und einem normalen Umgang weicht. Das zeigt sich auch im Sprachgebrauch: Während man Anfangs die behinderten Schüler schont, werden diese nach einiger Zeit auch angepflaumt und es ihnen klar gesagt wenn "sie nerven".